20.09.2019 - 13:20 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

Das eigene Leben reflektieren

Der Oberpfälzer Jürgen Kirner (59) zählt mit zu den engagiertesten Kabarettisten in Bayern. Man kennt ihn von der Couplet AG und den "Brettl-Spitzen". In "Lebenslinien" erzählt er aus seinem Leben:

Lebt zwar in München, ist aber Oberpfälzer durch und durch: Kabarettist und Sänger Jürgen Kirner.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Wer ein Faible für Kleinkunst und Kabarett aus Bayern hat, der kommt an Jürgen Kirner nicht vorbei. Der gebürtige Oberpfälzer aus Hemau ist Gründer und „Kopf“ der Couplet-AG, außerdem Gastgeber der „Brettl-Spitzen“ im Bayerischen Fernsehen. Am Montag, 23. September, wird er in der Reihe „Lebenslinien“ des Bayerischen Fernsehens (22 Uhr) unter der Überschrift „Ein Oberpfälzer auf der Oidn Wiesn“ porträtiert.

ONETZ: Herr Kirner, in der 45-Minuten-Dokumentation geben Sie einen sehr privaten Einblick in Ihr Leben. Haben Sie lange überlegt, ob Sie bei dem Format mitmachen?

Jürgen Kirner: Als die Anfrage kam, und das waren witzigerweise gleich drei Autoren hintereinander, die sich bei mir gemeldet hatten, hab ich sofort ja gesagt. Da ich schon seit ewigen Zeiten absoluter „Lebenslinien“-Fan bin, war das eher für mich eine große Ehre. Zudem ist es eine wunderbare Möglichkeit, sein eigenes Leben zu reflektieren – nochmals intensiv in der Kinder- und Jugendzeit zu graben und an die früheren Orte sowie Lebensmittelpunkte zurückzukehren.

ONETZ: Das lange Verstecken Ihrer Homosexualität hat – wie in der Dokumentation immer wieder deutlich wird – große Teile Ihres Lebens und Ihrer persönlichen wie beruflichen Entwicklung geprägt. Wie hat sich nach Ihrer Einschätzung das gesellschaftliche Klima heute verändert im Vergleich zu den 70er und 80er Jahren?

Jürgen Kirner: Vermeintlich hat sich die Situation positiv verändert. Aber in Zeiten des wieder aufkeimenden Nationalismus, in denen rechtsradikale Strömungen mehr und mehr Zuspruch erhalten ist das Gegenteil der Fall. Wenn eine Frau Ebner-Steiner (AfD) rechtlich unbeschadet öffentlich sagen darf, „dass Homosexualität an sich eine Gefahr für den Nachwuchs ist – ansonsten entwickelten sich Kinder zu deutschfeindlichen, kiffenden und kranken Straftätern“, ist das mehr als bedenklich. Ich sage immer, in unserer Gesellschaft gibt es eine geheuchelte Liberalität. Solange Menschen auf ihre Sexualität reduziert werden, gibt es keine Gleichheit. Es macht doch einen Menschen nicht aus, wie er sexuell orientiert ist, sondern was er kann, was er an Intelligenz und Herzensbildung mitbringt. Nur das ist wichtig.

ONETZ: Der ausgelassene und extrovertierte Künstler, dem man auf der Bühne erlebt, der Workaholic, der keinen Urlaub braucht – in dem Film klingt an, dass dies die Ventile für nicht ausgelebte Freuden des Lebens waren. Sie betonen auch, dass Sie immer vor sich selbst davongelaufen sind. Wann hat dies für Sie aufgehört, wann mussten Sie nichts mehr verstecken und nicht mehr weglaufen?

Jürgen Kirner: Das war ein längerer Prozess, der sehr viel Kraft und auch Verzicht erforderte. Ich denke, die Freiheit, die ich nach meinem Wohnortwechsel nach München erlebte, hat sehr viel dazu beigetragen. Im Nachhinein kann ich sagen, es war für mich damals die einzig richtige Entscheidung. Keine Parteikarriere anzustreben, sich auch nicht beziehungstechnisch anzupassen, sondern zu sich selber stehen und Beste daraus machen. Ich finde es schlimm, dass sich auch heute im 21. Jahrhundert noch so viele verstecken müssen und nach außen hin „klassische“ Ehen führen, nur um den Schein zu wahren und sich dem Druck der Familie und der Gesellschaft unterordnen.

ONETZ: Seit über 25 Jahren sind Sie der Kopf der Couplet-AG. Zahlreiche Ehrungen hat es für das Ensemble bereits gegeben. Vergangene Woche ist noch der Waldschmidt-Preis 2019 im Landkreis Cham dazugekommen, Laudatorin war Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen wie diese?

Jürgen Kirner: Auszeichnungen sind immer ein Zeichen der Wertschätzung. Wenn Menschen in großer Anzahl Freude an dem haben was du geschaffen hast, ist das ein wohltuendes Gefühl, das bestärkt und beflügelt. Wenn sich das in einem Preis ausdrückt, ist es umso schöner. Ganz besonders, wenn man den Preis von einer lieben Freundin und großartigen Frau wie Ilse Aigner überreicht bekommt. Der Waldschmidt-Preis wird ja jährlich an Persönlichkeiten oder Organisationen, die sich literarisch, musikalisch oder künstlerisch um Bayern verdient gemacht haben verliehen. Insofern ist es eine große Ehre!

Info:

Service

Wer Jürgen Kirner live auf der Bühne erleben will, hat am 18. Oktober (20 Uhr), im Schloss-Stadl in Schmidmühlen die Gelegenheit bei „Das Beste - 25 Jahre Couplet-AG“. Tickets unter www.nt-ticket.de. Bereits ausverkauft sind die „Brettl-Spitzen“ am 22. November in der Oberpfalzhalle Schwandorf. Weitere Infos unter www.couplet-ag.de

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