21.07.2020 - 15:33 Uhr
EschenbachDeutschland & Welt

Lehrer lassen das Verbrechen ins Schulhaus

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Die Schule als gefährlicher Ort. Krimi-Herausgeber Daniel Badraun erzählt im Interview, wie er seine Mit-Autoren – unter anderem einen ehemaligen Oberpfälzer Lehrer – gefunden hat und was an der Schule so gefährlich ist. Oder sein kann.

Lehrer, Autor und Herausgeber der Krimianthologie "Mord zur großen Pause": Daniel Badraun
von Anke SchäferProfil

Lehrer sind auch nur Menschen. Und manchmal Autoren, denen ein Mord in Gedanken nicht fremd ist. Wie der Eschenbacher Raimund A. Mader, der im druckfrischen Schulkrimi-Band „Mord zur großen Pause“ das Verbrechen in die Oberpfälzer Schulen lässt. Insgesamt sind es 21 Pädagogen aus Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz, die mit ihrem zumeist über Jahrzehnte geschulten Sinn für die Abgründe des Schulkosmos ihren Arbeitsplatz zum Tatort umfunktionieren. Warum die Schule quasi von Haus aus ein gefährlicher Ort ist und wie er seine Mit-Autoren gefunden hat, erzählt Herausgeber Daniel Badraun im schriftlich geführten Interview:

ONETZ: Herr Badraun, echte Lehrer, die ihren schulischen Mordfantasien freien Lauf lassen – geht da ab jetzt die Angst um in den entsprechenden Klassenzimmern?

Daniel Badraun: Na ja, die Schule war schon immer ein gefährlicher Ort, da gibt es Gift, Gas und jede Menge Frustrationen ... Nein, natürlich nicht, die Kolleginnen und Kollegen können weiterhin ohne Furcht zur Arbeit kommen, auch die Kinder sind nicht in Gefahr. Krimischreibende Lehrerinnen und Lehrer unterrichten mit Engagement und gehen daneben in ihrer Freizeit einem nicht ganz alltäglichen Hobby nach, dem Schreiben von Krimis.

ONETZ: Im Vorwort ist zu lesen, eine stille Winternacht im Skilager habe Sie auf die Idee zum Buch gebracht. Warum ausgerechnet ein an sich so friedliches Szenario?

Ich brauche Ruhe, um neue Ideen zu entwickeln. Am besten nachdenken kann ich während einer Fahrradtour draußen in der Natur oder bei einer guten Tasse Assam-Tee am Abend. Als die Rabauken nach einem ereignisreichen Tag auf der Skipiste endlich schliefen und im Haus Ruhe einkehrte, kam mir die Idee, dass es draußen in der Welt sicher noch andere Leute im Schuldienst gibt, die Krimis schreiben.

ONETZ: Wie schwierig war es im Weiteren, Pädagogen mit krimineller Fantasie und literarischer Erfahrung zu finden?

Einige Lehrerinnen und Lehrer, die fantastische Krimis schreiben, kannte ich bereits, zu den anderen kam ich durch persönliche Empfehlungen und durch Herumfragen. Es war aber schon ein schönes Stück Arbeit, sie alle anzuschreiben und am Ende die Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln zu versammeln.

ONETZ: Der überwiegende Teil der AutorInnen hat Jahrzehnte im Schuldienst verbracht. Wächst mit der Erfahrung auch die Lust zu morden?

Unterrichten ist ein harter Job. Es gibt viele pädagogisch Tätige, die neben ihrer Lehrtätigkeit einen Ausgleich brauchen. Nicht alle wollen auf Malta meditieren, in der Südsee surfen oder in der Toscana malen. Einige setzen sich an den Laptop und beginnen zu schreiben. Wer schreibt, beschäftigt sich früher oder später mit seinem engeren Umfeld. Und wer Krimis schreibt, lässt das Verbrechen auch in sein Schulhaus herein.

ONETZ: Lagen die Geschichten eigentlich schon in der Schublade oder sind sie eigens für die Anthologie entstanden?

Die Idee mit der Anthologie war für uns alle neu, darum haben sich die einzelnen Autorinnen und Autoren mächtig ins Zeug gelegt, um etwas ganz Spezielles für den Band zu schreiben. Bei „Mord zur großen Pause“ gibt es lauter Originale zu lesen.

ONETZ: Haben Sie sich mit den Kollegen im Vorfeld auch persönlich ausgetauscht?

Schreiben ist eine einsame Arbeit, die erledigt jede und jeder für sich alleine. Ich habe gewisse Vorgaben gemacht und zusammen mit dem Verlag einen Terminplan ausgearbeitet. Dann hieß es warten. Bald schon bekam ich eine Geschichte nach der anderen zugeschickt und war positiv überrascht, was in den verschiedenen Schulen so alles passieren kann.

ONETZ: Wie gut stehen aus Ihrer erfahrenen Sicht die Chancen, dass „Mord zur großen Pause“ demnächst auch Schullektüre wird?

Das Buch wurde von erfahrenen Pädagoginnen und Pädagogen geschrieben, dazu in einwandfreiem Deutsch, da waren Fachleute am Werk, die den alten Goethe, die Ingeborg Bachmann und den Max Frisch kennen. Gute Voraussetzungen also. Andererseits wollen wir nicht Prüfungsstoff für geplagte Jugendliche sein, sondern einfach nur beste Unterhaltung und einen etwas anderen Einblick in den Schulalltag geben. Das ist doch auch etwas, oder?

Oberpfälzer Buchhandlungen in Coronakrise

Regensburg
Buchcover
Info:

Zum Buch

Der von Daniel Badraun herausgegebene Kurzkrimi-Band "Mord zur großen Pause",Taschenbuch, 284 Seiten, ist am 10. Juni im Gmeiner Verlag erschienen und kostet 11 Euro.

Info:

Zur Person

Daniel Badraun wurde 1960 in Samedan im Engadin/Schweiz geboren. Seit 1989 arbeitet er als Kleinklassenlehrer in Diessenhofen/Thurgau und war einige Jahre Abgeordneter im Kantonsparlament Thurgau. Er schreibt unter anderem für das Leseförderprojekt "Geschichtendock". Im Gmeiner Verlag hat er zwei Kriminalromane veröffentlicht, sein Theaterstück "Schnee von gestern" wurde 2018 uraufgeführt. Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in Schlattingen.

Raimund A. Mader wurde 1952 in Bad Tölz geboren. Bis zu seiner Pensionierung 2017 unterrichtete er Deutsch und Englisch am Gymnasium Eschenbach und am Augustinus-Gymnasium Weiden. Mit "Roter Herbst", "Der König von Weiden" und "Das Kafka-Manuskript" hat er sich auch als Autor einen Namen gemacht. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Eschenbach.

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