Experten sehen in sozialen Medien mehr Chance als Gefahr

Damit es bei Diskussionen in den Netzwerken fairer zugeht, halten Fachleute Regeln für notwendig. Denn der "Raum des Sagbaren ist enorm ausgedehnt worden".

Für die meisten Menschen ein ständiger Begleiter: das Smartphone als Werkzeug für den Austausch in den sozialen Medien.
von Agentur EPDProfil

Soziale Medien können nach Ansicht von Experten trotz eines zunehmend aggressiven Tons in der Sprache eher eine Chance als eine Gefahr für die Gesellschaft sein. Notwendig sei aber eine Verständigung auf Regeln für mehr Fairness bei der Diskussion in den Netzwerken, betonten Medienvertreter und Wissenschaftler bei einem Expertengespräch zum Thema im Düsseldorfer Landtag.

"Der Stammtisch ist in den öffentlichen Raum verlagert und der Raum des Sagbaren enorm ausgedehnt worden", befand Jeanette Hofmann, Leiterin der Forschungsgruppe "Politik der Digitalisierung" am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung. Das habe jedoch zur Folge, dass die Öffentlichkeit mit Meinungen konfrontiert werde, die früher so nicht nach außen gedrungen seien. Doch habe das Netz nichts von dem, "wovon wir uns abwenden", ursächlich hervorgebracht.

Im Kern seien die sozialen Netzwerke durch das Grundrecht der Meinungsfreiheit geschützt. Insofern müsse die Öffentlichkeit auch "aushalten, was gesagt wird", betonte Hofmann. Dazu gehöre auch, dass der Bürger lügen dürfe. Ein Problem sieht Hofmann in der zunehmend polarisierten Diskussion im Netz, die das Gefühl von Zugehörigkeit zu Leuten mit der gleichen Meinung stärke. Auch dieses Phänomen sei aber nicht neu. So habe es in den 70er und 80er Jahren gegenüber den etablierten Medien Vorwürfe einer einseitigen Berichterstattung gegeben.

Auch für den Chefredakteur des General-Anzeigers Bonn, Helge Matthiesen, überwiegen die Chancen bei den sozialen Medien. Er merkte aber an: "Ohne eine Moderation wird es nicht gehen." Er verglich die Äußerungen in den Netzwerken mit durchaus auch aggressiven Leserbriefen. Der gravierende Unterschied sei jedoch, dass bei der Zeitung die Redaktion die Leserzuschriften prüfe und im Rahmen ihrer rechtlichen Verantwortung über Veröffentlichungen entscheide. Bei den sozialen Medien gebe es dagegen nur die Selbsteinschätzung.

Für ein "Spielzeug", dessen Gefahr unterschätzt worden sei, hält dagegen der Leiter der Forschungsstelle für Medienrecht an der Technischen Hochschule Köln, Rolf Schwartmann, die sozialen Medien. Dass es immer noch an Regulierung fehle, sei ein daraus entstandener Fehler, der behoben gehöre, unterstrich er. Auch der Newsfeed-Algorithmus bei Facebook sei nicht unproblematisch, weil der Anbieter anstatt der Nutzer bestimme, welche Nachrichten man zu sehen bekomme.

Facebook sei sich seiner "großen Verantwortung" bewusst, betonte Unternehmensmitarbeiterin Anika Geisel, die Politiker, Parteien und politische Institutionen bei ihrer politischen Kommunikation auf Facebook berät. Die globale Vernetzung der Kommunikation sei vor allem eine "unglaubliche Chance". So gebe die Plattform auch Menschen eine Stimme, die in nichtdemokratischen Ländern lebten.

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