Wenn Fakten nicht ins eigene Weltbild passen

Die Medien treffen auf einen Argwohn, den es früher so nicht gegeben hat. Das Problem: Fast zu jeder Information gibt es auch eine Gegeninformation.

Wenn Narren phantasievoll das Thema „Fake News“ aufs Korn nehmen: Motivwagen beim Düsseldorfer Rosenmontagszug.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Kommunizieren oder gleich zur Polizei? Was müssen Journalisten und Redaktionen ertragen? Zwei Fragen, die eingehend erörtert wurden beim jüngsten Treffen der Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO). Gastgeber war das Hamburger Abendblatt. Schnell zeigte sich: Kaum eine Redaktion, die nicht schon mal übler Kritik und Hass ausgesetzt war. Doch wie damit umgehen? Die VDMO hatte als Gast zu diesem Thema Burkhard Nagel eingeladen. Er ist journalistischer Qualitätsmanager von ARD-aktuell, der zentralen Fernsehnachrichtenredaktion des Senders, die unter anderem die Tagesschau und die Tagesthemen produziert.

"Wie steht's denn bei uns allen mit der Toleranz, das Gespräch mit Menschen zu suchen, deren Sicht garantiert nicht die unserige ist?" Natürlich, so Nagel, habe diese schwindende Bereitschaft, sich mit Positionen auseinanderzusetzen, die zu eigenen kontrovers sind, Auswirkungen. Hinzu komme, dass die erwähnten selektiven Meinungsräume mit der sinkenden Toleranz gegenüber Fakten, die nicht ins eigene Weltbild passen, schnell und gerne als Fake News gebrandmarkt würden.

Nur die eigene Sicht zählt

Das Web mache die zweiseitige Kommunikation leicht. Das sei gut. Posts, Tweets, Mails - rasch werde protestiert und bewusste Manipulation unterstellt. "Die eigene Sicht ist im Selbstbild natürlich objektiv, unsere wieder ein Beleg dafür, wie die Medien mit den Tatsachen umgehen. Das ist anstrengend", erläuterte Nagel. Er erzählte eine kleine Anekdote aus grauer Vorzeit. Vor einem Jahr ist Erich Helmensdorfer im Alter von fast 100 Jahren gestorben, ein profilierter Auslandskorrespondent und Fernsehjournalist und Anfang der 70er Jahre Moderator des Fernsehquiz' "Ente gut, alles gut" im Ersten. In der Sendung trafen sich sechs Redakteure und Prominente und mussten erkennen, ob Nachrichtenmeldungen der Wahrheit entsprachen oder eine Ente waren. Ente - "die nachrichtenbezogene Verwendung dieses Wortes gibt es, glaube ich, gar nicht mehr", merkte Nagel dazu an. Stattdessen Fake News. "Ente gut, alles gut" vor 45 Jahren, Fake News heute. Was ist da auf der Strecke passiert?, fragte sich Nagel. Ihm scheine es so, dass hier weniger ein journalistisches, sondern eher ein gesellschaftliches Phänomen vorliege.

"Falschmeldungen", stellte Nagel fest, "sind nicht mehr nur einfach ärgerlich und ein menschlicher Fehler, sondern ganz schnell wird ein taktisches Kalkül vermutet. Absichtliche Manipulation und Desinformation. Hier die Lenkung des amerikanischen Wahlkampfs durch wahrscheinlich von Russland initiierte Hackerangriffe, da die politisch motivierte angebliche Unterdrückung von Flüchtlings-Meldungen, um die Lage im Regierungssinne zu schönen."

Es herrscht Verunsicherung

Die vermutete Absicht könne durchaus zutreffen, sie könne aber eben auch nicht zutreffen. "Das genau ist die Ungewissheit und schafft Verunsicherung. Die Medien im Allgemeinen und die Öffentlich-Rechtlichen im Besonderen treffen auf einen Argwohn, den es in dieser Form zu Helmensdorfers Zeiten nicht gegeben hat. Mein Chefredakteur hat vor kurzem in einem getwitterten Statement gesagt, Desinformation dürfe nicht auch noch bezahlt werden. Innerhalb von Augenblicken gab's den Gegentweet, ob der Chef der Tagesschau künftig unentgeltlich arbeiten würde. Na gut. Die Stoßrichtung ist klar." Anfragen und Kritiken sollten dennoch möglichst immer beantwortet werden.

Nagel glaubt, dass der Argwohn vorrangig mit dem zusammenhängt, was er mit dem veränderten Nutzungsverhalten beschrieben hat. Durch die Existenz des Webs seien die Erreichbarkeit der Informationen und der Umfang des Informationsangebotes um ein Vielfaches gestiegen. "Im Grunde eine Überforderung für den Normalverbraucher, aber manchmal auch eine Überforderung für uns Journalisten."

Was stimmt, was nicht?

Zum Gedanken, jeder ist sein eigener Programmdirektor, führte Nagel weiter aus: "Jeder kann sich zusammensuchen, worum es ihm geht. Und jeder tut das auch. Gut. Das Problem: Fast zu jeder Information gibt es auch eine Gegeninformation. Wer sich kundig machen will, steht oft zwischen sich widersprechenden Positionen, bei denen er nicht einschätzen kann, was stimmt. Er kann auch in der Regel nicht erkennen, was interessensgeleitet ist, was eine Manipulationskampagne ist. Aber er glaubt seinen Informationen, weil er sie ja selbst gefunden hat. Und was dazu im Widerspruch steht, wird ganz schnell als Fake News eingeordnet und ausgeblendet."

Und dann gebe es tatsächlich eine Falschmeldung in den etablierten Medien, die ja zunehmend skeptisch beäugt würden. Es sei ja unstrittig, dass das vorkommt. Irgendjemand entlarvt die Falschmeldung als eine solche. Egal jetzt, ob Süddeutsche, FAZ, Tagesschau oder Spiegel. "Die Skeptiker der etablierten Medien werden sehr wahrscheinlich über diese Falschmeldung berichten. Das ist ihr gutes Recht, das müssen sie geradezu. Nur die Folge wird sein, dass der subjektive, meinungsbegründete Eindruck von den Fake-News-Medien in diesem Moment bestätigt ist", so sagte Nagel.

Die Falschmeldung sei jetzt keine "Ente" mehr. Es heiße nicht nur: "Da haben die mal was falsch berichtet." Sondern: "So sind sie, die Medien. Keine Recherche, einfach mal schreiben." Oder mit den Worten von Donald Trump: "Die können einfach schreiben, was sie wollen."

Trump macht's vor

"Wir sollten uns keine Illusionen machen, die Trump-Strategie, Qualitätsmedien zu Fake News zu erklären, wird immer mehr Platz greifen", prophezeite Nagel. Was Hoeneß und Rummenigge beispielsweise mit ihrer Medienschelte letztens kundgetan haben, schwimme auf derselben Welle. Es gebe Parteien - und auch das passe dazu -, die längst das Framing (Einbettung eines Themas in einen subjektiven Deutungsrahmen) als Mittel der politischen Auseinandersetzung entdeckt haben. Die AfD und die CSU gehörten dazu. Das Framing könne eingesetzt werden, um gezielt, fast gehirnwäschenartig, ein bestimmtes Wording (Sprachregelung in der Öffentlichkeitsarbeit) zu platzieren, das zum Beispiel einzelne Personen oder Bevölkerungsgruppen oder Berufsgruppen stigmatisiert oder Ängste schürt. Nagel: "Bei uns sind es die Messer-Migranten, die die AfD ins negative Licht stellen will, oder Söders Asyltouristen, und, und, und. Jeder wird da seine Begriffe im Kopf haben."

Journalistisch betrachtet stellt sich für Burkhard Nagel bei jedem neuen Begriff immer wieder dieselbe Frage: "Sollen wir den Begriff quasi als News transportieren und damit die Debatte um das jeweilige Wort einerseits abbilden, andererseits aber auch befördern? Oder sollen wir es bewusst nicht verbreiten und uns dem Vorwurf der Unterdrückung aussetzen? Wir bezeichnen das ja gerne als Stöckchen und argumentieren mit Inbrunst, man müsse nun wirklich nicht über jedes Stöckchen springen. Muss man auch nicht, aber es erfordert immer wieder die Diskussion, wie verfahren wir im Einzelfall praktisch."

Chemnitz taugt als Muster:

Chemnitz habe Ende August ein wunderbares Beispiel geliefert, wie die Mechanismen, denen wir in zunehmendem Maße ausgesetzt sind, funktionieren, so ARD-Mann Burkhard Nagel: „Junger Deutscher getötet, Syrer und Iraker tatverdächtig. Grund der Tötung unbekannt. Professionelle Mobilisierung der rechten Freundeskreise. In der Neonazi- und Hooligan-Hochburg in Sachsen, mit deutschlandweiter Ausstrahlung. Und alle kommen. Randale, Verletzte, der Staat in der Defensive.

Die sächsische Landesregierung im Dilemma. Voller Angst, gegenüber der starken Pegida/AfD-Klientel weiter an Boden zu verlieren. Windelweiche Erklärungsversuche, wir waren überrascht, wir konnten gar nicht wissen, weil die Vorbereitung ja im Untergrund lief (NSU lässt grüßen!), die Gewalt kam nicht von sächsischen Bürgern, sondern von extra Angereisten, und, und, und. Das Bemühen, zu bagatellisieren, war fast in jedem sächsischen Regierungsstatement greifbar.“

Und die Rechten? „Sie konstruieren eine notwendige Selbstverteidigung, was selbstverständlich keine Selbstjustiz sei, hacken den Haftbefehl und mokieren sich über die Löschung von dazugehörenden Facebook-Posts. Wir erleben, wie die Demokratie mit ihren eigenen Instrumenten bekämpft wird.“

Andere Zeiten:

Es habe sich viel geändert, stellte Burkhard Nagel zu Beginn seines Impulsreferats beim VDMO-Treffen fest. Die Mediennutzung laufe weit weniger passiv ab als in früheren Generationen: „Glotze an, warten, bis es Nachrichten gibt, so ist das nicht mehr. Stattdessen ist heute jeder, wenn er will, sein eigener Programmdirektor. Trump ernährt sich, wie es scheint, allein von Fox News. Und auch Sie und ich steuern zumindest vorrangig Plattformen und News-Dienste an, die uns irgendwie sympathisch sind, die Freunde und Kollegen auch nutzen, deren Inhalten wir eher zustimmen, als dass wir sie ablehnen.“

So würden wir uns selbst Räume mit selektiven Mehrheiten schaffen, in denen wir uns erwartungsgemäß wohlfühlen. „Wohlfühlen ist prima, aber damit sinkt die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Andersdenkenden“, gab Nagel zu bedenken.

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