29.05.2021 - 06:35 Uhr
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„Es fehlt Respekt für Missbrauchsopfer“

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Psychotherapeuten trauen sich oft nicht, Traumapatienten zur behandeln, sagt Jugendpsychiatrie-Professor Jörg Fegert. Er ist Mitglied des Fachbeirats des Unabhängigen Beauftragten zu Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Ulm.
von Redaktion ONETZProfil

Von Emanuel Socher-Jukić

ONETZ: Professor Fegert, woran fehlt es am meisten, wenn es um Hilfen für Opfer sexuellen Missbrauchs geht?

Prof. Jörg Fegert: An Respekt. Es geht hier nicht um Almosen der Gesellschaft, sondern gerade um die Anerkennung der Leistung mit diesen Belastungen zu leben und einen Weg zu finden. Nehmen wir Formulare: Die sind oft nicht niederschwellig. Viele Betroffene sind dabei überfordert und es kommt ihnen wie ein Vorwurf vor, wenn sie begründen müssen, warum es ihnen schlecht geht. Wir haben eine solch hohe Regelungs- und Formulardichte, dass wir uns manchmal – bei allen guten Intentionen – irgendwie auf den Füßen stehen. Und dadurch dauert vieles extrem lange. Wenn ich meinen ganzen Mut zusammennehme, ein Formular ausfülle und dann passiert ein halbes oder dreiviertel Jahr nichts und irgendwann kommt ein Ablehnungsschreiben – dann ist das wie ein Schlag in die Magengrube.

ONETZ: Wie schwer sind die Folgen für Erwachsene, die als Kind oder Jugendlicher missbraucht wurden?

Wir können nicht pauschal sagen, wozu sexueller Missbrauch führt. Je nach Person und Alter kann das zu schwersten Beeinträchtigungen, auch körperlichen Langzeitfolgen oder schweren seelischen Belastungen, bis hin zur Suizidalität führen. Manche Leute können damit aber auch relativ gut zurechtkommen. Ich erfahre manchmal von Betroffenen, denen vorgeworfen wird: Das kann ja nicht so schlimm gewesen sein, Du kommst damit ja gut klar. Wir dürfen nicht aus den Folgen schließen, wie schlimm etwas war. Wir müssen daran arbeiten, jedem Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen. Statistisch ist das Risiko eine schwere psychische Störung, eine posttraumatische Belastungsstörung, Beziehungsprobleme zu haben und alleine leben zu müssen, deutlich erhöht. Angst und Rückzug sind sehr häufig Folgen, die die Teilhabe am täglichen Leben massiv beeinträchtigen.

ONETZ: Gibt es ausreichend psychotherapeutische Traumatherapie?

Nein – und das ist eigentlich ein Skandal. Wir wissen durch zahlreiche Studien, dass Traumatherapien, die im Kern eine Exposition gegenüber den schlimmsten erlebten Ereignissen beinhalten, hocheffektiv sind. Das Problem ist: Die heutigen niedergelassenen Therapeuten sind zu einer Zeit ausgebildet worden, wo man das noch nicht gelernt hat. 2010, zum Zeitpunkt des Runden Tischs sexueller Missbrauch, hat die Bundespsychotherapeutenkammer eine Umfrage gemacht. Ergebnis: Ein großer Anteil an Psychotherapeuten gab an, sich keine Traumatherapie zuzutrauen. Wir müssten also Therapeuten in diesen speziellen, effektiven Therapieformen schulen und die Angst vor traumatisierten Patienten nehmen. Das ist mir als Präsident der Deutschen Traumstiftung extrem wichtig. Deshalb haben wir in Ulm durch E-Learning-Programme darauf gesetzt, erfahrene praktizierende Therapeuten darin zu bestärken und auszubilden. Das ist kein „Hexenwerk“. Kindheitstraumata sind extrem häufig. Was mich deshalb empört, ist, dass wir es nicht schaffen, die breite Schar der niedergelassenen Therapeuten zu erreichen.

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