12.02.2020 - 17:32 Uhr
FlossDeutschland & Welt

Der muntere Senior

"Opposition ist Mist", daran hält der Dichter klarer Botschaften bis heute fest. Franz Müntefering, der letzte Sozialdemokrat, der das "schönste Amt neben Papst", noch ausfüllte, kommt nach Floß zum Dialog über sein Alterswerk "Unterwegs".

Franz Müntefering.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Zugegeben, im Rückblick erklärt sich nicht alles, manches verklärt sich auch. Dennoch: Knorrige Charakterdarsteller wie Franz Müntefering fehlen der SPD heute schmerzlich. Ob andere in diese Rolle wachsen, wird sich zeigen. Zuhören, was der "Alte" zu sagen hat, lohnt aber auf alle Fälle.

"Alt" ist für den 80-Jährigen keine Beleidigung. "Ich fühle mich wie 79", sagte der Sauerländer aus Neheim bis kurz vor seinem Geburtstag am 16. Januar listig. Ein ironischer Satz gegen den Jugendwahn. In seinem Buch sammelt der Architekt der rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Gerd Schröder Aphorismen zum klugen Älterwerden. Und erklärt die Politik , die unter seiner Regie gemacht wurde.

Vor allem aber begleitet Müntefering die Sozialdemokratie auf ihrem schweren Weg in die Zukunft. Ohne Lanfontaines Verrat, so seine Lesart, keine knappe Niederlage 2005. Schröder hätte noch zehn Jahre regieren, die Früchte seiner Agenda selbst ernten können. Der Niedergang der Volksparteien sei nicht zwangsläufig, auch wenn die unvermeidbare Groko die Ränder gestärkt habe.

Aber auch daran seien die Akteure zum Teil selber schuld: Die Regierungsbeteiligung der SPD ist ein Kompromiss, ohne Kompromisse keine Demokratie. Ohne Verbindlichkeit von geschlossenen Kompromissen keine Kontinuität und Verlässlichkeit. Kleine Schritte seien kein Makel, sondern Beleg für Ausdauer. Wer ständig über Koalitionsfragen rede, bilde kein Vertrauen. Gemessen am Ergebnis habe die SPD in der Koalition viel erreicht. "Was erreicht man in der Opposition?" Wehner habe gewarnt: "Es dauert 15 Jahre, es wurden 16 daraus." Heute wäre diese Analyse eher optimistisch. Man würde die Ressorts Außen, Arbeit und Soziales, Umwelt, Familie, Frauen und Senioren anderen überlassen.

"Wer nach der Halbzeit nicht wieder auf den Platz kommt, um das nächste Spiel vorzubereiten", verprelle Fans und verspiele Chancen. 1925 habe die SPD in Heidelberg für die Bildung der Vereinigten Staaten von Europa geworben. Gerade jetzt dürfe sich die SPD nicht von der europäischen Bühne verabschieden. Demokratie kenne keine Auszeit zur Selbstfindung. "Wir sind nicht im Trainingslager, wir sind im Spiel: Macht Europa!"

Info:

Service

Am Freitag, 14. Februar (18.30 Uhr), liest Franz Müntefering im Flosser Pfarrsaal aus seinem Buch „Unterwegs“ und spricht anschließend mit einem Moderator über das „Älterwerden in dieser Zeit“. Der frühere SPD-Vorsitzende appelliert an seine Generation, aktiv und engagiert zu bleiben. Als Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen plädiert er für eine bessere Ausstattung der Kommunen: „Wenn die Stadt, in der du wohnst, eine arme Stadt ist, hast du Pech gehabt“, sagt der frühere Bundessozialminister. (jrh)

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