05.04.2019 - 17:50 Uhr
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Die irdische Filiale der Hölle

Venanzio Gibillini, ein Schlosser aus Mailand, war 19 Jahre alt, als er ins Konzentrationslager Flossenbürg deportiert wurde. Seine Erinnerungen sind jetzt als Buch in deutscher Sprache erschienen, übersetzt von Friedrich Peterhans.

Venanzio Gibillini als junger Mann, ungefähr zur Zeit seiner Verhaftung.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

"Es ist der 5. September 1944, Bozen, ein überfüllter Güterzug: "Wir kamen über den Brenner, über Innsbruck und München nach Nürnberg. Dann bogen wir nach Osten ab. Wir wussten nicht, wo sie uns jetzt hinbringen würden. Am frühen Morgen des dritten Tages hielt der Zug an. Es war der 7. September 1944. Diesen Morgen vergesse ich nie. Noch bevor der Zug endgültig zum Stehen kam, hörte ich schon Schreie auf Deutsch und bellende Hunde.

Ich hatte Angst und war ahnungslos. Als sich die Türen öffneten, sah ich SS brüllen und wild gestikulieren. Wir sollten so schnell wie möglich raus. Was jetzt begann, war die Zerstörung des Individuums. Die Nazis und Kapo-Helfer brüllten herum und drängelten uns zu Fünferreihen zusammen. Wie die Roboter gingen wir so ins Dorf hinauf. Das Lager befand sich ganz oben auf einem Hügel. Den Einheimischen schien unser Anblick völlig gleichgültig.

Wir hatten das Lager noch nicht erreicht, als uns zum ersten Mal das Entsetzen erfasste. Wir sahen seltsam ausgemergelte Gestalten, die schweigend vorwärts gingen, alle in blauweiß gestreifter Sträflingskleidung. Auch denen schienen wir gleichgültig. Es schauderte mich. Ich versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass ich so elend enden könnte. Was folgten sollte, war die reine Hölle, in der alle Werte der Zivilisation auf den Kopf gestellt werden sollten."

So beschreibt Venanzio Gibillini die Ankunft im Konzentrationslager Flossenbürg. Er ist ein 19-jähriger Schlosser aus Norditalien. Im Herbst 1943 ist er aus der Kaserne getürmt. Er heuert in den Eisenbahnwerkstätten bei Mailand an. Sie sind unverzichtbar für die deutschen Besatzer, aber zugleich Brutstätte der "Resistenza" gegen die Faschisten. Nach einem Sabotageakt in einem LokomotivenDepot, an dem er gar nicht beteiligt war, kommt Gibillini in Haft und wird an die Deutschen übergeben. Anfang September 1944 bringt ein Güterzug 500 Italiener aus dem Durchgangslager Bozen in das Konzentrationslager Flossenbürg.

"Am Abend standen wir immer noch aufgereiht vor dem Block, als wir endlich in einer Gruppe von 20 oder 30 Mann zur Latrine gehen durften. Die ersten, die zurückkamen, waren durcheinander. Die Toiletten waren eine kaum zu beschreibende Schande. Dieses Ungeheuerliche hat sich mir auf ewig ins Gedächtnis eingebrannt. (...)

Sobald das Krematorium nicht mehr in der Lage war, seine undankbare Aufgabe zu erledigen, die toten Körper der Häftlinge zu entsorgen, wurden sie einfach unter den Waschbecken gestapelt. An diesen Ort mussten wir jeden Morgen, um uns zu waschen und unsere Notdurft zu verrichten. Auch außerhalb der Latrine gab es eine Ecke, wo sie die elenden Toten zu einem Haufen schlichteten. Dort schrieben sie den Leichen die Häftlingsnummern auf die Brust, und irgendwelche Handlanger suchten ihnen die Münder nach Goldzähnen ab. Wenn sie welche entdeckten, holten sie die Zähne mit Zangen raus. Sobald dieser letzte Raubzug erledigt war, kamen die Kadaver wieder auf einen Haufen. Jetzt waren sie reif fürs Krematorium."

Venanzio Gibillini hat überlebt, zu verdanken dem Umstand, dass er als Schlosser im Oktober 1944 nach Kottern (Kempten) verlegt wurde. In dem Außenlager des KZ Dachau wurden Flugzeugteile für Messerschmitt bearbeitet. Ein Knochenjob, zwölf Stunden täglich, von Hunger und Kälte geprägt, aber wenigstens nicht immer im Freien.. Gibillini beschreibt, wie die Häftlinge mit blanken Händen aneinander gefrorene Aluminiumplatten voneinander lösten. "Eine scheußliche Arbeit." Am Ende bedeutet sie sein Überleben - Flossenbürg wäre der sichere Tod gewesen.

Im Mai 1945 wird das Lager Kottern evakuiert. Gibillini schleppt sich auf einem Todesmarsch durch Südbayern. Als die SS-Wachmänner bei Pfronten vor den Amerikanern fliehen, ist er frei. Seine Gedanken drehen sich nur um Essen. Egal was. "Wir gingen immer noch aufgereiht, als sich unsere SS-Eskorte plötzlich aus dem Staub machte. Wir hätten nie gedacht, dass wir sie nie wieder sehen sollten. Auf einmal brach ein unbeschreibliches Chaos aus. Keiner wusste so recht, was los war. Zivilisten schrien herum und rannten nach allen Seiten. Kapos versuchten uns noch irgendwie als Kolonne zusammenzuhalten, und einige in ihren Häusern verbarrikadierte Bauern schossen mit Gewehren auf uns. Sie hatten Angst vor dieser Horde Zebras, die sich gerade als Herde auflöste und hungrig nach Nahrung und Schutz suchte."

Friedrich Peterhans, Redakteur im Medienhaus "Der neue Tag/Amberger Zeitung", hat Venanzio Gibillini vor etwa acht Jahren kennengelernt. Der Italienisch sprechende Romanist betreute für die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg die Gruppe der italienischen Häftlinge. Gibillini zeichnete sich durch seine unverbrüchliche Menschenliebe aus. "Ein angenehmer, liebenswürdiger Mann, beschreibt ihn Peterhans. Verbitterung? "Gar nicht. Er sagte mal: Mein größtes Problem war, dass mir nach dem Krieg erstmal keiner geglaubt hat."

Gibillini kam aus der "irdischen Filiale der Hölle", wie es Mithäftling Gaetana Cantalupi nannte. Im Mai 1945 kehrt er - inzwischen 21 Jahre - nach zurück nach Italien zur geliebten Mamma. Als der Laster des Befreiuungskomitees in Mailand hält, verabschieden sich er und seine Mithäftlinge mit dem Versprechen, sich bald zu treffen. Jahrzehnte passiert gar nichts. "Ich wollte diese fürchterliche Erfahrung vergessen. Ich dachte, dass mir das leichter gelänge, wenn ich die alten Gefährten nicht mehr sehen würde." Es funktionierte nicht. Mit 84 Jahren schreibt Gibillini seine Erinnerungen in Buchform nieder. Sie nehmen Bezug auf ein Tagebuch, das er in den 50er und 60er Jahren lose geführt hat.

Venanzio Gibillini schreibt direkt, klar, unverblümt. Es ist keine geschliffene Sprache, so Übersetzer Peterhans, es ist die Sprache eines Schlossers. Die Baracke der Italiener ist neben Block 22, dem "Todesblock" für ausgemergelte Häftlinge ohne Überlebenschance. "Weil sie so spindeldürr waren, schienen sie alle größer zu sein Sie gingen schweigend vor uns her, in Fünfergruppen, manche barfuß, darüber nur ein leichtes Hemd. Ihre Augen blickten ins Leere, als ob es ihnen egal sei, was um sie herum geschieht. Es waren lebende Tote. Wenn sie geprügelt wurden, machten sie keine Anstalten mehr, die Schläge abzuwehren."

2011 erschienen Gibillinis Erinnerungen auf Italienisch. Der Weidener Friedrich Peterhans las den packenden Zeitzeugenbericht des Italieners und suchte nach Möglichkeiten einer Veröffentlichtung in Deutsch. "In seiner Beobachtungsgabe, seiner Konsequenz, mit oder trotz der KZ-Erfahrung die eigene Zukunft zu gestalten, steht er bekannten Autoren von NS-Erinnerungsliteratur in nichts nach." In Daniela Di Benedetto und Grazia Prontera fand Peterhans Mitstreiterinnen. Am Samstag, 13. April, stellen die drei Herausgeber das Buch gemeinsam mit Gibillinis Sohn beim Gedenkwochenende zur Befreiung des Lagers in Flossenbürg vor.

Gibillini arbeitete nach seiner Rückkehr als technischer Facharbeiter, er heiratete und wurde Vater. Regelmäßig nahm er an den Treffen der Überlebenden des KZ Flossenbürg teil und sprach in seinem Ruhestand vor Tausenden Schülern und Studenten, ohne Groll, getrieben nur von einem Gedanken: Die Erinnerung darf nicht erlöschen. "Sein Vermächtnis ist nicht der Hass, sondern die lebensfrohe Begegnung zwischen Menschen aller Nationen, aller Überzeugungen und aller Religionen", schreibt Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in seinem Vorwort.

Venanzio Gibillini wird dieses Buch nie in Händen halten. Er starb am 16. Januar dieses Jahres mit 94 Jahren. Sein Sohn berichtet, dass er am Ende an den Folgen eines Aneurysmas litt. Um sein Erinnerungsvermögen zu prüfen, stellten die Kinder ihm die Frage nach seiner Häftlingsnummer, so wie sie beim Appell aufgerufen wurde. Und wehe, man brachte etwas durcheinander. Darauf standen in Flossenbürg 25 Peitschenhiebe auf den Rücken. Venanzio Gibillini kann kein Deutsch. Aber diese Nummer vergaß er bis zum Ende nicht. "Einundzwanzigtausendsechshundertsechsundzwanzig." 21626.

Venanzio Gibillini im Jahr 2016 oder 2017.
Eine besondere Demütigung war für die Häftlinge, zum Essen kein Besteck zu bekommen. Diesen Löffel stellte Gibillini heimlich im Lager Kottern her.
Das Titelbild des Buchs zeigt den Autor, gezeichnet von Mithäftling Vanes de Maria.
Das Buch von Venanzio Gibillini:

"Warum gefangen? - Erinnerungen an die Deportation"

„Warum gefangen?“ von Venanzio Gibillini ist im Herbert-Utz-Verlag München erschienen (128 Seiten, 29 Euro). Herausgeber sind Dr. Daniela Di Benedetto, Friedrich Peterhans und Dr. Grazia Prontera. Das Buch ist ein Projekt des „Com.It.Es“ (Verband der Auslandsitaliener in Bayern) mit Vorsitzender Dr. Daniela Di Benedetto. Es enthält den Zeitzeugenbericht in italienischer und deutscher Sprache, übersetzt von Friedrich Peterhans. Dr. Grazia Prontera, Historikerin an der Universität Salzburg, hat einen äußerst interessanten Begleittext beigesteuert, der die Situation Italiens im Zweiten Weltkrieg erklärt. Gefördert wurde das Buch vom Bezirk Oberpfalz, dem Bundesfamilienministerium sowie „Neustadt lebt Demokratie“.

Bei der Ankunft Gibillinis im September 1944 befanden sich im KZ Flossenbürg zwischen 6000 und 7000 Gefangene.

Aktuell und Wissenswert

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