10.01.2021 - 14:57 Uhr
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"Rente mit 70" wohl unausweichlich

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In Bayern gilt er als "Demographie-Papst". Seine Prognosen und Strategien gegen das Ausbluten ländlicher Kommunen sorgen für Schlagzeilen. Bei der akademischen Karriere setzt Professor Lothar Koppers nun ein Ausrufezeichen.

Lothar Koppers: Seine Prognosen und Strategien gegen das Ausbluten ländlicher Kommunen sorgen für Schlagzeilen.
von Clemens FüttererProfil

Der Wissenschaftler lebte lange Jahre mit seiner Familie in Flossenbürg (Kreis Neustadt); als Direktor siedelte er den Sitz des Hochschul-Instituts AGIRA (Angewandte Geoinformatik und Raumanalysen) bis 2016 in Waldsassen an. Der Bayerische Landtag berief Dr.-Ing. Lothar Koppers vor wenigen Jahren als Experten in die Enquete-Kommission "Gleichwertige Lebensbedingungen und Arbeitsverhältnisse in ganz Bayern."

Politiker aufgerüttelt

Seit 1. Januar bekleidet Prof. Koppers das Amt des Vizepräsidenten für Digitalisierung und Internationales der Hochschule Anhalt. Der heute in Dessau mit seiner Familie wohnende - und lehrende - 53-Jährige steht zu seinen vor mehr als zehn Jahren getroffenen Demografie-Prognosen, die vor allem in der nördlichen Oberpfalz die Kommunalpolitiker aufrüttelten. "Wahrscheinlich sah ich die Bevölkerungsentwicklung noch zu positiv", betont Koppers in einem Telefoninterview mit Oberpfalz-Medien. Seine damals zugespitzte Formulierung "Der Mensch geht, der Wolf kommt" gelte nicht mehr nur für große Teile der östlichen Bundesländer, sondern auch für Nordostbayern. Die Abwanderung, die vor allem die Nordoberpfalz über Jahrzehnte auszehrte, sei zwar weitgehend gestoppt, nicht aber das immer dramatischer werdende Geburtendefizit.

Als Koppers einst für die Gemeinde Waldershof die Schülerzahlen bis 2030 hochrechnete und mehr als eine Halbierung des Stands von 2009 prognostizierte, reagierte der damalige Bürgermeister Hubert Kellner "erschüttert" und blies die geplante Generalsanierung der Schule ab. Das Gebäude war auf 250 statt auf die von Koppers vorhergesagten 110 Schüler ausgelegt. Lothar Koppers heute: "Der schleichende Prozess einer abnehmenden und zudem überalterten Bevölkerung hat sich auch durch die Zuwanderung 2015 und 2016 nicht umgekehrt." Die Demografie verhalte sich wie ein schwerer Tanker... Es gebe nur zwei Alternativen, den Trend abzumildern: entweder mehr Geburten oder mehr Zuwanderung. Weniger Menschen bedeuteten auch weniger Infrastruktur und letztlich auch weniger Wohlstand.

Ab Jahrgang 1967

Der Wissenschaftler redet einer Rente mit 70 Jahren zwar nicht das Wort, nimmt aber an, dass sie so kommen wird: "Nicht auf einen Schlag, und flexibel abgemildert. Wahrscheinlich ab dem Jahrgang 1967 geht an der Rente mit 70 kein Weg vorbei." Er glaube nicht daran, dass sich die Folgen der Demografie nur durch steigende Produktivität auffangen ließen. Eine mögliche Chance für den ländlichen Raum sieht Professor Koppers in den Folgen der Corona-Pandemie: nämlich durch Zuwanderung aus den Ballungsräumen - durch Homeoffice und Digitalisierung.

Lothar Koppers wissenschaftliche Publikationen wie "Strategische Demografie-Management für kleine Kommunen in schrumpfenden Räumen" gehören heute zu den Standard-Werkzeugen der Politik. Die Welt dreht sich weiter. An der Hochschule Anhalt in Dessau schiebt Professor Koppers bei einem spannenden Zukunftsprojekt an. Das Bahntechnologie-Bündnis "Trains" im Raum Dessau erforscht die kostengünstige Umrüstung von Diesel-Lokomotiven - davon gibt es in Europa Tausende - auf umweltfreundlichen Wasserstoff: ohne die Notwendigkeit von Brennstoffzellen. Lothar Koppers rechnet bis 2025 mit einem Prototypen. Bis dahin gebe es aber noch viele technische und formelle Herausforderungen wie Produkthaftung und -sicherheit zu meistern.

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