29.06.2018 - 16:10 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

Zeichen der Erinnerung

Werke von Fritz Koenig sind nun in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ausgestellt. Skulpturen und Zeichnungen eröffnen neue Perspektiven zu Formen und Möglichkeiten der Erinnerung.

Skulpturen von Fritz Koenig sind nun fast ein Jahr in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zu sehen.
von Rudolf BarroisProfil

Zwei Elemente stehen im Mittelpunkt des Werkes, das der 2017 verstorbene bedeutende Bildhauer Fritz Koenig der Nachwelt hinterlassen hat: Der Mensch im Spannungsfeld zwischen Liebe, Tod und dem Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit sowie die aus diesem Ansatz resultierende Auseinandersetzung mit Erinnerung und Gedenken. Nicht nur diese Leitmotive, die ein Spannungsfeld von Raum und Zeit beschreiben, verbinden den Künstler mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, die ab Montag, 2. Juli, seine Zeichnungen, Skulpturen und Modelle ausstellt. Es ist der Granit, der die SS in den stillen Ort lockte, der nach dem Krieg gefragtes Material für Bauprojekte blieb, schließlich in den 60er Jahren eine Renaissance erlebte. Auch für den Bildhauer Fritz Koenig wird Granit immer wichtiger.

Die Leiterin des Skulpturenmuseums in Hofberg, Stefanje Weinmayr, half bei der Gestaltung der Ausstellung. Dr. Jörg Skribeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, sagte, dass mit der Schau ein langgehegter Wunsch Wirklichkeit geworden sei. Die Standorte auf dem ehemaligen Lagergelände wurden sorgfältig mit den Objekten abgestimmt.

Zwei Skulpturen fanden einen bewusst gewählten Platz: "Das große Epitaph XIV" vor dem ehemaligen SS-Casino mit Blick auf das ehemalige Lagergelände und "Hiob III" im ehemaligen Arresthof, dem Ort, an dem Persönlichkeiten des Widerstandes wie Dietrich Bonhoeffer und Wilhelm Canaris ermordet wurden.

Nicht nur Einzelschicksale

Skribeleit beschreibt die Wirkung der Hiob-Skulptur als neue Dimension. Vor der ehemaligen Hinrichtungswand will dieses Werk den Blick weiten: Es gehe nicht nur um Einzelschicksale, sondern um alle, die an dieser Stelle umgebracht wurden. Das Spannungsfeld, das der gewählte Standort erzeugt, weise hinüber zum "Großen Epitah", der allen gelte.

Was in der Ausstellung angedeutet wird, findet seine Entsprechung in dem umfangreichen Gesamtschaffen von Fritz Koenig. Weinmayr schlüsselt auf, welche Blickrichtung die ausgestellten Objekte öffnen, zeigt die Wurzeln, aus denen Koenigs Kunst entsprang. Der damals 18-Jährige, der sich freiwillig an die Ostfront meldete und dort bis 1945 das Elend der gequälten Kreatur erlebte, bannte das Leid der Sterbenden, der Obdachlosen, der Vertriebenen in seine Zeichnungen. Wenn ihm das Papier ausging, kratzte er das, was er darstellen wollte, mit Holzstäbchen in die Wand des Schützengrabens.

Fund im Steinbruch

Der Schock des Erlebten hat ihn Zeit seines Lebens nicht verlassen und führte 1952 zu einem Mahnmal, für das er ausgezeichnet wird. 1962 folgt die Pieta für Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee und das Mahnmal in Mauthausen.

Koenig fand im Granitbruch am Flossenbürger Plattenberg, kaum 100 Meter vom KZ-Steinbruch entfernt, einen Monolithen von 12 Metern Länge. Diesen gestaltete er zur Erinnerung an die Opfer des Anschlages auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972. Er wurde ein monumentaler "Klagebalken" (1995). Zwischen 1968 bis 1971 entstand die "Große Kugelkaryatide NY" für die Plaza des World Trade Centers in New York. Bei der Katastrophe vom 11. September 2001 wurde das Kunstwerk beschädigt. Heute ist es ein Mahnmal für die Opfer dieses Anschlags.

Der Bildhauer hatte nicht immer Glück. Er beteiligte sich am Wettbewerb für das Holocaustdenkmal in Berlin, erreichte den dritten Platz. Die Ausstellung zeigt den Entwurf. Für die Kirche in der Dachauer Gedenkstätte schuf Koenig 1966 und 1967 das "Große Kreuz VI", das die Bedrängtheit der Opfer, zugleich aber ihren Überlebenswillen zeigen will. Mehrere Würfel sind zu einem Bronzekubus zusammengepresst. In die Fugen ist ein menschlicher Körper eingeklemmt, der der zermalmenden Übermacht begegnet.

Koenigs Werk wird in Flossenbürg als Perspektive für die zukünftige Gedenkkultur empfunden, als Abbild von Erlebtem und als Wegweiser zugleich. Fritz Koenigs Kunst beklagt die Toten, mahnt die Lebenden, öffnet Blickrichtungen und stiftet vor allem Erinnerung.


Info:

Öffnungszeiten

Die Ausstellung „Fritz Koenig – Zeichen der Erinnerung“ wird am Montag, 2. Juli 2018 (18 Uhr), eröffnet. Bei der Vernissage sprechen Dr. Jörg Skribeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Ko-Kuratorin Stefanje Weinmayr sowie Professor Christoph Stölzl, ehemaliger Direktor des Deutschen Historischen Museums Berlin. Die Ausstellung geht bis 31. Mai 2019 und ist von März bis November täglich von 9 bis 17 Uhr und von Dezember bis Februar täglich von 9 bis 16 Uhr geöffnet. Zudem gibt es ein Begleitprogramm mit Vorträgen und Führungen. (esa)

www.gedenkstätte-flossenbuerg.de

„Große Kugelkaryatide NY“ schuf der Bildhauer für die Plaza des World Trade Centers in New York.

Stefanje Weinmayr und Dr. Jörg Skribeleit in der Ausstellung „Fritz Koenig – Zeichen der Erinnerung“.

Fritz Koenig musste im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront kämpfen. Das Erlebte ließ ihn nie mehr los und er verarbeitete es in seinen Skulpturen und Zeichnungen.

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