14.02.2020 - 14:53 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

Zerbrechlichkeit im Stein

Vor 75 Jahren kam der damals siebzehnjährige Pole Shelomo Selinger mit 2000 anderen Gefangenen aus dem Lager Großrosen (Schlesien) im Konzentrationslager Flossenbürg an. Jetzt kehrt er an den Ort des Schreckens zurück. Aber als Künstler ...

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zeigt zahlreiche Werke des Künstlers Shelomo Selinger. Die ausgewählten Skulpturen und Reliefe lassen die zentralen Themen sichtbar werden, aus denen Selinger seine Kraft schöpft: Liebe, Familie und die Lust am Leben als Symbole des Überlebthabens.
von Rudolf BarroisProfil

Das erste, was Shelomo Selinger wie viele vor ihm wahrnahm, war die Abbruchwand oberhalb des Häftlingslagers und die Wachtürme, und auf der anderen Seite die schemenhaften Umrissen der Burgruine, die eine geradezu idyllische Landschaft beherrscht. Dieses Zusammentreffen von landschaftlicher Schönheit und der brutalen Wirklichkeit des Lagers, haben den jungen Mann, der nach dem Krieg als Bildhauer berühmt wurde, geprägt. Als er am Donnerstagabend seine Ausstellung im Küchengebäude des ehemaligen Lagers eröffnete, erinnerte er sich.

In Flossenbürg lernte er den Stein kennen, mit dem er später am liebsten arbeitete. Die Frage, warum gerade der Granit ihn faszinierte, beantwortet er selbst: "Es war die Härte des Steins", die, so Selinger, der Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz, die er in zwei Konzentrationslagern kennen gelernt hatte, widersprach. Der Künstler schätzt den Umstand, dass Granit mühsames, langsames Arbeiten fordert. "Ich erkunde den Stein" sagt er. "Ich verwandle ihn, und er verwandelt mich. Das Ergebnis ist erstaunlich: Für Selinger verwandelt sich das widerspenstige Material in Licht, das zur Liebe wird.

Gegen den Terror

Begleitet hat den Bildhauer auf seinem Weg seine Frau Ruth, die auch diesmal in Flossenbürg an seiner Seite ist. Der Familie hat Selinger viele Werke gewidmet. Dazu gehören auch etliche Frauenbildnisse. Ein weiterer Schwerpunkt ist natürlich der nationalsozialistische Terror in den Lagern. Festgehalten hat er so eine Szene von dem Transport von Großrosen nach Flossenbürg und eine Szene aus dem Steinbruch am Wurmstein. Selinger zeigt auch Granitplastiken aus dem Tierreich, den Bison zum Beispiel. In Holz hat er das Relief "Das Orchester" herausgearbeitet. Holz ist neben dem Grant und Bronze ein bevorzugtes Material.

Selinger begreift sich, so bekennt er in seiner Ansprache, als Medium, das aus der Lebenserfahrung und dem Erlebten heraus über Körper und Geist etwas ausdrückt, vermittelt. Seine Werke versteht er in diesem Sinne auch als Schöpfungsakt, aber auch als Appell.

Der Pole hat sich Frankreich zur Heimat gewählt, er fühlt sich daher auch der deutsch-französischen Freundschaft und Zusammenarbeit verpflichtet. Die Kunst begreift er als Wegweiser in eine gemeinsame Zukunft ohne die gegenwärtigen populistischen Tendenzen. Auch Selinger will den Anfängen wehren.

Miniaturen und Abbildungen

Seine Arbeiten im öffentlichen Raum setzen hier Schwerpunkte. In Miniaturen und in Abbildungen werden sie in Flossenbürg gezeigt. Der französischen Resistance hat der Künstler ein Denkmal gesetzt. Er schuf das zentrale Monument des Memorial national des Camp de Drancy.

Selinger war es wichtig, dass seine Ausstellung in Flossenbürg gezeigt wurde, obwohl die Wiederbegegnung nach 75 Jahren merkwürdige Gefühle auslöst. Es fällt ihm schwer, hier zu sein nach dieser langen Zeit, bekennt Selinger. Der Granit, der Stoff seines Werkes und das, was das KZ ausgemacht hat, korrespondieren miteinander. Was sich auf der einen Seite mit ihm verbindet, so sagt er, sei natürlich auch Teil der Zwangsarbeit. Selinger empfindet einen Widerspruch und versucht diesen mit seiner Kunst zu überwinden.nDenen, die diese Ausstellung vorbereitet haben, ist es offensichtlich gelungen, mit den Exponaten die Geschichte dieses außergewöhnlichen Künstlerlebens zu erzählen.

In einem Interview, das er dem Forschungsmagazin der Universität Regensburg gab, bekennt Selinger, dass die Bildhauerei immer mehr für ihn war als nur Broterwerb und Berufung. Der Mann, der hunderte schöner Werke schuf, sagt, dass er erst durch das Schaffen von Skulpturen sein Gedächtnis und damit die Erinnerung an seine Zeit als Gefangener in deutschen Konzentrationslagern wiedergefunden hat. Die Ankunft an jenem 13. Februar 1945 in Flossenbürg, dieses Nebeneinander von unschuldig schöner Landschaft und absoluter Grausamkeit ist ihm auch nach 75 Jahren bewusst geworden, als er über den verschneiten ehemaligen Appellplatz zur ehemaligen Häftlingsküche in seine Ausstellung ging.

Ergänzt wird die Ausstellung um die Modelle der von ihm geschaffenen Shoah-Mahnmale.
Info:

Service

Ausstellung: „Shelomo Selinger. Geschichte eines Lebens“. Bis 17. Mai

Ort: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Gedächtnisallee 5, Flossenbürg

Öffnungszeiten: Februar 9 bis 16 Uhr; März bis November 9 bis 17 Uhr

Infotelefon 09603/90390-0

www.gedenkstaette-flossenbuerg.de

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