15.05.2018 - 20:42 Uhr
Deutschland & Welt

Nach dem Blutvergießen an Israels Grenze Folgt nach der Trauer der Krieg?

Während in Jerusalem die Eröffnung der US-Botschaft gefeiert wird, kommt es an Israels Grenze zum Gazastreifen zum schlimmsten Blutvergießen seit Jahren. Das Eskalationspotenzial ist groß.

Am Dienstag wurden die bei den Protesten getöteten Palästinenser zu Grabe getragen. Bild: Mohammed Abed/AFP
von Agentur DPAProfil

Tel Aviv/Gaza. Nach dem blutigsten Tag in dem Palästinensergebiet seit dem Krieg 2014 begraben die Menschen am Dienstag ihre Toten. Mindestens 60 Palästinenser sind bei Massenprotesten an Israels Grenze von israelischen Soldaten getötet worden, darunter mehrere Minderjährige - während Israel und die USA in Jerusalem die Eröffnung der US-Botschaft feierten. Der Blutzoll erscheint unfassbar hoch: An einem Tag allein kamen mehr Menschen ums Leben als in den ganzen sechs Wochen seit Beginn des "Marsches der Rückkehr" am 30. März.

Tausende Palästinenser nehmen am Dienstag an Begräbniszügen teil. Sie tragen Särge auf den Schultern, die in die grüne Fahne der im Gazastreifen herrschenden Hamas gewickelt sind. "Tod Israel!" rufen wütende Teilnehmer. Zehn der 60 Toten waren nach Angaben aus dem Gazastreifen Hamas-Mitglieder.

Vordergründig protestierten die Gaza-Einwohner gegen den Umzug der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. Der umstrittene Schritt von US-Präsident Donald Trump facht den Zorn der Palästinenser an, die am Tag der Nakba (Katastrophe) auch der Flucht und Vertreibung von rund 700 000 Palästinensern im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948 gedenken. Experten verweisen jedoch auf tiefer liegende Gründe, nach mehr als einem Jahrzehnt der Blockade durch Israel und Ägypten und dem Scheitern einer innerpalästinensischen Versöhnung. "Die Palästinenser laufen nicht wegen der Botschaft oder wegen der Hamas in ihren Tod", sagt Jariv Oppenheimer von der Organisation Peace Now. "Die Palästinenser laufen in ihren Tod, weil sie hungrig, arbeitslos, ohne Trinkwasser und Strom sind, weil ihr Leben nichts wert ist."

Er ruft Israel dazu auf, Verhandlungen über eine Aufhebung der Blockade im Gegenzug für eine langfristige Waffenruhe mit der im Gazastreifen herrschenden Hamas aufzunehmen. Die radikalislamische Organisation hat sich allerdings die Zerstörung Israels auf die Fahnen geschrieben und wird von Israel, EU und USA als Terrororganisation eingestuft. Israel begründet die Blockade mit Sicherheitserwägungen.

Die Hamas setze auf die Proteste, weil sie ihre strategische Waffe gegen Israel verloren habe, schreibt ein Kommentator der Zeitung "Maariv" - die Angriffstunnel, in die die Organisation hunderte Millionen Dollar investiert habe. Israel hat seit Oktober neun davon zerstört. Die Hamas habe nun "die Macht der Volksproteste entdeckt". Einen Sturm über die Grenze auf israelisches Gebiet hat die Hamas bisher nicht erreicht.

Die israelische Armee hat an der Grenze positionierte Scharfschützen nach eigenen Angaben angewiesen, nur nach Warnungen zu schießen - und dann nur auf die Beine. Doch nicht nur Gewalttäter kommen zu Tode. Auch zwei palästinensische Journalisten wurden bereits erschossen. Der ehemalige US-Botschafter Dan Shapiro sieht die Hauptverantwortung für das Blutvergießen im Gazastreifen dennoch bei der Hamas. "Sie haben diese Aktivitäten organisiert, bei denen sich ganz eindeutig gewalttätige Aktivisten unter Zivilisten mischen."

Israel zahlt jedoch einen hohen politischen Preis für das Blutvergießen, das international schärfste Kritik ausgelöst hat. Die Türkei und Südafrika haben ihre Botschafter für Konsultationen abgezogen, in Irland wurde der israelische Botschafter einbestellt.

Kommt es jetzt zum vierten Krieg zwischen Israel und der Hamas binnen zehn Jahren? Wenn die Zahl der Toten weiter steigt, könnte die Hamas wieder Raketenangriffe auf Israel erlauben, erwarten Kommentatoren. Dann werde Israel wiederum noch härter reagieren. Israelische Sicherheitsbehörden hätten der Hamas-Führung über den ägyptischen Geheimdienst die Drohung übermittelt, sie könnten wieder zum Ziel gezielter Tötungen werden, sollten sie die Gaza-Einwohner weiter zu gewaltsamen Protesten antreiben, schreibt die regierungsnahe "Israel Hajom".

"Gaza braucht eine Lösung", sagt der palästinensische Politikexperte Omer Schaban. "Wenn der Krieg nicht morgen ausbricht, dann kann es in einem Monat passieren." Die desolate Situation im blockierten Gazastreifen bedrohe die Sicherheit in der gesamten Region. Es mangele an medizinischer Ausrüstung, sauberem Trinkwasser, die Arbeitslosigkeit sei extrem hoch. "Gaza ist nicht mehr zu retten, die internationale Gemeinschaft muss grundlegend eingreifen", sagt er.

Die Palästinenser laufen in ihren Tod, weil sie hungrig, arbeitslos, ohne Trinkwasser und Strom sind, weil ihr Leben nichts wert ist.Jariv Oppenheimer von der Organisation Peace Now

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