19.02.2019 - 14:58 Uhr
FuchsmühlDeutschland & Welt

Ein Lkw bringt Leben in 27 Dörfer: Der mobile Dorfladen im Steinwald

Es ist ein Lkw, mit dem die Steinwald-Region dem demografischen Wandel davon fahren soll. Seit einem halben Jahr ist der Mobile Dorfladen unterwegs, um die Menschen mit dem täglichen Bedarf zu versorgen. Was dabei gut läuft und was nicht.

von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Martin Schmid, der Schnee und die verlassene Triebendorfer Ortsmitte. Flocken wehen dem Geschäftsführer der Steinwald-Dorfladen GmbH ins Gesicht, als er die Straße des Wiesauer Ortsteil (Landkreis Tirschenreuth) hinunter schaut. Niemand kommt. Der Chef begleitet an diesem Mittwoch den mobilen Dorfladen auf Tour, nach großem Geschäft sieht es hier ersten Halt nicht aus. Eine halbe Stunde bleibt der Lkw, in Triebendorf nutzt genau ein Kunde diese Zeit.

"Das Wetter macht viel aus", sagt Jutta Dötterl. Die Verkäuferin hat eine Menge Berufserfahrung. Weil ihr Arbeitgeber sein Geschäft 2018 schloss, wagte sie das Experiment "mobiler Dorfladen" - und sammelt nun neue Erfahrung: "Auch die Uhrzeit spielt eine Rolle." Seine drei Routen bedient der Dorfladen je zweimal wöchentlich, immer in unterschiedlicher Richtung. "Meist ist nachmittags mehr los", sagt Dötterl.

Medieninteresse zum Start

Im August war das noch anders. Zum Start trieb die Neugier die Kunden, oft warteten sie schon, wenn der Lkw ankam. "Jeder wollte schauen", sagt Fahrer Karl-Heinz Meier, der mit Dötterl die Stammbesetzung bildet. Tatsächlich wollte damals ganz Deutschland "schauen". Anfragen kam unter anderem von Sat1, RTL, der "Abendzeitung" oder der "Welt".

Die Idee greife eben ein Problem auf, das es in vielen Regionen gibt, sagt Schmid: demografischer Wandel, schrumpfende Dörfer, fehlende Einkaufsmöglichkeiten. Seit 2005 ist im Steinwald jedes vierte Geschäft verschwunden. In 27 Orten mit 5900 Einwohnern soll der 12-Tonnen-MAN-Truck nun Abhilfe schaffen. Auf 17 Quadratmetern bietet er 450 Produkte von Zahnpasta bis Biofleisch. "Wir führen günstige Ware für den Grundbedarf, dazu Produkte von regionalen Erzeugern", erklärt Schmid. 30 bis 35 Kunden nehmen das Angebot im Schnitt an jedem Tag an, an diesem Winter-Mittwoch kommen 10 bis 15. Sie erwartet ein Preisniveau nahe am Supermarkt. Dazu ist Schmidt stolz auf 24 regionale Produzenten, die kooperieren.

Das Medieninteresse sei inzwischen abgeklungen, heute erkundigen sich andere Kommunen. Nach rund 6000 Kilometern kann Schmid ihnen einiges berichten. Am wichtigsten: Das Konzept funktioniert. In sechs Monaten musste der Laden nur eine Tour abbrechen. Am Blitzeis-Tag Ende November ging im bergigen Steinwald nichts mehr. Die Lieferkette funktioniere auch dank der Mitarbeiter, sagt Schmid. Neben ihm, Dötterl und Meier gehören Anja Zölch im Büro sowie Ersatzfahrer Bernhard Schraml und Verkäuferin Gisela Gmeiner dazu. Kleine Umwege auf dem Arbeitsweg, um Ware mitzunehmen, sind selbstverständlich. Lieferanten kommen ab 7 Uhr zum Lager in Fuchsmühl. Sechs Tage die Woche rollt der Truck dann hier um 8 Uhr vom Hof.

Das Frauenhofer Institut Nürnberg begleitet das Projekt und wertet die Ergebnisse aus. "Wir sind nicht immer einer Meinung", sagt Schmid offen. Es sind typische Probleme zwischen Theorie und Praxis, von denen er berichtet. "Insgesamt sind wir natürlich froh über die Unterstützung", stellt er klar. Daran ändert nichts, dass der vom Institut verantwortete Onlineshop immer noch nicht funktioniert. Kunden sollen zusätzliche Produkte bestellen, die der Laden dann ausliefert. Das galt vor Start als zukunftsweisend. Für Schmid ist der Shop derzeit nicht so wichtig. "Das ist etwas für die Zukunft. Bei den älteren Kunden spielt ein Webshop keine Rolle."

Nur ein Ausfalltag

Wichtiger seien gute Haltepunkte, denn der Dorfladen sei nicht überall willkommen. In einem Dorf habe ein Bäcker so heftig protestiert, dass der Dorfladen aufgab. Alternativhalt ist nun der Wiesauer Marktplatz. Dort hatten in kurzer Zeit beide Supermärkte geschlossen, die Wiesauer stürmten den Verkaufs-Lkw. Dann öffnete einer der Märkte neu - direkt neben der Haltestelle. Vorbei war's mit Geschäft. "Im Supermarkt ist das Angebot größer, man ist zeitlich flexibler", erklärt Schmid, wo der Dorfladen nicht mithalten kann. Tatsächlich geben auch viele Kunden an, "eigentlich nicht" auf den mobilen Laden angewiesen zu sein. Es gehe darum, "einer guten Sache" zu helfen.

Schmid ist sicher, dass der Dorfladen mehr als "eine gute Sache" sein kann. "Es dauert, bis man im Kopf der Menschen ist." Dabei hilft wohl, wenn die Menschen ans Einkaufen im Heimatort gewohnt sind. In Krummennaab hat der letzte Laden vergangenen Herbst geschlossen, Bürgermeister Uli Roth habe sich dann für einen Haltepunkt eingesetzt. "Die Krummennaaber nehmen das Angebot nun sehr gut an", sagt Schmid. Ob es sich auch in der Fläche durchsetzt, soll sich zeigen, bis das Förderprogramm ausläuft. Was dann passiert, weiß Schmid noch nicht. Er ist aber überzeugt, dass sich bei der Nahversorgung insgesamt bald viel tun wird. "Kommunen kümmern sich um schnelles Internet. Wieso nicht um Einkaufsmöglichkeit? Wenn die Bürger das erwarten?"

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