Unfallursache für Bahnunglück bleibt unklar - Lob für grenzüberschreitenden Rettungseinsatz

Am Tag nach dem Zugunglück an der deutsch-tschechischen Grenze dauern die Aufräumarbeiten an - genau wie die Spekulationen um die Ursache. Bis es hier Gewissheit gibt, wird es noch dauern. Bei einem anderen Punkten gibt es dagegen mehr Klarheit.

Bei dem Zusammenprall zweier Züge kamen am Mittwoch drei Menschen ums leben. Wieso die Zugführer sterben mussten, war auch am Donnerstag noch unklar.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Die Aufräumarbeiten haben noch in der Nacht zum Donnerstag begonnen - bis aber alle Hintergründe des Zugunglücks auf der Bahnstrecke München-Prag vom Mittwochmorgen aufgearbeitet sind, wird noch einige Zeit vergehen. Das zeigt sich im Gespräch mit Sylvia Hubmann-Gradl. Die Länderbahn-Sprecherin gibt sich alle Mühe, Spekulationen entgegenzutreten. War wirklich der tschechische Lokführer im Führerstand des "Alex" schuld am Unglück, weil er ein Signal übersehen hat? "Man muss mit solchen Spekulationen wirklich sehr vorsichtig sein", sagt Hubmann-Gradl zu der Information, die vor allem in tschechischen Medien sehr früh die Runde machte.

Hubmann-Gradl verweist am Donnerstagnachmittag darauf, dass die Suche nach den Gründen noch gar nicht richtig begonnen habe. Am Mittwoch stand die Versorgung der vielen Verletzten im Vordergrund. Erst in der Nacht kam dann ein spezieller Kran an die Unglücksstelle, um Lokomotive und Triebwagen zu bergen. Die 80-Tonnen-Lok wurde dabei wieder auf die Schienen gehoben, um sie dann zurück nach Deutschland transportieren zu können. Es werde wohl noch Tage, vielleicht Wochen dauern, bis auch die Gründe für den Unfall aufgearbeitet sind.

Energisch tritt Hubmann-Gradl der Spekulation entgegen, dass die Lokführer der tschechischen Staatsbahn sich mit der fremden "Alex"-Lokomotive nicht zurecht gefunden haben könnten: "Diese Lokomotive war für den Lokführer nicht fremd." Man dürfe sich den Wechsel der Lok nicht vorstellen, als würde man in ein fremdes Auto steigen. Jeder Lokführer dürfe nur auf Modellen arbeiten, für die er eingewiesen und geprüft ist.

Für jede Lok eingewiesen

Jeder Lokführer darf nur Baureihen fahren, auf denen er ausgebildet und eingewiesen ist, sowie abschließend geprüft wurde. Das gelte auch für die Strecke, auf der der Zug unterwegs ist. Ein Lokführer fährt nur auf Strecken, für die er vorher eingewiesen wurde. Alle weitere Vermutungen seien Spekulation, an der sich die Länderbahn nicht beteiligen wolle.

Tatsächlich sind am Donnerstagnachmittag auch die nahe liegendsten Fragen nicht geklärt - etwa die Zahl der Verletzten. Am Donnerstag sprachen die tschechischen Behörden von "mehr als 60", am Mittwoch war von deutlich weniger die Rede. "Wir können nur sagen, wie viele Passagiere bei uns an Bord waren", erklärt Hubmann-Gradl: Weniger als 20 seien das zum Zeitpunkt des Unfalls gewesen. Das Unternehmen bemühe sich darum, Informationen zum Zustand der Verletzten zu bekommen. Aber auch das sei nicht einfach - auch weil man das Bedürfnis der Patienten nach Ruhe unbedingt beachten wolle.

Hervorragende Zusammenarbeit

Dagegen war früh klar, dass die Zusammenarbeit der tschechischen und deutschen Helfer am Unglücksort reibungslos funktioniert. Dies bestätigt am Donnerstag Manfred Maurer. Der Wiesauer (Landkreis Tirschenreuth) war lange hauptamtlich beim BRK-Kreisverband Tirschenreuth aktiv. 2018 wechselte er zum Kreisverband Cham, um dort als Projektleiter "grenzüberschreitender Rettungsdienst" die deutsch-tschechische Zusammenarbeit beim Kompetenz- und Koordinierungszentrum in Furth im Wald zu verbessern. Inzwischen laufe diese reibungslos. Jährlich gebe es rund 300 grenzüberschreitende Einsätze an der deutsch-tschechischen Grenze. "Die Zeiten der blutigen Patientenübergaben an der Grenze sind vorbei." Früher mussten häufiger teils schwer verletzte Patienten aus juristischen Gründen an der Grenze von einem Rettungswagen in den anderen umgeladen werden.

Heute sei es für Helfer auf beiden Seiten der Grenze Alltag, zu Einsätzen ins Nachbarland zu fahren, wenn dies den Patienten nutzt. "Das hat auch die Arbeit während des Zugunglücks sehr erleichtert", sagt Maurer. Er selbst war nicht am Unglücksort, kümmerte sich im Einsatzzentrum um die Koordination. "Meine Stellvertreterin Tereza Homolkova kam auf dem Weg zur Arbeit direkt an der Unfallstelle vorbei", sagt Maurer. Als eine der ersten Helferinnen habe sie sich um die Unglücksopfer gekümmert.

Zehn Patienten über die Grenze

Schnell hätten sich die deutschen BRK-Helfer und die Vertreter des staatlichen tschechischen Rettungswesens darauf verständigt, dass sich das BRK um die deutschen und der tschechische Rettungsdienst um die tschechischen Verletzten kümmert. Zehn deutsche Patienten habe das BRK so versorgt und zur weiteren Behandlung in deutsche Krankenhäuser transportiert. Wie schwer die Verletzungen tatsächlich waren und wie es den Menschen am Tag nach dem Unglück geht, konnte Maurer aus Datenschutzgründen aber nicht sagen.

So muss diese Frage am Donnerstag ebenso offen bleiben wie die nach der grenzüberschreitenden Personenbeförderung in den nächsten Tagen. Schon am Mittwoch habe die tschechische Staatsbahn für einen Ersatzbus gesorgt. Dieser fährt bis auf Weiteres zwischen Furth im Wald und dem Bahnhof Holysov hinter der Unglücksstelle.

Wie lange der Ersatz nötig sein wird, war am Donnerstag unklar, erklärt Länderbahn-Sprecherin Sylvia Hubmann-Gradl. Erst nachdem beide Unglücksfahrzeuge geborgen waren, konnte die Strecke näher untersucht werden. Hierfür sei das tschechische Bahnamt zuständig. Bereits im Laufe des Donnerstags hatte sich abgezeichnet, dass eventuell auch die Gleise beschädigt sind. Mindestens bis Mitte oder gar Ende kommender Woche wird es wohl dauern, bis wieder ein "Alex" von München über Schwandorf nach Prag rollen kann.

Der Unfall vom Mittwoch

Furth im Wald im Landkreis Cham
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