26.08.2019 - 12:04 Uhr
GeorgenbergDeutschland & Welt

Badende Nymphen am Zottbach

Der Künstler Jeff Beer hat sich dem Volkskundler Franz Xaver Schönwerth (1810-1886) auf seine besondere Weise genähert. Ein Interview.

Der Oberpfälzer Künstler Jeff Beer hat sich intensiv mit den Sagen und Märchen von Franz Xaver Schönwerth beschäftigt. Für einen geplanten Skulpturenpfad hat er die „Badenden Nymphen“ geschaffen. Der Sagenweg soll 2020 eröffnet werden, die Nymphen können aber jetzt schon besucht werden. Die Skulptur befindet sich auf dem historischen „Glasschleiferweg“, der von Neuenhammer aus beschildert ist.
von Stefan Voit Kontakt Profil

Franz Xaver Schönwerth (1810-1886) gehört zu den bedeutendsten Sagen- und Märchensammlern in der Oberpfalz. Ein Skulpturen-Pfad bei Georgenberg (Kreis Neustadt/WN) soll nun an ihn erinnern.

ONETZ: Sie kommen vom Wasser nicht los: Nach der erfolgreichen Fotoserie „Vom Wasser“ (2004-2006) haben Sie sich wieder mit dem nassen Element beschäftigt. Sie sind von der Waldnaab, an der Sie unmittelbar leben, an den Zottbach bei Neuenhammer gekommen. Diesmal beschäftigen Sie sich mit „Badenden Nymphen“. Was verbirgt sich hinter diesem Projekt?

Jeff Beer: Die „Badenden Nymphen“ sind eine dreiteilige, drei Meter hohe Eisenplastik, die ich bereits vor zwei Jahren für den Wettbewerb zum Schönwerth-Sagen- und Märchenpfad konzipiert habe. Dabei interessiert mich besonders das Vexieren zwischen konkreter erzählerischer Inhaltlichkeit einerseits, und der rhythmisch-räumlich organisierten Abstraktion – ein Effekt, der durch die Überlagerungen innerhalb der linearen, hochtransparenten Struktur der Skulptur entsteht – ein Verfahren, das alle meine neueren Skulpturen kennzeichnet.

ONETZ: Ausgangspunkt ist ja der geplante „Schönwerth Sagen- und Märchenpfad“. Wie kam die Einladung zustande?

Ganz überraschend war ich zu dem Wettbewerb eingeladen worden. Zunächst war ich skeptisch, ob es mir gelingen würde, aus der Aufgabe, sich künstlerisch mit einer Auswahl aus den Schönwerth’schen Sagen auseinanderzusetzen, eine für mich gültige zeitgenössische Plastik schaffen zu können. Ich wollte mich keinesfalls mit einer Illustration zufrieden geben. Das wäre für mich eine zu vordergründige und konzeptionell wenig nachhaltige Lösung gewesen.

ONETZ: Für die Nymphen ließen Sie sich von Schönwerths Sage „Im Rachen des Wassermanns“ inspirieren. Was ist der Inhalt dieser Geschichte und wie sind daraus die Nymphen entstanden?

Im Kern geht es um eine Täuschung. Auffallend schöne junge Frauen baden in einem Teich und locken mit ihrer Schönheit junge Männer an, die sich in sie verlieben und sie ehelichen. Dann erst zeigt sich, dass die Frauen statt Beine einen Fischschwanz besitzen. Es sind also keine Menschen, sondern Nixen oder Nymphen. Über die tiefere Bedeutung dieser Sage, die vielleicht weit ins Mythische bis hin zu vorzeitlichen Erfahrungen mit Elementarwesen zurückreicht, würde es sich lohnen, weiter zu forschen. Mich jedenfalls hat Schönwerth dazu inspiriert, mich erstmals mit dem Nymphen-Thema auseinanderzusetzen und dafür einen skulpturalen Ausdruck zu finden, der ja später auch in meine große Skulptur in der Falkenberger Burg eingeflossen ist – die Nymphen quasi als Repräsentanten des Wasserwesens, das ich schon seit vielen Jahren studiere.

Bevor die Nymphen baden gingen, wurden sie, am Kran schwebend, zur ausgesuchten Stelle am Zottbach gefahren.

ONETZ: Franz Xaver von Schönwerth ist der bedeutendste Oberpfälzer Märchen- und Sagensammler und Volkskundler, der sogar von den Gebrüdern Grimm bewundert wurde. Sie haben sich in der Vorbereitung auf ihre Skulptur intensiv mit ihm beschäftigt. Was haben Sie dabei Neues entdeckt?

Schönwerth erzählt viel rauer als die Gebrüder Grimm, er glättet nichts und lässt uralte Erzählkerne, die sich im mündlich tradierten Erzählgut über Jahrhunderte erhalten haben, wie dunkle Einschlüsse in den Sagen stehen. Auch sind die Verläufe der von ihm gesammelten Erzählungen bemerkenswert. Es gibt viele Überraschungen, für die es lohnt, sich intensiver mit dem von Schönwerth gesammelten Material zu befassen.

ONETZ: Wie wichtig ist es, in Zeiten von Internet und nachlassendem Interesse an Büchern, an Sagen und Märchen zu erinnern?

Wer nicht nur in seiner Kindheit Märchen erzählt bekommen hat oder seinen eigenen Kindern Märchen vorgelesen hat, sondern sie heute noch liest, weiß um die Magie dieser Texte. Es sind starke Bilder und Vorgänge, die tief ins Unbewusste reichen und aus einer ganz anderen, hoch verdichteten Ebene heraus erzählen als die gewöhnliche, quasi am Tagesbewusstsein orientierte Narration. Wer dies verstanden hat, wird auf den tiefen Erfahrungs- und Weisheitsschatz der Märchen, der nur dort zu finden ist, nicht verzichten wollen.

ONETZ: Wie schwierig war die Umsetzung einer Erzählung in eine Plastik, und wie schwer war es, die immerhin drei Meter hohe Eisenskulptur an ihren angestammten Platz zu transportieren?

Es braucht immer eine gewisse Inkubationszeit, bis sich das äußere Narrativ, das in diesem Fall vom Wort her kommt, verwandelt und in eine autonome künstlerische Formulierung umschlägt, die schließlich ihre ganz eigene Struktur und Gesetzmäßigkeiten besitzt. Das war die erste Schwierigkeit, die letztlich an die Adresse der Inspiration gerichtet ist. Dann war es spannend, die sehr schweren einzelnen Formen, die nur noch per Kran und schwerem Hebezeug bewegt werden konnten, wieder in ihre konzeptuell angestammte Leichtigkeit zu verwandeln, die dann entsteht, wenn die Tangential-Punkte der Formen nach Maßgabe des Modells untereinander passgenau erzielt werden können. Das war die größte Schwierigkeit bei der Montage, die ich bei sengender Hitze im Freien unten im Zottbachtal mit einfachsten Mitteln realisiert habe.

ONETZ: Wie gestaltete sich die Arbeit vor Ort?

Die Skulptur an Ort und Stelle zu bringen – auf jene für sie vorgesehene Waldlichtung am Zottbach, war gar kein großes Problem mehr. Dank der Hilfe eines sensiblen Baggerfahrers und mehreren Helfern vom lokalen Bauhof gingen der Transport und die dauerhafte Verankerung im Gelände reibungslos über die Bühne.

ONETZ: Ab wann können die Nymphen besichtigt werden bzw. wann soll der Pfad fertig sein?

Die „Badenden Nymphen“ kann man schon jetzt besichtigen, auch wenn die Gestaltung des Geländes noch nicht ganz abgeschlossen ist. Wie ich gehört habe, soll der Skulpturenpfad aber erst im kommenden Jahr fertig und offiziell eröffnet werden.

ONETZ: Die Wasser-Bilder zeigten Sie 2006 auch in St. Petersburg. Inzwischen sind sie dort ein gerngesehener Gast und wurden zu mehren Ausstellungen eingeladen. Zuletzt waren Sie 2012 dort und zeigten auf Einladung der Alexander-von-Humboldt-Stiftung im Nabokov-Museum Ihre Fotoserie „New York Polyphony“. 2017 haben Sie in der Staatlichen Universität in der „Woche der Deutschen Kultur“ Ihre Prosa „Singen in die eigene Faust“ im großen Hörsaal gelesen. Was dürfen die Besucher diesmal von Ihnen erwarten?

Ich werde die Fotoserie „Within – Im Innersten“ (Imaginäre Porträts) zeigen, die von 2013 bis 2019 entstanden ist. Im Frühjahr 2019 war eine Auswahl daraus zum erstenmal in der Galerie G4 in Cheb/Eger zu sehen gewesen. In Sankt Petersburg werde ich jetzt den kompletten Zyklus zeigen, der aus 33 Arbeiten im Format von 80 x 60 cm besteht.

ONETZ: Wie kam der Kontakt nach Russland zustande?

Meine allererste Einladung kam 2002 durch ein Moskauer Musikfestival zustande, auf dem ich einen Soloabend spielte und zu dem man begleitend auch meine Fotoserie „Zwischen Jahren und Zeiten“ im DOM zeigte. Von dort aus kam dann der Sprung nach Sankt Petersburg, wo ich ebenfalls mehrfach konzertierte. Dieses Mal war ich überrascht, zu einer Einzelausstellung in ein sehr hochrangiges Museum – die Rede ist vom Museum der Kunst des XX. und XXI. Jahrhunderts am Gribojedow-Kanal – eingeladen worden zu sein, ohne mich dafür beworben zu haben.

ONETZ: Anscheinend tragen die bisherigen Aktivitäten in St. Petersburg allmählich Früchte. Es gab auch immer sehr freundliche und fachkundige Besprechungen. Einige bekannte Magazine haben größere Veröffentlichungen und Fotostrecken gebracht. Sogar etliche meiner literarischen Texte wurden inzwischen ins Russische übertragen und veröffentlicht. Womöglich hat auch die erfolgreiche Tournee meiner Wasserbilder damit zu tun, die seinerzeit in 12 Städten, ausgehend von St. Petersburg und endend in Wladiwostok, zu sehen waren und über die etliche Besprechungen erschienen sind.

Wie waren bislang die Rezeptionen?:

ONETZ: In Russland hat ja speziell die Fotografie noch immer einen hohen Stellenwert. Wie wichtig sind solche Ausstellungen für Sie?

Den Wert so einer Einladung kann man nicht hoch genug einschätzen, die immer auch in die Kuratoren-, Galerien- und Museumslandschaft hierzulande ausstrahlt, zumal das Museum bereits signalisierte, dass es schon im kommenden Jahr eine umfangreiche Ausstellung aus verschiedenen Sparten meiner Arbeit organisieren möchte.

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