18.05.2020 - 17:46 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

Gerd Baumann: Schafe sind wie Menschen

Den großen und kleineren Fragen des Lebens mit Lyrik zu Leibe zu rücken, ist gewagt. Zum Glück verfügt Gerd Baumann über genügend hintersinnigen Humor und präzisen Wortwitz, um daraus ein großes Vergnügen für alle zu machen.

Musiker und Poet Gerd Baumann
von Anke SchäferProfil

In seinem Gedichtband „Das Schaf des Pythagoras“ versammelt der Musiker und Lyriker mal lustige, mal nachdenkliche, aber immer zutiefst poetische Alltagsbetrachtungen aus Schafs- und anderen ungewöhnlichen Perspektiven. Ebenfalls anders als gewohnt findet die Buchpremiere mit Musik am Donnerstag, 21. Mai als Live-Stream statt. Warum er gerade Schafe so mag, wie er als Musiker überhaupt zum Dichten kam und wie er die aktuelle Corona-Situation erlebt, erzählt Gerd Baumann im Interview.

ONETZ: Herr Baumann, „Pamphletis Feuilletonae“, „Terrassengleichnis“ und „Schaf und Schäfer“ sind auf Anhieb zu meinen Lieblingen geworden. Haben Sie auch einen Favoriten im neuen Gedichtband?

Gerd Baumann: Ich mag „Die Welle“ gerne, wahrscheinlich, weil ich mich zur Zeit genau so fühle wie die eine Welle, um die es in diesem Gedicht geht.

ONETZ: Dass Sie Schafe mögen, ist nicht zu überlesen. Woher rührt diese Affinität zu den wolligen Gesellen?

Was für eine schöne Beschreibung, wollige Gesellen …
Schafe sind für mich sehr interessante Tiere, weil sie sich nicht recht in die Karten schauen lassen. Der Gleichmut, der etwas leidende, Protest-hafte Unterton beim Mähen, das tief ausgeprägte Herden-Verhalten, der verständnislose und etwas stupide Gesichts-Ausdruck: Ich frage mich, ob Schafe wirklich so sind - oder ob Sie uns nur in dem Glauben lassen wollen, dass sie nicht die Allerhellsten sind! Hier finden sich haufenweise Parallelen zu unserer Homo sapiens - Gattung.

ONETZ: Den dumpfen, finsteren Tendenzen unserer Zeit setzen Sie Hintersinnigkeit entgegen. Finden Sie es nicht schade, dass diese bemerkenswerten Gedichte ihre eigentlichen Adressaten wohl nie erreichen werden?

Nein, denn ich schreibe ja nicht, weil ich irgendetwas besser weiß als andere oder missionieren möchte. Es ist recht simpel: Der einzige Weg, den ich habe, um mir Luft zu machen, sind Töne und Wörter. Und davon möchte ich gerne diejenigen loswerden, die mir wertvoll erscheinen. Die Gedichte, die Sie meinen, hätten wahrscheinlich das Gefühl, sich verlaufen zu haben, würden sie Ihre Adressaten erreichen.

ONETZ: Sie sind Musiker, komponieren Soundtracks, betreiben ein Platten-Label und einen Musik-Club und haben eine Hochschul-Professur für Film und Medien. Wie kamen da die Gedichte mit ins Portfolio?

Seitdem ich mit meinem lieben Freund Marcus Rosenmüller zusammenarbeite, treten wir gemeinsam auf, lesen Gedichte vor und erzählen Geschichten. Und: Wenn ich Zeit habe (das passiert hauptsächlich während Zugfahrten) schreibe ich Gedichte.

ONETZ: Bei dieser beruflichen Ausrichtung hat die Corona-Pandemie sicherlich auch bei Ihnen vieles über den Haufen geworfen. Wie kommen Sie aktuell zurecht?

Ich bin ähnlich mitgenommen wie die meisten Menschen. Von einem Tag auf den anderen hat sich mein Leben radikal verändert: Konzerte und Lesungen wurden haufenweise verschoben, meine Studenten sehe ich nur auf dem Computer-Bildschirm, Freunde und Mit-Musiker sehe ich kaum und wenn, dann mit Abstand. Aber ich versuche, entspannt zu bleiben und weiß sehr zu schätzen, dass ich weiter in meinem Studio arbeiten darf und habe nach wie vor Vertrauen in eine Gesellschaft, die jetzt einmal wirklich Solidarität beweisen muss. Ich bleibe optimistisch - auch wenn die Flut von Bill Gates-Merkel-5G-Weltregierungs-Verschwörungs-Theorien mir langsam unerträglich werden.

ONETZ: Werden in einigen Monaten schon Filme, die diese spezielle Zeit behandeln, auf Ihre Vertonung warten?

Es wird in der näheren Zukunft kaum einen Stoff geben, der sich nicht auf irgendeine Art mit den Nachbeben dieser Zeit befasst. Der wirklich schwierige Teil der ganzen Pandemie-Geschichte steht aber noch bevor: Das Nicht-Vergessen, wie wackelig und verletzlich unser Dasein ist.

ONETZ: Kann der Kulturbetrieb insgesamt nach Corona noch so weitermachen wie vorher?

Helge Schneider hat es einem kurzen Video auf den Punkt gebracht: Alle Menschen, die auf der Bühne stehen, leben davon, daß ein Publikum anwesend ist. Das ist durch nichts zu ersetzen, auch nicht durch Live-Stream-Konzerte. Und das Publikum ist momentan einfach nicht da! Viele Künstler, viele große und kleine Bühnen sind jetzt darauf angewiesen, dass ihnen moralisch und finanziell geholfen wird.

ONETZ: Und Sie persönlich – haben Sie Ihre Eindrücke schon in irgendeiner kreativen Form verarbeitet oder ist es dazu noch zu früh?

Ich arbeite in „normalen“ Zeiten oft und gerne alleine in meinem Studio. So viel Alleine-Zeit wie in den letzten Monaten hatte ich aber noch nie! Da ist natürlich viel Musik entstanden und ein paar neue Lieder, die mir eine tröstende und wohltuende Gesellschaft waren. Neue Gedichte gibt es noch keine, die quellen dann hoffentlich während der nächsten Zugfahrt über …

Info:

Zum Buch und Live-Stream

Das Buch "Das Schaf des Pythagoras" mit Illustrationen von Martin Kettl, Hardcover, 96 Seiten erscheint am 21. Mai in der edition lichtung und kostet 14,90 Euro.

Zur Buch-Premiere am Donnerstag, 21. Mai spielt und liest Gerd Baumann ab 20.30 Uhr live in der Münchner Bar Gabányi, zu sehen über den YouTube-Kanal und die Facebook-Seite der Bar Gabányi.

Info:

Zu Autor und Illustrator

Gerd Baumann wurde 1967 in Forchheim geboren und studierte Gitarre und Komposition in München und Los Angeles. Er komponiert für Theater und Film, unter anderem für die Filme des Regisseurs Marcus H. Rosenmüller, ist seit 2013 Professor für Komposition für Film und Medien an der Hochschule für Musik und Theater in München und spielt in den Bands "Dreiviertelblut" und "Parade". Zudem betreibt er das Plattenlabel "Millaphon Records" und den Musikclub "Milla" in München, wo er auch lebt.

Martin Kett, Jahrgang 1967, studierte Design in München, wo er auch lebt und arbeitet. Neben seiner Tätigkeit als Grafiker und Zeichner verwirklicht er auch freie Projekte wie die Portraits internationaler Metropolen im Rahmen seiner "Cityscape"-Serie. Seit 2011 gestaltet er mit seiner Design-Agentur "Perfect Accident" On-Air-Designs für Fernsehsender weltweit.

Buchcover
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