Verein rettet Rehkitze vor dem Mäh-Tod

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Der Verein "Kitzrettung TIR" sucht mit Drohnen und Wärmebildkameras Rehkitze in Wiesen und bewahrt sie davor, von Mähmaschinen überfahren oder verletzt zu werden. Eine Mission mit tierisch großem Erfolg.

von Ulla Britta BaumerProfil

4 Uhr morgens am Pfingstmontag. Monika Leiß, Kristina Leiß und Anna Pollinger sind nicht zum Vergnügen so früh unterwegs. Sie fahren zu einem spektakulären Einsatz auf einer Wiese bei Großkonreuth (Kreis Tirschenreuth). Weitere Männer und Frauen treffen ein, alle ziehen gelbe Schutzwesten und Mundschutz über. Die Aktion, genehmigt vom Landratsamt aus Tierschutzgründen, wird vom fahlgelben Licht der aufgehenden Sonne beleuchtet. Am Wiesenrand steht ein Traktor, sein Einsatz folgt später.

Alle Anwesenden sind Mitglieder des Vereins "Kitzrettung TIR". Biobauer Josef Freundl hat sie geholt. Seine Wiese muss gemäht werde, aber Freundl möchte dabei kein Kitz mit seiner Mähmaschine verletzen. Der Landwirt hat gehört, dass der Verein aus Friedenfels Kitze mit Drohnen sucht und aus der Wiese holt, bevor der Bauer mit dem Mähen beginnt. Freundl findet das gut. Die Suche nach Kitzen zu Fuß ist anstrengend und meist nicht erfolgreich.

Christian Rosner, einer der Drohnenpiloten und Jäger, baut gerade sein Fluggerät auf. Das über 10 000 Euro teure Gerät ist mit einer Wärmebildkamera ausgestattet. Nach dem Start wird Rosner sein Fluggerät nicht mehr aus den Augen lassen, das ist Vorschrift. Seine Freundin Anna wird über einen externen Bildschirm die Wiesenfläche nach kleinen Punkten absuchen. Das sind dann meist die Kitze.

Nicht mit bloßen Händen

Jeder Kitzretter hat seine Aufgabe: Körbe werden mit Gras ausgelegt, Handschuhe liegen bereit. Die Kitze dürfen nicht mit bloßen Händen angefasst werden. Denn nach der Rettung sollen die Tiermütter ihre Jungen wieder abholen. Das tun sie nicht, haftet Menschengeruch an ihnen. "Wir dürfen bis 100 Meter rauf. Je höher, desto mehr sehen wir", erklärt Rosner. Per Internet holt er sich die Flurdaten des Kleefeldes. Mit den eingespeicherten Koordinaten fliegen die Drohnen die Fläche Zentimeter für Zentimeter ab.

Christian hat seine eigene Drohne dabei, Hans-Joachim Balk fliegt die vereinseigene. Mit leisem Brummen starten die Fluggeräte in die Dämmerung. Auf den Bildschirmen tut sich lange nichts. "Jetzt ist uns die Kamera ausgefallen", schimpft Annette Gleißner. Balks Drohne muss wieder runter. Die zweite Vorsitzende ist mit den beiden Teams seit drei Wochen nahezu täglich ab drei Uhr morgens unterwegs in den Landkreiswiesen. Oftmals sind es zwei, drei Einsätze gleichzeitig. Die Bauern nehmen das Angebot des Vereins besser an als erwartet. Alle sind müde, denn nach dem Ehrenamt geht's in die Arbeit. Aber alle bleiben am Ball.

"Kann sein, dass hier keine Kitze sind. Der Wald ist weit weg", überlegt Pollinger. Aber sie täuscht sich. Wenig später ist auf ihrem Bildschirm ein schwarzer Punkt auszumachen. Pollinger Ruf "Wir haben was" sorgt für Hektik. Vier Leute laufen mit Körben in die Wiese. Der Klee reicht bis an die Hüften, Schuhe und Hosen sind vom Morgentau sofort nass. Egal. Die Kitzretter wollen das Tier rasch finden.

"Hier ist es"

"Stopp", ruft Anna über Funk. "Wieder zurück." Der Trupp ist vorbeigelaufen. Kitze ducken sich bei Gefahr ins hohe Gras. Oft ist dieser Schutzmechanismus ihr Verderben: Sie bleiben liegen – und werden totgemäht. Um das zu verhindern, wird nun angestrengt das Gras durchkämmt. "Hier ist es." Erleichterung tönt über die Wiese und verhallt in der morgendlichen Stille des angehenden Tages. Das Kitz blickt großäugig hoch, ein putziger Anblick. Es zittert leicht, fiept ängstlich nach seiner Mutter, bewegt sich aber nicht von der Stelle. Unter Protest lässt es sich hochheben und in den Korb legen.

Nummer eins ist gerettet, schon folgt Gleißners Ruf: "Wir haben auch eines." Andrea Müller-Klarner und Heidemarie Schünzel eilen ins Gras, per Funk werden auch sie exakt zum Fundort gelenkt. Es ist ein kräftiges Kitz, zappelig nur lässt es sich bergen. Müller-Klarner hat Mühe, es zu sichern. "Das bleibt uns nicht im Korb", sagt sie sorgenvoll zu ihrer Partnerin Schünzel.

Die Frauen rufen nach einem zweiten Behältnis zur Abdeckung. Beide Kitze werden an den Wiesenrand gebracht, sie sind aus der Gefahrenzone. Ganz ruhig liegen sie in den Körben, es geht ihnen gut. Wenn es ihnen auch nicht gefällt, müssen sie für einige Stunde im Korb bleiben, bis gemäht ist. Dann kommen die Kitzretter, oder der zuständige Revierförster lässt die Tiere frei.

Enge Zusammenarbeit

Der Verein "Kitzrettung TIR" arbeitet eng mit dem Jagdverband und den Landwirten zusammen. Allen ist es ein Anliegen, den Tieren zu helfen. Es ist 6 Uhr geworden, die Männer und Frauen trinken heißen Tee. Fröstelnd, mit teils durchnässten Schuhen und Hosen, aber glücklich protokollieren sie die Aktion. Es muss Buch geführt werden fürs Luftfahrt Bundesamt. Pollinger sucht mit den Augen den Horizont ab. Wo werden die Kitzmütter sein?

Sie sind in der Nähe, schauen aufmerksam zu, was die Menschen treiben mit ihren Jungen, haben die Kitzretter beobachtet. Und sie bleiben, bis ihre Jungen freigelassen werden. Erleichtert sind dann nicht nur die Rehmütter. "Derart entspannt habe ich in 30 Jahre noch nie eine Wiese gemäht", freut sich Biobauer Josef Freundl über die erfolgreiche Aktion des Vereins auf seiner Wiese.

Gegen 9 Uhr hat er seine Maat erledigt. Annette Gleißner kommt zurück und lässt die beiden Kitze wieder frei.

Hintergrund:

Verein "Kitzrettung TIR"

Der Verein „Kitzrettung Tirschenreuth“ unter Vorsitz von Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg wurde Ende 2019 in Friedenfels von Jägern, Landwirten und Privatpersonen gegründet. Der Verein finanziert sich aus Spenden. Ziel ist der Tierschutz, vornehmlich die Rettung von Rehkitzen. Seit Anfang Mai sind die Vereinsmitglieder auf den Wiesen unterwegs. Damit die Wärmebildkameras die Tiere erfassen, werden die kühlen Morgenstunden genutzt. In 17 Tagen retteten die Vereinsmitglieder auf insgesamt 400 Hektar Wiesenflächen 77 Kitze. Die Einsätze dauern von April bis Ende Juni. Infos über Kitzrettung TIR e. V. gibt es per Telefon 09683/910, per Handy 0151/26852659, per E-Mail an tir[at]kitzrettung-tir[dot]de oder auf der Homepage www.rehkitzrettung-tir.de. Der Verein freut sich über jede Unterstützung.

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