„Sein Ruhm, meine Zweifel. Aneinander gekettet wie zwei Sträflinge unterschiedlicher Körpergröße“: So beschrieb Hannah Mann einmal das Verhältnis zu ihrem berühmten Urgroßvater Heinrich Mann. „Eine Arztpraxis kann man übernehmen, einen Mythos nicht. Man kann ihn aber auch nicht ablegen. Das ist das Problem.“
Nun hat die in Berlin geborene Autorin ihren ersten Roman vorgelegt. „Zeppelin und Karpfen“ heißt das 238 Seiten schmale Buch, das im Aufbau-Verlag erschienen ist. Die offizielle Buchpremiere ist am 27. August in Berlin.
Der Roman spielt in den 1980er Jahren. Die Familie im Buch wurde gegen ihren Willen aus Polen ausgewiesen und lebt nun in West-Berlin. Auch Hannah Manns reale Eltern sind in Osteuropa geboren: Sie verließen Warschau und Prag 1968 und zogen nach Berlin, wo Tochter Hannah aufwuchs.
Kettenrauchend mit Pelz im Gewächshaus
Drei Frauen aus drei Generationen stehen im Mittelpunkt des Romans. Großmutter Nina sitzt tagaus, tagein kettenrauchend im Pelzmantel im ungeheizten Gewächshaus. Die luxuriöse Vorstadt-Villa, zu der ihr geschäftstüchtiger Mann es in Deutschland gebracht hat, bleibt ihr genauso fremd wie die Sprache.
Ihre Tochter Suzanna ist Fotografin und mit einem mäßig erfolgreichen Maler verheiratet. Enkelkind Daria hat einen Zähltick und glaubt an Ufos. Als die Großmutter verschwindet, beginnt eine Schnitzeljagd, die in einem schrottreifen VW-Käfer mit Hippie-Bemalung durch die DDR bis an den Bodensee führt.
Dort gibt es ein Zeppelin-Museum - und ein solcher ist das einzige Indiz zur Großmutter: Ein Foto aus den 1930er Jahren zeigt sie vor einem solchen Luftschiff. Wer ist der Junge, der auf dem Bild neben ihr steht? Die Spur führt nach Russland.
Ihr Vater riet zu einem „ordentlichem Beruf“
Dass Hannah Mann nun doch schreibt, war lange alles andere als klar. „Es dauerte Jahre, bis ich mir eingestand, dass ich eigentlich nur schreiben will“, schrieb sie 2021 in einem Essay für „Die Zeit“. Darin schildert sie, wie der berühmte Name sie mehr davon abhielt, zu schreiben, als dass er ihr Türen öffnete.
Auch ihr Vater, der Filmregisseur Jindrich Mann, habe ihr abgeraten: „Du willst doch mit dem Namen Mann nicht hausieren gehen, oder? Besser wäre ein ordentlicher Beruf.“ So studierte sie erst Jura, arbeitete dann als Werbetexterin, im Callcenter und im Marketing, gab Reitstunden und beriet Start-ups.
Schreibende Kinder schreibender Eltern
Beim Lesen von „Zeppelin und Karpfen“ passiert genau das, was Hannah Mann befürchtet hat: Man hat „die Manns“ im Kopf und erwartet etwas Exzeptionelles. Aber man entdeckt keinen besonderen Glanz und keine besondere Tiefe. Kleinteiliges Protokollieren führt emotional nicht näher an die Figuren heran. Vor allem das Ende lässt den Leser unbefriedigt zurück.
Dass auf schreibenden Kindern aus den Familien berühmter Schriftstellerinnen und Schriftsteller besonderer Druck lastet, teilen diese mit den Nachkommen anderer Berühmtheiten wie Schauspielern, Musikerinnen und Sportgrößen. Auf dem Gebiet der Literatur gibt es durchaus Familiendynastien, etwa der US-Autor Roald Dahl, Tochter Tessa und Enkelin Sophie. Weitere Beispiele sind auch Alissa und Martin Walser, Rebecca und Alice Walker, Marc und Kurt Vonnegut, Rebecca und Arthur Miller sowie Kiran und Anita Desai.
Nie ein Buch von Heinrich oder Thomas gelesen
In dem Text für die „Zeit“ gestand Hannah Mann, sie habe nie ein Buch von Heinrich oder Thomas Mann gelesen. „Immer wenn ich es versuchte, verlor ich mich in den langen Sätzen, und es überfiel mich eine lähmende Trägheit. Ihre Bücher sind mein ganz persönliches Kryptonit.“ Die „heilige Hürde“, den bahnbrechenden Roman „Der Untertan“ ihres Urgroßvaters zu lesen, blieb für sie somit zumindest bis zum Erscheinen des Essays 2021 unbewältigt.
© dpa-infocom, dpa:260818-930-545338/1














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