Jan Palach: Aufrüttler gegen bleierne Zeit

Die Euphorie des Prager Frühlings 1968 wich nach der gewaltsamen Niederschlagung einer bleiernen Lethargie. Bis ein 20-Jähriger die Menschen mit einer tragischen furchtbaren Tat noch einmal aufrüttelte.

Die Aufnahme zeigt den Trauerzug für Jan Palach in der Prager Altstadt. Der damals 20-jährige tschechische Philosophie-Student hatte sich am 16. Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz angezündet, um die Bevölkerung zum Protest gegen die Besatzer aus den Bruderstaaten zu bewegen.
von Autor SHJProfil

Ein halbes Jahr nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts gegen den Reformversuch des Prager Frühlings von 1968 hatte sich eine bleierne Atmosphäre über die Tschechoslowakei gelegt. Nichts mehr erinnerte an die kürzliche Euphorie. In den Medien regierte neuerlich die Zensur. Politisch hatte Moskau mit seinen Vasallen in Prag alles wieder im Griff. Die Menschen zogen sich ins Private zurück. Bis sie ein 20-Jähriger mit einer furchtbaren Tat noch einmal aufrüttelte.

Am Nachmittag des 16. Januar 1969 fuhr der Philosophiestudent Jan Palach aus seinem Heimatort Vsetaty in Mittelböhmen nach Prag, übergoss sich vor dem Nationalmuseum am oberen Ende des Wenzelsplatzes mit Benzin und zündete sich an. Ein Mitarbeiter der Straßenbahn wollte ihn retten; doch Palachs Haut war schon zu 85 Prozent verbrannt.

In einer am Rande eines Brunnens abgelegten Aktentasche fand sich Palachs Abschiedsbrief: "Da unser Land davor steht, der Hoffnungslosigkeit zu erliegen, haben wir uns entschlossen, unserem Protest auf diese Weise Ausdruck zu verleihen, um die Menschen aufzurütteln." Palach nannte sich "die erste Fackel". Weitere würden folgen.

Keine Reue

Am 19. Januar erlag Palach seinen schweren Verbrennungen. Bereut hat er seine furchtbare Tat nicht. Es sei seine Pflicht gewesen, so zu handeln. Drei Stunden vor seinem Tod riet er aber noch davon ab, seine Tat zu wiederholen. Dennoch hat er Nachfolger gehabt, nicht nur in der Tschechoslowakei. Palachs Beerdigung wurde zu einer nationalen Demonstration. Es sollte die letzte sein - bis zur "Palach-Woche" 20 Jahre später, als die Stasi brutal gegen demonstrierende Dissidenten losschlug. Unter ihnen war Václav Havel. Ende 1989 schließlich fiel die Macht der Kommunisten wie ein Kartenhaus zusammen. Neuesten Forschungen zufolge hatte Palach nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts auch über aktiven Widerstand gegen die Okkupanten nachgedacht. Nach Angaben des Historikers Petr Blažek, der sich auf Aussagen von früheren Mitstudenten Palachs, dessen Bruders und auf Dokumente der Staatssicherheit beruft, fuhr Palach schon am 21. August

1968 mit einer amerikanischen Browning in der Tasche nach Prag. Er wollte sie bei der Verteidigung des schwer umkämpften Radio-Gebäudes benutzen und mit der womöglichen Tötung eines der Okkupanten ein Zeichen setzen.

Die Mitwisser redeten Palach die Benutzung der Waffe, die ursprünglich sein Vater besessen haben soll, aus. Und sie schwiegen zudem über seine Gedanken, damit auf Palach nicht der Schatten eines möglichen "Terroristen" falle. Anfang 1969 soll Palach außerdem in einem Brief an den damaligen Studentenführer Lukas Holecek eine Besetzung des Prager Rundfunkgebäudes angeregt haben. Der Brief fand sich in Dokumenten der tschechoslowakischen Stasi. Dies alles, so der Historiker Blažek, zeige, dass die letztendliche Verzweiflungstat Palachs kein reiner Zufall gewesen sei.

Palachs Grab in Prag wurde von Beginn an zu einer Art Wallfahrtsort. Die Stasi wollte dem Einhalt gebieten und bettete den Leichnam nach Vsetaty um. Ein Coup, der misslang. Seit 1973 machten sich zwischen 16. und 19. Januar tausende Menschen nach Vsetaty auf. Obwohl die Züge Befehl hatten, durchzufahren, und die Zufahrtsstraßen gesperrt waren.

Nach der Samtrevolution 1989 wurde Palachs Leichnam zurück nach Prag gebracht. Jeder Friedhofsbesucher im Stadtteil Olsany kennt sein Grab, nur 150 Meter rechts hinter dem Eingang. Auf der schweren Granitplatte liegen das ganze Jahr über frische Blumen.

Gedenken an Palach

50 Jahre nach dem Tod von Jan Palach wird seiner in Tschechien vielfältig gedacht; zuerst natürlich in der Karlsuniversität, aber auch in der Stadt mit einer Ausstellung auf dem Wenzelsplatz. Dort ist auch ein Gedenkakt geplant. Auch wird es eine wissenschaftliche Konferenz geben sowie eine Prozession zum Friedhof in Vsetaty.

Ein neuer Film über Palach hat bereits zahlreiche Preise abgeräumt. In der Slowakei hat Staatspräsident Andrej Kiska dieser Tage postum die Anwältin und Nachwendepolitikerin Dagmar Buresová geehrt. Sie hatte Palachs Mutter in einem von vornherein verlorenen Prozess gegen einen damaligen Prager KP-Führer vertreten, der Palach einen "Agenten Westdeutschlands" genannt hatte.

Palachs Geburtshaus in Vsetaty wird derzeit unter Schirmherrschaft von Experten des Nationalmuseums rekonstruiert. Es soll am 21. August, dem Jahrestag des Einmarsches von Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei, als Denkmal der Öffentlichkeit übergeben werden

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