Jenseits von allem

Mag sein, dass für Musikfans unter 50 die Formation Popol Vuh kein Begriff mehr ist. Das ändert nichts an der historischen Bedeutung jenes außergewöhnlichen Projekts, für das seit der Lindauer Musiker Florian Fricke als Mastermind stand.

Das 6 LP-Collector Boxset "The Essential Album Collection Vol. 1" enthält erstmals die fünf wegweisenden Alben aus den 70ern von Popol Vuh. Remastered von Guido Hieronymus und Frank Fiedler, erscheinen die Alben im hochwertigen Boxset als audiophile 180g Vinyl-Pressungen, mit ausführlichen Liner Notes und 3 Original Postern.
von Autor MFGProfil

Der 1944 geborene Fricke zog bereits als Teenager nach München, um dort an der Musikhochschule zu studieren. Und blieb der bayerischen Landeshauptstadt bis zu seinem frühen Tod mit nur 57 Jahren am 29.12.2001 als Einwohner erhalten. Der klassisch ausgebildete Komponist, Pianist und Dirigent Fricke stand seinem Projekt Popol Vuh bis zu seinem Ableben über 30 Jahre lang vor, bekannt geworden ist es einer breiteren Öffentlichkeit vor allem durch die Soundtracks zu Werner Herzog-Filmen wie „Aguirre, der Zorn Gottes“, „Nosferatu“ oder „Fitzcarraldo“. Ach ja: In England, Frankreich, Italien oder den USA steckte man Popol Vuh gerne in die New-Age-Ecke – in die jene Band nach Frickes Ansicht aber nicht hingehörte.

Für ihre einst nicht unbeträchtliche Anhängerschar passte Popol Vuh sowieso in keinerlei Stil-Schublade. Fricke war neben dem Klassik-Rock-Veteranen Eberhard Schoener derjenige deutsche Musiker, der bereits anno ’69 über einen Moog-Synthesizer verfügte, auf dem er die ersten beiden Popol Vuh-Alben „Affenstunde“ und „In den Gärten Pharaos“ einspielte – noch heute gelten sie als Sternstunden im Bereich experimenteller Elektronik-Musik. Ab dann wandte der introvertierte Mann sich weitgehend von der Elektronik ab und einem Sound zu, den man als frühen „Ambient“ bezeichnen darf.

Die fünf vermutlich wichtigsten Popol Vuh-Alben („Affenstunde“, „Hosianna Mantra“, „Einsjäger & Siebenjäger“, „Aguirre“, „Nosferatu“) sind gerade als Einzel-CD’s wie in einer opulenten Vinyl-Box unter dem Titel „The Essential Album Collection Vol. 1“ (BMG/ADA) digital remasterd neu erschienen. Und weil „Vol. 1“ auf dem Cover zu lesen ist, bleibt zu hoffen, dass auch die weiteren knapp zwei Dutzend Alben des Ausnahme-Projekts ihren Weg zurück in die Öffentlichkeit finden und dadurch – vielleicht bzw. hoffentlich – speziell eine interessierte junge Generation erreichen.

Frank Fiedler ist Musiker, Produzent, Regisseur und Kameramann. Der 74-jährige Kieler hat Fricke in seiner jahrzehntelangen Wahlheimat München – wo er bis heute zu Hause ist – bereits Ende der 60er kennen und schätzen gelernt. Der gemütliche Norddeutsche zeigt zusammen mit dem Produzenten Guido Hieronymus verantwortlich für die Wiederveröffentlichungen. Deshalb ein entspanntes Gespräch in Fiedlers Wohnung, gelegen im Münchner Stadtteil Schwabing, unweit vom Englischen Garten.

ONETZ: Wie kam es zu den Wiederveröffentlichungen?

Frank Fiedler: Florians Sohn Johannes stand Ende 2017 bei mir in der Tür, einen Vertrag in der Hand. Er wollte, dass ich, als enger Begleiter seines Vaters, die alten Sachen sensibel bearbeite. Das habe ich mit Guido getan. Sehr gerne selbstverständlich.

ONETZ: Welche Rolle spielen Sie im Popol-Vuh-Kosmos?

Frank Fiedler: Ich bin der große Archivar, wenn man so will. Außerdem waren Florian und ich enge Freunde, wobei wir durchaus mal Streit untereinander hatten. Wie das bei wahren Freunden üblich ist. Wir teilten eine Menge kreativer Ideen, waren im ständigen Austausch. Florian und ich wussten voneinander, wie der andere künstlerisch tickt.

ONETZ: Wann wurden Florian und Sie Freunde?

Frank Fiedler: Robert Moog, Erbauer des Moog Synthesizers, kam 1969 nach Deutschland, um Florian in die Bedienung seines Instruments einzuweisen. Doch Florian war nie ein großer Technik-Freak. Durch eine gemeinsame Freundin kam ich ins Spiel. Ich liebe Technologie! Fortan haben wir beide uns die Nächte um die Ohren gehauen, damit wir dieses neuartige, völlig irre Gerät in den Griff bekommen und ihm schöne Musik entlocken.

ONETZ: Wie ging es weiter zwischen Ihnen?

Frank Fiedler: Die ersten zwei Alben haben wir komplett im Alleingang ersonnen und mit einigen Musiker-Kumpels aufgenommen. Danach hat sich Florian weitgehend von der Elektronik abgewandt. Ich wiederum habe mich verstärkt um Filmprojekte gekümmert. Aber wir blieben bis zu Florians Tod beständig in Kontakt. Ich war an jeder neuen Produktion in irgendeiner Form beteiligt.

ONETZ: Warum hat sich Florian Ihrer Ansicht nach schon bald von elektronischen Klängen verabschiedet?

Frank Fiedler: Er fand die Klänge, die mit dem Moog erzeugt werden konnten, zwar äußerst spannend. Aber auf Dauer war ihm das zu seelenlos. Folgerichtig hat er sich auf „natürliche“ Instrumentierung zurückbesonnen, schließlich war er studierter Musiker. Und er war großer Mozart-Fan. Das wollte er die Welt durch eigene Musik wissen lassen.

ONETZ: Wird es weiter gehen mit der Popol-Vuh-Wiederveröffentlichungswelle?

Frank Fiedler: Sieht gut aus! Bereits im Herbst soll die nächste Box erscheinen, im Frühjahr eine weitere. BMG glaubt fest daran, dass dieser Sound eine Menge alter wie neuer Hörer finden wird. Das glaube ich übrigens auch. Es würde mich sehr freuen.

Das 6 LP-Collector Boxset "The Essential Album Collection Vol. 1" enthält erstmals die fünf wegweisenden Alben aus den 70ern von Popol Vuh. Remastered von Guido Hieronymus und Frank Fiedler, erscheinen die Alben im hochwertigen Boxset als audiophile 180g Vinyl-Pressungen, mit ausführlichen Liner Notes und 3 Original Postern.
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