07.09.2018 - 13:05 Uhr
Deutschland & Welt

Juli Zehs neuer Roman über Vaterrollen

Henning ist überfordert. Nach der Geburt seines zweiten Kindes zweifelt er an der Rolle des Vaters und Geldverdieners. Das neue Buch von Juli Zeh erzählt jedoch mehr als die Geschichte eines modernen Mannes.

Juli Zeh hat einen Roman über die Rolle von jungen Vätern geschrieben. "Neujahr" erscheint am 10. September im Luchterhand-Verlag.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Henning und seine Frau Theresa teilen sich Kindererziehung, Geldverdienen und den Haushalt gerecht auf. Doch der junge Vater kommt mit dieser Einteilung nur schwer zurecht. Im Familienurlaub auf Lanzarote erhofft er sich Erholung. Doch weit gefehlt. Auf einer extrem anstrengenden Radtour, die die Hauptfigur in Zehs neuem Roman "Neujahr" alleine unternimmt, holt Henning ein schreckliches Erlebnis seiner Kindheit ein. Im Interview erläutert Schriftstellerin Juli Zeh, Jahrgang 1974, unter anderem, was sie zur Geschichte inspiriert hat und wie der Titel zur Rückkehr in die Kindheit passt.

ONETZ: Was hat Sie zu Ihrem neuen Roman "Neujahr" inspiriert?

Juli Zeh: Vor zwei Jahren habe ich den Winter mit meiner Familie auf Lanzarote verbracht. Unsere Kinder waren damals zwei und fünf, genau wie Bibbi und Jonas bzw. Henning und Luna in "Neujahr". Und ich bin Fahrrad gefahren durch diese bizarre Vulkanlandschaft. Auf einer meiner Fahrradtouren kam mir die Idee zum Roman. Ich sah die hohen Bergkämme der Vulkane, diese Atmosphäre von totaler Verlassenheit ... Und stellte mir vor, wie es wäre, wenn zwei kleine Kinder in dieser Umgebung plötzlich auf sich allein gestellt wären. Diese Vorstellung war so schmerzhaft, dass ich sofort das Buch schreiben musste.

ONETZ: "Fifty-fifty statt 24/7", beschreiben Sie die Aufgabenverteilung zwischen Vater und Mutter in dem Buch. Wie ist es denn bei Ihnen zu Hause?

Juli Zeh: Mein Mann macht ein bisschen mehr im Haushalt, bei der Betreuung der Kinder teilen wir "fifty fifty". Dadurch, dass ich die Familienernährerin bin, kann ich manchmal zu Hause nicht so viel tun. Was ich nicht wollte, ist das Modell der Elterngeneration: Wer das Geld verdient, trägt keinerlei Verantwortung für die Kinder. Ich versuche, beides zu schaffen.

ONETZ: Sie beschreiben darin ein Paar, das Jobs, Haushalt und Kindererziehung zu gleichen Teilen übernimmt. Doch der Plan funktioniert nicht. Stoßen Sie damit nicht alleinerziehenden Frauen und Männern vor den Kopf?

Juli Zeh: Hoffentlich nicht! Alleinerziehende Väter und Mütter sind doch die unerkannten Helden unserer Zeit. Ich würde es andersherum betrachten: Wenn schon ein Paar wie Henning und Theresa fast daran zerbricht, Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen, wie muss es dann erst für Alleinerziehende sein?

ONETZ: Im Roman ist der Vater mit seinen Aufgaben überfordert. Das macht keine Hoffnung.

Juli Zeh: Dass Henning mit seinem Leben nicht klar kommt, liegt ja nicht daran, dass er ein Mann ist. Frauen sind von dem Problem genauso betroffen. Es ist ja kein Zufall, dass viele Menschen in unserem Land keine Kinder mehr wollen, oder wenn dann nur eins. Wir haben es immer noch nicht geschafft, unser Gesellschaftsleben und die Arbeitswelt so einzurichten, dass Menschen mit Kindern sich darin gut aufgehoben fühlen.

ONETZ: Zuerst geht es in dem Roman um Hennings Rolle in der Familie. Dann wandelt sich die Geschichte: Er muss ein schlimmes Erlebnis seiner Kindheit aufarbeiten. Eigentlich sind es zwei Geschichten in einer, oder?

Juli Zeh: "Neujahr" ist ein Roman über tiefe Ängste, die zum Teil aus unserer Kindheit stammen und wieder wachgerufen werden, wenn wir selbst Kinder haben. Angst vor Verlust und Verlorenheit. Angst vor der Verantwortung, die wir für unsere liebsten Menschen tragen. Vielleicht sogar Angst vor der Liebe selbst.

ONETZ: Der Titel "Neujahr" spielt auf den Beginn von etwas Neuem an. Stattdessen kehrt die Hauptfigur Henning in seine Kindheit zurück. Wie passt das zusammen?

Juli Zeh: "Neujahr" erzählt zwei schwere Krisen in Hennings Leben. Als fünfjähriger Junge findet er sich ohne Eltern mit seiner kleinen Schwester Luna in der Bergwelt von Lanzarote wieder und muss plötzlich für das psychische und physische Überleben beider Kinder sorgen, obwohl er noch so klein ist. Als Erwachsener müsste er eigentlich groß und stark genug sein, jede Verantwortung zu tragen, aber er fühlt sich immer noch bedroht, überfordert, scheiternd. Erst als Henning sich erinnert und begreift, dass beide Krisen zusammenhängen, bekommt er die Chance, in seinem Leben einen Neuanfang zu machen.

ONETZ: Henning fährt mit einem schlechten Rad untrainiert, ohne ausreichen Proviant einen steilen Berg hinauf. Er dehydriert, halluziniert, fällt in Ohnmacht. Haben Sie so etwas schon selbst erlebt? Wie gelingt Ihnen die packende Beschreibung einer solchen Szene, bei der der Leser so stark mitfühlt?

Juli Zeh: Ich habe in meinem bisherigen Leben einige Grenzerfahrungen gemacht. Was ich nicht selbst erlebt habe, kann ich mir so intensiv vorstellen, dass ich es förmlich am eigenen Leib erfahre. "Neujahr" habe ich wie im Rausch geschrieben. Häufig habe ich beim Schreiben geweint.

ONETZ: Das Buch bietet keine Lösung, was Hennings Überforderung anbelangt. Warum nicht?

Juli Zeh: Manchmal ist es nicht möglich, eine Lösung zu finden. Manchmal muss man zuallererst lernen, sich selbst und seine Schwächen zu akzeptieren und damit zu leben. Das ist die Herausforderung, vor der Henning steht.

Der Roman "Neujahr" von Juli Zeh erscheint am Montag, 10. September, im Luchterhand-Verlag München. Das Buch hat 190 Seiten und kostet 20 Euro.

"Neujahr" von Juli Zeh erscheint am 10. September im Luchterhand-Verlag München.

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