Klassischer Romantiker

Spätestens seit der weltweit millionenfach verkauften Single "The Lady In Red" aus dem Jahr 1986 spaltet sich die Meinung über Troubadour Chris DeBurgh. Für die eine Seite ist der Ire der Inbegriff der "Schmalznudel". Für die andere Seite der Inbegriff von essenzieller Romantik.

Der irische Sänger Chris de Burgh
von Autor MFGProfil

Beide Fraktionen haben Unrecht mit ihrer Einschätzung. Aus dem einfachen Grund, dass der heute 70jährige auf ein vielschichtiges Werk von mehr als 20 Studioalben sowie Live- und Best-Of-CDs verweisen kann. Erst wenn man sich darin eingearbeitet hat, wird man feststellen, dass der in Argentinien geborene Sohn eines britischen Diplomaten über eine musikalisch enorme Bandbreite zwischen Folk, Rock, Pop und immer wieder Orchestralem besitzt. Das Meiste davon ist weitab von irgendwelchem klebrigem Kitsch, stattdessen in der Tradition der alteingesessenen „Storyteller“ verankert.

Im Spätherbst ist Chris DeBurgh samt Band auf Deutschland-Tournee. Zur Aufführung kommen werden neben etlichen Hits Abend für Abend zwei Alben in ihrer Gänze: „Into The Light“ von 1986 einerseits – die Scheibe, mit welcher der Ire seinen endgültigen Durchbruch feiern konnte. Und „Moonfleet & Other Stories“ von 2010, eine wilde Seeräuber-Pistole, die DeBurgh eine Menge Spaß beim Komponieren bereitete. Jedenfalls freut sich der beim Gespräch eher zurückhaltende Chris DeBurgh auf die anstehenden Gigs.

ONETZ: Was macht jene beiden Alben für Sie derart besonders, dass Sie diese jeden Konzertabend komplett zum Besten geben?

Chris DeBurgh: Es sind die Produktionen aus meinem reichhaltigen Oevre, die ich am meisten schätze. Doch die ursprüngliche Vision dahinter war, auf die Vinyl-Ära zurückzublicken. Schallplatten waren häufig so angelegt, dass ein Konzept dahinter gesteckt hat, verteilt auf zwei Platten-Seiten und 45 Minuten Spielzeit. Eine Idee, die in Zeiten des schnelllebigen Musik-Konsums mehr und mehr in Vergessenheit gerät.
Oder um es bildlich zu erklären: Sich ein komplettes Werk anzuhören ist so, wie ein komplettes Buch zu lesen, um dadurch in die Gedankenwelt eines Autors einzutauchen. Wer sich hingegen gerade mal ein Lied aus einer Platte downloaded, hat lediglich ein Kapitel gelesen. Und erfährt nichts vom Urheber, verschafft sich keinerlei Gesamteindruck.

ONETZ: Wann hatten Sie zum ersten Mal die Idee für dieses Live-Konzept?

Das war Anfang 2018. Ich höre immer mal wieder meine alten Scheiben an, um mich dadurch für neue Konzepte inspirieren zu lassen, und bei den genannten zwei Alben hat es auf der Stelle „Klick“ gemacht. Ich wusste, was zu tun ist.

ONETZ: Wie vertragen sich der Chris DeBurgh der 80er und derjenige des 21. Jahrhunderts?

Um das vorwegzunehmen: Man muss sich keine Sorgen darüber machen, dass ich schizophren wäre. (lacht) Tatsächlich bin ich im Laufe meiner bald 50jährigen Karriere viele kreative Phasen durchlaufen. Wobei ich voller Stolz behaupten kann, dass ich mir stets treu geblieben bin.

ONETZ: Sie sind demnach sehr angetan von Ihrer kompletten Karriere?

Ja, bin ich. Gerade weil ich auch immer wieder Fehler gemacht habe. Doch wenn man den Typ, den man jeden Morgen und Abend im Spiegel sieht, ertragen kann – dann ist man mit sich und seiner Vergangenheit wie seiner Gegenwart im Reinen.

ONETZ: Ihre Karriere zahlt sich seit langem in klingender Münze aus. Sind Sie auch auf diesen Aspekt stolz?

Das bin ich gleichfalls. Alleine schon aufgrund der Tatsache, dass ich die ersten zwölf Jahre meines Daseins als Musiker finanziell schwer zu knabbern hatte. Ich hangelte mich von Platte zu Platte, von Auftritt zu Auftritt. Ich gab deshalb nicht auf, weil ich von meiner Arbeit leben können wollte. Weil ich an mein Talent geglaubt habe. Zu Beginn der 80er ist die Saat aufgegangen. Richtig, ich bin verdammt froh über mein Durchhaltevermögen.

ONETZ: Wie würden Sie sich selbst musikalisch kategorisieren – als Singer/Songwriter?

Eher als klassischen Romantiker. Oder noch präziser: Als lupenreinen Geschichtenerzähler. Am meisten Spaß habe ich bis heute daran, wenn ich über Existenzielles singe. Also über „Gut“ und „Böse“. Die elementaren Dinge des Daseins schlechthin. Darunter tue ich es in der Regel nicht. Weil ich unser Leben seit jeher unter diesen Schemata betrachte und einschätze.

ONETZ: Macht es Ihnen nach all den vielen Jahren Live-Routine immer noch Spaß, auf eine Bühne zu klettern?

Unbedingt. Weil ich an jenem Ort mit den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, entspannt und konzentriert gleichermaßen bin. Die Bühne ist eine Art surrealer Heimat für mich, sehr vertraut.

ONETZ: Wenn Sie Ende 2019 den letzten Gig absolviert haben, geht es auf der Stelle weiter mit neuer Arbeit…

Ich bin involviert in ein „Robin Hood“-Musical, das bei mir in Auftrag gegeben wurde – übrigens von einer deutschen Agentur. Im in dieser Stadt ansässigen „Schlosstheater“ wird übrigens die Premiere stattfinden. Ich bin schon sehr aufgeregt, was die Reaktionen des Publikums betrifft. Schließlich habe ich nie zuvor ein Musical komponiert.

ONETZ: Was fasziniert Sie dermaßen an Robin Hood, um ihm eine ganze musikalische Geschichte zu widmen?

Zunächst muss festgestellt werden, dass niemand weiß, ob dieser Vogelfreie überhaupt existiert hat. Doch mir ist das egal, denn letztlich ist der Charakter ein spannender. Gerade in seiner Zerrissenheit. Und seinem Sinn für Gerechtigkeit. Robin Hood ist ein „romantischer Dieb“, wenn man will. Ganz so weit bin ich von diesem Burschen nicht entfernt …

Termine in Bayern: 31. Oktober München (Philharmonie), 2. November Bayreuth (Oberfankenhalle).

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