01.10.2020 - 19:38 Uhr
Deutschland & Welt

Kommentar: In 30 Jahren ist viel passiert, aber das reicht noch lange nicht

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1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei. Seitdem hatten die Ostdeutschen die größere Last zu tragen. Aber viele Westdeutsche haben das bis heute nicht eingesehen. Ein Kommentar von Frank Stüdemann.

3. Oktober 1990, Berlin: Jubelnde Menschenmassen vor dem Berliner Reichstag, die mit Feuerwerk, Deutschlandfahnen und Volksfesttrubel die wiedergewonnene Einheit Deutschlands feiern.
von Frank Stüdemann Kontakt Profil
Kommentar

Faul, weinerlich und unselbstständig: die Ostdeutschen. Hochnäsig, besserwisserisch und arrogant: die Westdeutschen. So lauteten die gängigsten Klischees vor 30 Jahren, als das geteilte Deutschland wiedervereint wurde. Und so lauten sie zum Teil auch heute noch. Völlig immun gegen diese Vorurteile ist höchstens, wer nach 1990 geboren wurde und weder die DDR noch die Kanzler-Kohl-BRD erlebt hat. Nach drei Jahrzehnten ist vielleicht politisch und wirtschaftlich vieles zusammengewachsen, "was zusammengehört", um Willy Brandt zu zitieren. Aber es prangt auf der gesamtdeutschen Karte eine dicke Narbe dort, wo früher der Grenzverlauf war. Verheilt sind die Wunden einer in halsbrecherischem Tempo durchgepeitschten Wiedervereinigung jedenfalls noch lange nicht. Unser Land gehört, bildlich gesprochen, auf die Couch eines Psychotherapeuten - und der Westen hat den Großteil der Bringschuld, was die Genesung des Patienten angeht.

Eine ganz private Wiedervereinigung

Weiden in der Oberpfalz

Es waren die Menschen in der DDR, die ihr Leben riskierten und die Mauer zum Einsturz brachten - nicht die Menschen im Westen. Es waren die Ostdeutschen, die 40 Jahre Unfreiheit, Bespitzelung und Gängelung durch einen Staat ertragen mussten, der korrupt und paranoid war. Zu viele Westdeutsche scheinen das vergessen oder verdrängt zu haben. Stattdessen werfen die "Wessis" den "Ossis" noch heute gerne vor, undankbar zu sein für all das Geld, das in die damals maroden "Neuen Bundesländer" gepumpt wurde. Als ob man mit Millionen von D-Mark jahrzehntelange Planwirtschaft ungeschehen machen könnte. Als ob man mit Geld Millionen von Menschen darauf vorbereiten könnte, was sie in einer plötzlich über sie hereinbrechenden Marktwirtschaft erwartet.

Stephan Müller: Eine deutsch-deutsche Biografie

Zessau bei Trabitz

"Das gegenseitige Zuhören hat damals gefehlt, und das tut es oftmals auch noch heute", sagt der in Ostdeutschland geborene Oberpfälzer Stephan Müller, den wir heute unseren Lesern vorstellen (siehe Link oben). Damit bringt er das Problem auf den Punkt. Denn selbst wenn Ostdeutsche irgendwann gleich hohe Gehälter und Renten bekommen wie die Westdeutschen und die Lebensverhältnisse sich angeglichen haben: Die Deutsche Einheit wird niemals ganz vollendet sein, so lange Vorurteile weiter in den Köpfen herumspuken. Zuhören, echtes Interesse, gegenseitiger Respekt auf Augenhöhe: Nur damit kann die Wiedervereinigung tatsächlich gelingen.

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