01.10.2020 - 16:38 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Paar aus Ost und West zieht am Tag der deutschen Einheit in Weiden zusammen

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Während die Deutschen am Samstag 30 Jahre Wiedervereinigung feiern, begehen Markus Klier und Ines Hartig ihre ganz eigene innerdeutsche Vereinigung. Das Paar aus West- und Ostdeutschland zieht zusammen – und teilt eine wichtige Botschaft.

Markus Klier und Ines Hartig haben ihr Hab und Gut in Kartons verpackt. Am Tag der deutschen Einheit zieht das verlobte Paar in Weiden zusammen. Er kommt aus Neustadt, sie ist gebürtige Sächsin.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

"Ich sträube ich mich immer noch ein wenig", gibt der gebürtige Neustädter Markus Klier zu. "Ich habe immer gesagt, ich werde in Neustadt bleiben. Aber ich werde meinem Schatz zuliebe Weidener." Sein Schatz heißt Ines Hartig. Sie stammt gebürtig aus Glauchau im sächsischen Kreis Zwickau und lebt seit 1997 in Weiden. Am Samstag, dem Tag der Deutschen Einheit, zieht das verlobte Paar erstmals zusammen und feiert damit eine besondere "Wiedervereinigung".

Wenn er auch als Neustädter mit seiner nur wenige Kilometer entfernten neuen Heimatstadt Weiden zahnt, für die alte Heimat seiner Lebensgefährtin, die er vor allem von Besuchen mit ihr kennt, schwärmt der 50-Jährige. "Ich mag die ostdeutsche Mentalität, die Herzlichkeit der Menschen. Ich bin dort sofort aufgenommen und integriert worden. Das ist so ähnlich wie in der Oberpfalz beim Zoigl, wenn alle zusammenrücken müssen. Das einzige Problem war die Sprachbarriere, weil keiner Bayerisch versteht." Einen tiefergehenden Bezug zu Ostdeutschland habe er eigentlich erst, seitdem er 2016 beim Johannisfeuer in Störnstein seine heutige Verlobte kennengelernt hat.

Frau weckt Geschichts-Interesse

"Den ersten Kontakt mit der DDR hatte ich kurz vor der Wende, 1987 oder '88, auf der Studienfahrt des Gymnasiums. Da waren wir einen Tag in Ost-Berlin. Ich war erschüttert, wie es dort aussah und wie sich die Jugendlichen dort über die West-Mark gefreut haben", erinnert sich der in der Werbemittelindustrie selbstständige Neustädter. Er spricht von einem "Erwachen", das bei ihm erst durch die Besuche und die Erzählungen seiner Lebensgefährtin ausgelöst wurde. "Wenn man sich mit der Stasi-Geschichte beschäftigt und von der Lebensgefährtin hört, dass im Nachbarhaus ein verdeckter Ermittler gewohnt hat und man aufpassen musste, was man sagt, das ist erschreckend." Er habe angefangen, sich mehr mit der deutschen Teilung und Wiedervereinigung zu beschäftigen. "Man hat dann doch ein anderes Interesse daran, wenn man mit einer Ost-Frau zusammen ist."

Nachbarin: "Die Mauer ist offen"

An den Fall der Mauer erinnert sich Ines Hartig ganz anders, als man es vielleicht meinen könnte. "Den 9. November 1989 habe ich verpasst. Mein damaliger Freund hatte Geburtstag und wir haben mit der Familie gefeiert. Es gab kein Fernsehen, Radio, nichts. Eine Nachbarin hat am nächsten Morgen erzählt: ‚Die Mauer ist offen.‘ Wir haben uns allerdings nicht gleich ins Auto gesetzt. Wir hatten Verwandtschaft in der Nähe von Stuttgart und kannten Westdeutschland vom Hörensagen. Wir hatten nicht den Drang, rüber zu fahren. Es haben aber viele Bekannte und Freunde aus der Zeit rübergemacht." Erst ein halbes oder dreiviertel Jahr später sei sie selbst für eine Geburtstagsfeier nach West-Berlin gefahren.

1997 zog Ines Hartig zu einem Mann mit kleiner Tochter nach Weiden. "Diese Beziehung endete übrigens am 3. Oktober 2000", lacht die Mutter eines erwachsenen Sohnes heute. "Ich bin ein ehrlicher Mensch und sage direkt meine Meinung. Manchmal ecke ich damit auch an. Aber die Westdeutschen können damit gut umgehen." Ganz am Anfang habe sie ein wenig Probleme gehabt. "Weil ich einen extrem sächsischen Dialekt hatte. Ich habe mich zum Teil nicht getraut, den Mund aufzumachen, damit mich die Leute nicht blöd anschauen." In der Oberpfalz fühle sie sich aber längst zuhause. "Heute ist es egal, ob ich aus Sachsen komme. Ich stehe dazu. Die Zeit als Kind im Osten war schön. Ich habe nichts vermisst. Aber ich bin dann hier heimisch geworden, habe Freunde gefunden. Manche sagen, ich bin ihr Lieblings-Ossi."

"Habe Migrationshintergrund"

Für das Paar wäre auch ein Umzug in ihre alte Heimat in Frage gekommen. "Das kam aber nicht von meiner Seite", betont die 50-Jährige. Und ihr Verlobter gerät erneut ins Schwärmen: "Mir gefällt es drüben sehr, die Gegend, kulturell, überall sind Burgen und Schlösser, es gibt tolle Motorradstrecken. Ich bin passionierter Motorradfahrer. Die Menschen sind herzlich, entgegenkommend und zufrieden mit dem, was sie haben." Ein neues Heim fanden die beiden schließlich aber nur einige hundert Meter von Ines Hartigs bisherigen Wohnung entfernt in der Rehbühlstraße. So kann die 50-Jährige weiter in der Fertigungsplanung bei der Firma Hör am Brandweiher arbeiten, wo sie bereits seit 22 Jahren angestellt ist.

Das dann neu vereinigte Paar aus Ost und West möchte eine Botschaft vermitteln. "Ich habe früher nebenbei als Bedienung gearbeitet", sagt Ines Hartig. "Wenn ich die Leute manchmal über Migranten hab reden hören, habe ich gesagt: ‚Ich habe auch einen Migrationshintergrund. Ich komme aus dem Osten.‘ Es gibt überall Leute, die sich nicht benehmen können. Aber Vorurteile bringen uns alle nicht weiter." Das möchten beide weitergeben. Und bedanken sich zum Abschluss für die Unterstützung beim Umzug, bei ihren Helfern aus Ost und West.

Rückblick: In Weiden gab es 1989 das einzige Erstaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Bayern

Weiden in der Oberpfalz

Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR berichten, wie die Oberpfalz zur neuen Heimat wurde

Oberpfalz

Vorurteile bringen uns alle nicht weiter.

Ines Hartig

Ines Hartig

Ich mag die ostdeutsche Mentalität.

Markus Klier

Markus Klier

Markus Klier und Ines Hartig in ihrer neuen Wohnung in der Rehbühlstraße. Hier beginnt für das Paar aus Ost- und Westdeutschland am Samstag ein neuer Weg in ein gemeinsames Leben in Weiden.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.