Trabi-Flut 1989: DDR-Flüchtlinge bringen Polizei in Weiden ans Limit

Der Fall der Mauer am 9. November vor 30 Jahren führte zu einer Ausreisewelle nach Westdeutschland. Doch schon zuvor kamen tausende Übersiedler. Weiden wurde zum Flüchtlingszentrum – hier gab es das einzige Erstaufnahmelager Bayerns.

Die damals nagelneuen Räume der Heeresunteroffizierschule in der Ostmarkkaserne dienten als einzige Erstaufnahmestelle für DDR-Flüchtlinge in Bayern.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Im Wendeherbst 1989 spielte Weiden als Standort des einzigen Erstaufnahmelagers in ganz Bayern eine zentrale Rolle für Flüchtlinge aus der DDR. Zwar gab es in der Oberpfalz noch weitere Aufnahmestellen für frühere DDR-Bürger, diese dienten jedoch nur der Verpflegung und Unterbringung. Deshalb musste jeder Übersiedler zur Erstaufnahme persönlich für ein bis zwei Tage in die Max-Reger-Stadt.

Die "Ossis" sind da: Am Parkplatz bei Camp Pitman parkten im Oktober 1989 hunderte Übersiedler ihre Trabis.

Als Übersiedler gelten auch Flüchtlinge aus der DDR, die über die Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich nach Deutschland geflüchtet sind. Die Unterbringungsmöglichkeiten in Weiden waren ideal. Gerade erst war die neue gebaute Heeresunteroffiziersschule der Bundeswehr in der Ostmarkkaserne fertiggestellt worden – weil sie die Truppe noch nicht nutzte, erfolgte spontan die Umwidmung zur Erstaufnahmestelle. Zudem räumten die Amerikanern im April 1989 das gleich nebenan gelegene Camp Pitman. Der frühere US-Stützpunkt an der Kasernenstraße diente ab September als Regierungsaufnahmestelle, von wo aus die Neubürger auf Städte und Gemeinden im ganzen Land verteilt wurden.

Mit dem Trabi in die Oberpfalz: Zeitzeugen berichten.

Oberpfalz

Von Andrang "völlig überrascht"

Reinhold Balk war ab Oktober 1989 als Polizeioberkommissar Leiter der Weidener Erstaufnahmestelle. Er erinnert sich an turbulente Monate. Denn während sich die Bundeswehr als Hausherr des Geländes um die Versorgung der Flüchtlinge kümmerte, nahm Balk mit seinen Männern im Schichtbetrieb die Personalien tausender Übersiedler auf. Von der Dimension des Flüchtlingsandrangs war der Schichtleiter mit rund 35 unterstellten Beamten völlig überrascht. "Für mich gab es zwei deutsche Staaten. Dass die Wiedervereinigung bevorstand, war für mich damals unvorstellbar."

Reinhold Balk (links mit Bart) war ab Oktober 1989 der Leiter des Erstaufnahmelagers in Weiden. Hier holt der Polizeioberkommissar DDR-Übersiedler in Waidhaus hab, die per Bus von Prag einreisten.

Zwischen 22. September und 16. Oktober bearbeiten die Bundespolizisten 6729 Erstaufnahmeverfahren, berichtet der gebürtige Amberger über wochenlangen Dauerstress. An die Substanz sei besonders der 15. Oktober gegangen. "Wir haben in 24 Stunden 698 Leute abgearbeitet. Danach waren wir wirklich platt. Ich meldete das nach München, weil so konnte das nicht jeden Tag weitergehen."

Hilfsbewusstsein "ungeheuerlich"

Balk, der heute in Hahnbach lebt, erinnert sich aber an eine "sehr positive Stimmung" in der Kaserne. "Die Leute haben eine wirklich schwere Zeit hinter sich gelassen. Es herrschte Aufbruchstimmung." Auch das Hilfsbewusstsein der Bevölkerung sei "ungeheurlich" gewesen. "Die Leute haben Spielsachen und Klamotten vorbeigebracht. Und Oberbürgermeister Hans Schröpf hat täglich bei uns vorbeigeschaut und gefragt, wie er helfen kann. Es war eine Welle des Pflichtbewusstseins. Niemand hat weggeschaut."

Zudem habe es trotz hunderter Menschen auf engem Raum keine ernsten Zwischenfälle gegeben, aber: "Es kam vereinzelt vor, dass die Leute Schränke und Inventar aus den Bundeswehrstuben mitgehen ließen. Die hatten das einfach nicht im Osten."

Eine große Erleichterung für viele Flüchtlinge war die schnelle Integration in den Arbeitsmarkt. Täglich seien Firmenvertreter in der Erstaufnahmestelle aufgetaucht und hätten direkt Arbeitskräfte rekrutiert, berichtet Balk. "Viele von denen waren hochqualifiziert, und es wurden schon damals in Bayern Fachkräfte händeringend gesucht. Einmal war sogar eine Bergbaufirma aus Kanada hier."

Doch auch wenn die Solidarität mit den Übersiedlern groß war, gab es Unterschiede zwischen "Ossis" und "Wessis", die sich schnell bemerkbar machten. "Ich will ehrlich sein", sagt Balk. Die meisten Neubürger seien zwar hochqualifiziert und somit am Berufsmarkt begehrt gewesen. Dennoch habe es "eine andere Arbeitsphilosophie" gegeben, die daherrührte, dass in der Mangelwirtschaft der DDR meist Materialknappheit herrschte.

Zeugnisse der Flucht: An der Regierungsaufnahmestelle in Camp Pitman in Weiden ließen unzählige Übersiedler ihre DDR-Autos zurück.

Feierabend nach einem Kübel

"Einmal hat mir ein Malermeister von seinen Erlebnissen mit einem DDR-Arbeiter berichtet. Der Chef hat ihm morgens einen Kübel mit Farbe hingestellt, und der hat losgepinselt wie die Sau." Aus der anfänglichen Überraschung über den Arbeitseifer wurde schnell Ernüchterung: "Der Maler dachte, es ist Feierabend, wenn der Kübel leer ist. Er hat richtig verdutzt geschaut, als der Chef einfach einen neuen hinstellte und die Arbeit weiterging."

Für mich gab es zwei deutsche Staaten. Dass die Wiedervereinigung bevorstand, war für mich damals unvorstellbar.

Reinhold Balk (61), Erster Polizeihauptkommissar der Bundespolizei

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