08.11.2019 - 13:47 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

30 Jahre Mauerfall: Mit dem Trabi in die Oberpfalz

Am 9. November 1989 öffnete die DDR-Führung die Grenzen zur Bundesrepublik. Doch schon in den Wochen zuvor flohen tausende über Tschechien nach Bayern – mit Bus, Zug und Trabi. Zeitzeugen berichten, wie die Oberpfalz zur Heimat wurde.

Auf mehr als vier Kilometer stauten sich am 5. November 1989 laut Bundesgrenzschutz DDR-Autos vor dem Grenzübergang bei Schirnding an der deutsch-tschechischen Grenze.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Ihre bewegte DDR-Vergangenheit sieht man Kerstin Birkner aus Altenstadt bei Vohenstrauß nicht an. Die 51-Jährige lebt dort mit ihrem Ehemann Andreas und hat zwei erwachsene Töchter. Im eigenen Haus betreibt die Schneiderin ein Geschäft für Raumausstattung und eine Yoga-Praxis. "Ich fühle mich ganz als Oberpfälzerin und in Altenstadt sind wir bekannt wie ein bunter Hund", sagt sie zufrieden. Dass die Region einmal ihre Heimat werden könnte, war für die gebürtige Thüringerin vor 30 Jahren nicht zu erahnen.

1989 wohnte sie bei den Eltern im Plattenbau in Schleiz. Mit ihrem Freund und heutigen Mann besprach sie die Flucht im Kinderzimmer - flüsternd. "Wir hatten Angst, du wusstest nie, ob du abgehört wirst." Die Furcht vor Überwachung stellte sich rückblickend als berechtigt heraus. "Vor einigen Jahren habe ich Einsicht in meine Stasi-Akte genommen. Das habe ich mir niemals vorstellen können, aber ich erfuhr, dass meine damalige beste Freundin als IM (Inoffizieller Mitarbeiter, Anmerkung der Redaktion) auf mich angesetzt war. Sie meldete alles an die Stasi, sogar, was wir im gemeinsamen Ungarn-Urlaub gemacht haben."

Am 1. November 1989 hob die DDR die Visumspflicht für die CSSR auf. Unzählige Ostdeutsche nutzten die Gelegenheit und machten sich auf den Weg nach Westen. Vor dem Grenzübergang bei Schirnding war der Andrang gewaltig.

"Ich hatte ständig Fernweh"

Kerstin Birkner fühlte sich in der DDR eingesperrt, die fehlende Freiheit bedrückte. Wenn Bekannte aus dem Westen kamen, erzählten die von Reisen in die Alpen oder an die Nordsee. "Uns hat es an nichts gefehlt, die Grundversorgung war gut. Aber was uns eben fehlte, war die Freiheit. Ich hatte ständig Fernweh." Die Studentin nahm deshalb an den Montagsdemonstrationen gegen die Herrschaft der SED teil und plante mit dem Freund, der als Fahrer eines Milchlasters arbeitete, die Flucht.

Er steuerte mit dem Lkw täglich Dörfer im Zonengrenzgebiet zu Bayern an, und gelangte so bis in die letzte Sicherheitszone vor dem Zaun. "Er hat die Patrouille-Zeiten der Grenzer ausspioniert, da wir überlegten, mit dem Laster zu fliehen." Weil der Lkw bei den Fahrten täglich streng kontrolliert wurde, schlug Andreas vor, die Freundin im Milchtank zu verstecken. "Aber im dunklen Stahltank in der Milch zu schwimmen, das war mir dann doch zu krass", sagt Kerstin Birkner.

Am Ende kam alles anders, die Ereignisse begannen sich in der DDR zu überschlagen: Am 31. Oktober hörten die beiden, dass die Grenze zu Tschechien aufgemacht wird. "Ich hab mich krank schreiben lassen. Dann sind wir beide auf die Sparkasse, haben all unser Geld abgehoben." Erst jetzt, am Tag vor der Flucht, informierten sie die restliche Familie. "Mein Schwiegervater war bei der SED, streng ideologisch, der war geschockt. Aber am Ende haben es alle nüchtern aufgenommen und akzeptiert."

Karolin Lausch mit Ehemann Uwe (links) und Sohn Alexander auf der Couch im heimischen Wohnzimmer in Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg. Am 6. November vor 30 Jahren floh die Familie mit dem Trabbi in die Oberpfalz. "Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder zurückzugehen", sagt Alexander.

Über den Zaun in die Botschaft

Nur mit einem kleinen Handgepäck verließ die damals 21-Jährige mit ihrem Mann am 1. November im Trabi die unliebsame Heimat - weil zu diesem Zeitpunkt die tschechisch-deutsche Grenze noch geschlossen war, steuerte das junge Paar die Botschaft der BRD in Prag an. Bereits ab August 1989 flüchteten täglich DDR-Bürger in die westdeutsche Vertretung im Palais Lobkowitz. Im September drängten sich dort tausende DDR-Bürger auf engstem Raum. Der Massen-Exodus war den Tschechen ein Dorn im Auge, sie riegelten die nördlichen Zugänge der Stadt mit Miliztruppen ab. "Wir bekamen den Tipp, Prag zu umfahren und von Süden in die Stadt zu kommen", berichtet Birkner.

Der Plan ging auf. Bei Dunkelheit erreichten beide die von der Polizei abgesperrte Botschaft. "Wir sind mit Räuberleiter über den Eisenzaun geklettert. Vor Aufregung hab ich vom Fuß bis zur Haarwurzel gezittert. Wir wollten einfach nur da rein." Das überfüllte Grundstück platzte aus allen Nähten, geschlafen wurde auch im Freien auf Feldbetten. Stundenlang musste angestanden werden, bis die Toiletten benutzt werden konnten. Noch in der selben Nacht kam Rudolf Seiters in die Botschaft. Ähnlich wie sein Chef Hans-Dietrich Genscher in dessen berühmter Balkon-Rede am 30. September hat auch der stellvertretende Außenminister der BRD eine gute Nachricht für die Übersiedler: "Er sagte uns, dass Züge bereitgestellt werden und am Morgen alle ausreisen dürfen."

Schon zuvor, ab Anfang Oktober, fuhren die ersten Züge nach Westdeutschland. Damals leitete man den Transport noch bewusst über DDR-Territorium in den Westen, um so die Fassade einer regulären Ausreise aufrecht zu erhalten.

Trabi-Flut: Der Leiter des Erstaufnahmelagers in Weiden erinnert sich

Weiden in der Oberpfalz

Stasi im Zug nach Schirnding

Im Falle Kerstin Birkners aber ging es direkt von Prag nach Schirnding. Ungewissheit war bis zuletzt ein Begleiter der jungen Frau. "Im Zug saß ein einzelner Mann, der uns merkwürdige Fragen stellte. Uns war sofort klar, das ist einer von der Staatssicherheit. Die ganze Fahrt über war gedrückte Stimmung, wir hatten Angst, dass der Zug doch noch gestoppt wird." Erst als der Zug die bayerische Grenze erreichte, fiel die Spannung ab. "Es ist uns ein Riesenstein vom Herzen gefallen, einfach unbeschreiblich."

Doch nicht alle DDR-Bürger reisen mit dem Zug aus. Die Ironie der Geschichte bringt es mit sich, dass Tausende mit dem Trabi, dem sozialistischen Vorzeigeauto, die Grenze zum Klassenfeind überfahren - so wie Karolin Lausch.

"Ich habe einen offiziellen Ausreiseantrag gestellt. Direkt am nächsten Tag wurde mein Job gekündigt - das ganze Dorf wusste sofort Bescheid, und ich musste zum Stasi-Gespräch." Dies habe sich im August 1989 im thüringischen Frohnsdorf abgespielt, berichtet Karolin Lausch über ihren damaligen Heimatort in der früheren DDR. Die 57-Jährige lebt heute mit ihrem Mann Uwe im eigenen Haus in Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg. Beruflich und familiär - gemeinsam mit den erwachsenen Söhnen Alexander und Sebastian ist die Familie in der Oberpfalz längst integriert und fühlt sich wohl.

Vor 30 Jahren aber war die Zukunft der regimekritischen Familie ungewiss. Genau wie bei Kerstin Birkner war der Gedanke an Flucht omnipräsent. Uwe arbeitete im Bergbau und als Leitungsmonteur, doch ein beruflicher Aufstieg wurde unterbunden. "Mein Ziel war, drüben den Meister zu machen. Aber das wurde mir verwehrt, weil ich nicht in der Partei war."

Kerstin Birkner flieht am 1. November 1989 mit Ehemann Andreas und dem Trabbi in die westdeutsche Botschaft in Prag. Später kommen die Übersiedler per Zug über die Grenze und schließlich bei Verwandten in Vohenstrauß unter. Den Plan, im Tank eines Milchlasters zu fliehen, hat die gelernte Schneiderin aufgegeben.

Torschlusspanik - Flucht im Trabbi

Der Entschluss zur Ausreise fiel dann spontan, am 4. November. "Wir wollten eigentlich mit Freunden zu Abends essen gehen. Doch die sagten uns: Daraus wird nix, wir hauen morgen ab." Das Ehepaar bekam Torschlusspanik, übergab den Hausschlüssel an die nebenan wohnende Mutter - und stieg am Morgen des 6. November mitsamt der Kinder in den Trabbi. "Wir haben alles zurückgelassen, uns von fast niemandem verabschiedet, um keinen zu gefährden", erzählt Karolin Lausch. Aus Angst vor Fragen an der Grenze kauften die Staatsflüchtlinge Geschenke für Bekannte, die sie vorgeblich in der Tschechoslowakei (CSSR) besuchen wollten.

"Verfahren konnten wir uns nicht. Man brauchte sich nur in die unendliche Kolonne von Trabbis einreihen, die alle Richtung Prag fuhren", erinnert sich die heutige Mitarbeiterin des E-Center Kunert in Amberg. Ab 1. November 1989 war eine Einreise in die BRD ohne gesonderte Dokumente möglich, ein Personalausweis reichte. Die Gelegenheit nutzen Zehntausende. Am Grenzübergang Bad Brambach spuckten Grenzer den Lauschs vor den Wagen: "Die wussten genau, was wir wollten." Bei Schirnding schließlich rollt der Trabi erstmals über die bayerische Grenze - in die Freiheit. Die erschöpfte aber glückliche Familie kam nach Nabburg in die dortige Kaserne des Bundesgrenzschutz (BGS). "Das werde ich nie vergessen. Die Polizisten waren sehr herzlich, sie servierten in der Nacht Spaghetti Bolognese. Das war unser erstes West-Essen, und es hat super geschmeckt."

Wir sind nach Nürnberg auf den Christkindlmarkt gefahren. Prompt sind wir dort stehen geblieben wegen einem Motorschaden.

Uwe Lausch (58) über sein erstes West-Auto, einen Opel Kadett.

Uwe Lausch (58) über sein erstes West-Auto, einen Opel Kadett.

Maximilian Zeus läuft die deutsch-deutsche Grenze ab

Pirk

Doch die großen Herausforderungen begannen erst jetzt: Wo sollte man unterkommen? Wie Geld verdienen? Wird man freundlich aufgenommen? Über die Kaserne des Bundesgrenzschutz in Nabburg gelangte Familie Lausch in die Erstaufnahmestelle nach Weiden. In der Ostmarkkaserne blieben sie nur eine Nacht zur Aufnahme der Personalien. "Es war eine Katastrophe. Die Anlage war überfüllt, es waren viele Assis da. Die haben alle gesoffen", beschreibt Uwe seine Erinnerungen.

Von Weiden aus wurde die Familie in ein zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniertes Hotel nach Neukirchen geschickt, das für fünf Monate zum Zuhause wird. "Ressentiments gab es auf jeden Fall", erklärt der heute selbstständige Heizungsinstallateur. "Die Leute haben gedacht, wir kriegen alles kostenlos, aber so war das nicht. Allein für die Unterkunft in Neukirchen haben wir nachträglich 7000 Mark bezahlt."

Erinnerungen, über die sie heute lachen können, gibt es natürlich auch. "Wir sind mit einem 22 Jahre alten Trabbi nach Bayern gekommen, aber wir wollten die alte Stinkkarre weghaben." Also kaufte das Ehepaar noch vor Weihnachten 1989 einen Opel Kadett - und war mächtig stolz auf das erste Westauto. "Wir sind dann damit nach Nürnberg auf den Christkindlmarkt gefahren. Prompt sind wir dort stehen geblieben wegen eines Motorschadens."

Weil die Amerikaner ihre Soldaten im April 1989 nach Grafenwöhr verlegten, wurde das Camp Pitman an der Kasernenstraße in Weiden frei. Es diente ab September als Regierungsaufnahmestelle, in der die Übersiedler nach der Erstregistrierung in der Ostmarkkaserne auf Kommunen im Bundesgebiet verteilt wurden. Der Parkplatz hinter dem Camp entwickelte war voll mit Trabbis.

"Assis" in der Ostmarkkaserne

Auch ein Ausflug zu Bekannten ins Ruhrgebiet hat Illusionen vom immer goldenen Westen zerstört. "Wir waren entsetzt wie es in Duisburg ausgeschaut hat. Aus dem Fenster der Bekannten blickte man direkt auf die Stahlwerke. Dort war´s schlimmer als in der DDR", sagt Uwe und lacht. Umso mehr ist der Handwerker froh, bei der Firma Ehm in Sulzbach schnell einen Job gefunden zu haben. "Unsere Wunschheimat war immer Bayern, weil es hier die niedrigste Arbeitslosenquote gab." Auch seien sie von der Oberpfalz beeindruckt gewesen, erinnert sich Karolin. "Die Bauernhöfe waren so sauber und schön hergerichtet. Und als wir das erste mal eine Tankstelle gesehen haben, wie die beleuchtet war, wir konnten´s nicht glauben."

Kerstin Birkner bestätigt, dass es am Anfang nicht einfach war, sich zu integrieren. Zwar hatte die 21-Jährige Glück und fand schnell eine Bleibe bei Verwandten ihres Mannes in Vohenstrauß, aber: "Mein Mann bekam sofort einen Job als Fernfahrer bei einer Spedition. Ich saß dann allein bei einer Familie, die ich eigentlich nicht kannte." Auch der Berufsstart beim Brauthaus Hecht in Weiden ab Januar 1990 fiel der Neubürgerin nicht leicht.

Duisburg "schlimmer als DDR"

"Es gab definitiv Ablehnung am Anfang, allein schon bloß durch den Dialekt. Die Kunden wollten immer lieber von einer der anderen Angestellten bedient werden, weil man mir als Ossi einfach weniger zugetraut hat." Ähnlich war es beim Bau des eigenen Hauses 1994 in Altenstadt. "Wir haben hart gearbeitet und in fünf Jahren 100 000 Mark zusammengespart. Natürlich haben die Leute dann sofort geredet, wie das sein kann, dass die aus dem Osten gleich soviel Geld haben."

Dass die Schneiderin ihren voll berufstätigen Mann kaum sah, weitgehend alleine die Kinder großzog und vom Stress beinahe in den Burnout getrieben wurde, sah das soziale Umfeld zunächst nicht. Auch diese Belastung in den Anfangsjahren ist ein Grund, warum Birkner zum Yoga und damit zu innerer Ruhe gefunden hat.

Genau 30 Jahre liegen diese bewegenden Ereignisse nun zurück, und Karolin Lausch sagt: "Vergessen tust du das nie. Das prägt dich dein ganzes Leben." Es habe lange gedauert, einen Bekanntenkreis aufzubauen. "Wir selber sind etwas lockerer und die Oberpfälzer doch etwas verschlossen", sagt die Verkäuferin lachend. Seit 2006 leben sie nun im eigenen Haus am Sonnenhang in Neukirchen. Die Entscheidung zur Flucht aber haben sie nie bereut.

"Ich habe es auf keinen Fall bereut", sagt Kerstin Birkner über ihre Entscheidung zur Flucht nach Bayern. "Durch die Verwandten in Vohenstrauß haben wir uns gut integriert. Es ist so, als ob wir schon immer hier gewesen wären."

Ablehnung durch den Dialekt

"Wir haben nie vergessen, wo wir herkommen. Aber selbstverständlich ist das hier für uns Heimat geworden. Ich könnte mir nicht vorstellen, jemals zurückzugehen", bekennt der 34-jährige Sohn Alexander und ergänzt: "Ich fühle mich als Deutscher mit ostdeutschen Wurzeln."

Wenn Kerstin Birkner über die deutsche Wiedervereinigung spricht, vermeidet sie die Begriffe Ost und West. Diese würden das Trennende betonen und spalten. "Ich war 21 Jahre im Osten und lebe nun seit über 30 Jahren hier. Schleiz ist für mich die alte und die Oberpfalz die neue Heimat."

Niemals zurück in den Osten

Es gab definitiv Ablehnung, allein schon bloß durch den Dialekt. Mir als Ossi hat man einfach weniger zugetraut.

Kerstin Birkner (51) über die ersten Berufserfahrungen in Weiden.

Kerstin Birkner (51) über die ersten Berufserfahrungen in Weiden.

Erstaufnahmelager Weiden:

Im Wendeherbst 1989 spielte Weiden als Standort des einzigen Erstaufnahmelagers in ganz Bayern eine zentrale Rolle für Flüchtlinge aus der DDR. Zwar gab es in der Oberpfalz noch weitere Aufnahmestellen für frühere DDR-Bürger, diese dienten jedoch nur der Verpflegung und Unterbringung. Deshalb musste jeder Übersiedler zur Erstaufnahme persönlich für ein bis zwei Tage in die Max-Reger-Stadt. Als Übersiedler gelten auch Flüchtlinge aus der DDR, die über die Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich nach Deutschland geflüchtet sind. Die Unterbringungsmöglichkeiten in Weiden waren ideal. Gerade erst war die neue gebaute Heeresunteroffiziersschule der Bundeswehr in der Ostmarkkaserne fertiggestellt worden - weil sie die Truppe noch nicht nutzte, erfolgte spontan die Umwidmung zur Erstaufnahmestelle. Zudem räumten die Amerikanern im April 1989 das gleich nebenan gelegene Camp Pitman. Der frühere US-Stützpunkt an der Kasernenstraße diente ab September als Regierungsaufnahmestelle, von wo aus die Neubürger auf Städte und Gemeinden im ganzen Land verteilt wurden.

Reinhold Balk, ab Oktober als Polizeioberkommissar Leiter der Weidener Erstaufnahmestelle, schildert seine Erlebnisse. "Für mich gab es damals zwei deutsche Staaten. Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Mauer fallen würde." Während sich die Bundeswehr um die Versorgung der Flüchtlinge kümmerte, nahm Balk mit seinen Männern die Personalien der Übersiedler auf. Von der Dimension des Flüchtlingsandrangs war der Schichtleiter mit rund 35 unterstellten Beamten überrascht. "Zwischen 22. September und 16. Oktober haben wir 6729 Erstaufnahmeverfahren behandelt", berichtet der gebürtige Amberger über wochenlangen Dauerstress. An die Substanz sei der 15. Oktober gegangen. "Wir haben in 24 Stunden 698 Leute abgearbeitet. Danach waren wir wirklich platt. Ich meldete das nach München, weil so konnte das nicht jeden Tag weitergehen." Balk erinnert sich aber an eine "sehr positive Stimmung" in der Kaserne. "Die Leute haben eine wirklich schwere Zeit hinter sich gelassen. Es herrschte Aufbruchstimmung." Auch das Hilfsbewusstsein der Bevölkerung sei "ungeheurlich" gewesen. "Die Leute haben Spielsachen und Klamotten vorbeigebracht. Auch Oberbürgermeister Hans Schröpf war täglich hier. Eine echte Welle der Hilfe." Zudem habe es trotz hunderter Menschen auf engem Raum keine ernsten Zwischenfälle gegeben, aber: "Es kam vereinzelt vor, dass die Leute Schränke und Inventar aus den Bundeswehrstuben mitgehen ließen. Die hatten das einfach nicht im Osten". Eine große Erleichterung für viele Flüchtlinge war die schnelle Integration in den Arbeitsmarkt. Täglich seien Firmenvertreter in der Erstaufnahmestelle aufgetaucht und hätten direkt Arbeitskräfte rekrutiert, berichtet Balk. "Viele von denen waren hochqualifiziert, und es wurden schon damals in Bayern Fachkräfte händeringend gesucht. Einmal war sogar eine Bergbaufirma aus Kanada hier."

Am Grenzübergang Schirnding in der Oberpfalz bröckelte der Eiserne Vorhang - schon vor dem 9. November 1989.

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