07.01.2021 - 09:52 Uhr
Deutschland & Welt

Kommentar: Trumps Kalkül hinter dem gescheiterten Staatsstreich

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Auf den ersten Blick scheint der versuchte Staatsstreich der Trump'schen Revolutionsgarden purer Wahnsinn zu sein. Doch vermutlich steckt eher Kalkül dahinter und Trump hat sein Ziel einmal mehr erreicht.

Unterstützer von US-Präsident Trump stehen vor Polizeien auf dem Gang vor der Senatskammer im Kapitol.
von Thomas Webel Kontakt Profil
Kommentar

Chaos und Gewalt in Washington: Trump-Anhänger stürmen Kapitol

"Amerikas Schmach, Amerikas Schande" - die Kommentatoren sind sich einig wie selten, was die Einschätzung der Ereignisse in Washington DC am Mittwoch angeht. Einige tausend vom Präsidenten höchst selbst mit Lügen und Hass aufgestachelte Trump-Anhänger stürmen das Kapitol. Demokratisch gewählte Volksvertreter müssen fliehen, mehr als ein dutzend Polizisten werden teilweise schwer verletzt, vier Menschen sterben. Und der Präsident? Der sitzt im Weißen Haus und reibt sich vergnügt die Hände. Weil er ein irrer Despot ist, der sich nun der Politik der verbrannten Erde bedient? Vielleicht. Vielleicht ist das Bild vom irren Bösewicht aber auch nur eine Vereinfachung, ausgelöst vom Schauen zu vieler James-Bond-Filme.

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Denn letztlich waren die Ereignisse einmal mehr ein - aus Trump-Sicht - kluger Schachzug. Der Präsident wird bei seiner Putsch-Rede genau gewusst haben, was passieren wird. Einen Schritt weitergedacht: Es erscheint höchst plausibel, dass die Ereignisse durch Trump-treue Vertrauensleute bei QAnon, Rechtsextremen und den Proud Boys über Soziale Netzwerk genauso geplant worden sind - inklusive der Inkaufnahme des Scheiterns des Staatsstreichs. Denn natürlich konnte Trumps wütender Mob die Bestätigung von Joe Biden als nächsten amerikanischen Präsidenten durch den Kongress nicht verhindern.

Mittel- bis langfristig jedoch könnte Trump, der als Reality-TV-Star um die Macht von Bildern weiß, sein Ziel einmal mehr erreicht haben. Er hat einer Partei, die er im Sinne des Wortes als "seine" Partei begreift, gezeigt, wozu seine Anhänger fähig sind. Er hat den Führern der Republikanischen Partei klar gemacht, dass er erfolgreich war in seinen Bemühungen, vier Jahre lang einen Personenkult um sich aufzubauen. Er hat ihnen gezeigt, dass er nicht verschwinden wird und dass auch in Zukunft mit ihm zu rechnen ist. Er hat klar gemacht, dass er und nur er der Kandidat der Republikaner bei den nächsten US-Präsidentschaftswahlen sein wird. Und nicht zuletzt hat er Strafverfolgungsbehörden klar gemacht, welchen Volkszorn er entfesseln kann - nur für den Fall, dass diese ihn nach Ablauf seiner Zeit im Weißen Haus wegen ein paar kleinerer Vergehen verfolgen würden.

Der Sturm auf das Kapitol war Trumps vorerst letzte Machtdemonstration. Dass dabei Polizisten verletzt und Menschen getötet werden, ist ihm dabei vermutlich herzlich egal. Denn auch gestern ging es bei Trumps Politik um das gleiche wie in den letzten vier Jahren: Trump.

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