Kommentar: Über das Maß der Corona-Lockerungen darf man streiten

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Die Corona-Pandemie ist Neuland für alle Gesellschaften der Gegenwart. Niemand will das Leben von Menschen riskieren. Aber auch nicht den Zusammenbruch der Wirtschaft. Jürgen Herda kommentiert den Balanceakt.

Kneipen und Restaurants bleiben weiter zu: Sebastian Schrader, Wirt der Gaststätte «Kohlenquelle», steht im leeren Gastraum im Stadtteil Prenzlauer Berlin. Bars und Kneipen müssen aktuell geschlossen bleiben und bangen in der Corona-Krise um ihre Existenz. Verschiedene Portale im Netz versprechen Lösungen - aber nicht für alle.
von Jürgen Herda Kontakt Profil
Kommentar

Als erste Staaten mit drastischen Maßnahmen die Corona-Pandemie in Griff bekommen wollten, packten Staatsmänner die rhetorische Totschlagkeule aus. UN-Generalsekretär António Guterres, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britische Premier Boris Johnson erklärten dem Mikrokranz-Virus den Krieg. Wer traut sich da zu widersprechen?

Und als die Zahlen der Coronatoten in Italien, Spanien und den USA durch die Decke gingen, als zunächst zögerliche Politiker panisch nachjustierten, schien die deutsche Linie bestätigt. Wer traut sich da zu widersprechen?

Gefährdet ein zu rigider Kurs auch Menschenleben

Und als soziale Medien begannen, sich auf alle einzuschießen, die vermeintlich nicht den Regeln folgten - ein Quartett im Park, laut schnaufende Jogger: Wer traut sich da zu widersprechen?

Um so mehr, da die verantwortlichen Politiker die Gegenargumente bereits klug mit anführten: Wie lange stehen wir dieses Szenario wirtschaftlich durch? Gefährdet ein zu rigider Kurs nicht auf Sicht auch Menschenleben - Gewalt in Familien, soziale Verwerfungen, der Zusammenbruch des Gesundheitssystems? Söder, Spahn und Scholz balancieren auf Messers Schneide.

Ausnahmezustand, kein Krieg

75. Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, der 60 Millionen Tote kostete, darf man aber freilich auch festhalten: Was wir derzeit erleben, ist ein für die Nachkriegsgeneration nie gekannter Ausnahmezustand, aber beileibe kein Krieg. Und deshalb darf über die jetzt beschlossenen Lockerungen sehr wohl kontrovers diskutiert werden: Weil es keine Patentrezepte gibt; und weil die Maßnahmen uns alle betreffen.

Unstrittig ist: Die Risikogruppen müssen geschützt, die Kurve muss so flach gehalten werden, dass Krankenhäuser von schweren Fällen nicht überrollt werden. Aber der Teufel steckt im Detail: Heimunterricht ist für förderbedürftige Kinder ein Nachteil. Geschäfte unter 800 Quadratmetern bieten keinen besseren Schutz als ein Möbelhaus. Besser als eine Freigabe nach willkürlichen Kennziffern wäre ein frühzeitiges Abstandstraining. Denn das Virus wird uns noch länger begleiten.

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