10.08.2018 - 16:56 Uhr
Deutschland & Welt

Kritischer Kümmerer und Mahner für die Pflege

Bequem sein und angepasst, das war nie das Ding von Hermann Imhof. Mit seiner Meinung hält der CSU-Abgeordnete aus Nürnberg seit jeher nicht hinterm Berg, auch wenn er dafür in der eigenen Partei mitunter Stirnrunzeln erntet. Bald geht er in den Ruhestand.

Hermann Imhof, Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, bei einer Rede im Landtag.
von Jürgen UmlauftProfil

Seine Unbeirrbarkeit in der Sache trägt ihn auch durch das Amt des Patienten- und Pflegebeauftragten der Staatsregierung. Denn er trifft mit seinen Ideen für mündige Patienten und eine bessere Pflege vielfach auf Gegenwind oder - fast noch schlimmer - Gleichgültigkeit. Nach gut viereinhalb Jahren gibt der 65-Jährige den Posten nach der Landtagswahl ab und verabschiedet sich in den beruflichen Ruhestand - in der Gewissheit, als Anwalt von Patienten, Pflegebedürftigen und Pflegepersonal viel, aber längst nicht alles erreicht zu haben.

3500 Anfragen

Im Laufe seiner Amtszeit haben sich rund 3500 Bürger mit Anfragen und Hilfegesuchen an Imhofs Geschäftsstelle im Gesundheitsministerium gewandt - aus der Oberpfalz kamen knapp 200. Von allgemeinen Beschwerden über das Gesundheitssystem bis zu sehr persönlichen Anliegen war alles dabei. Imhof und sein "kleines Traumteam" in der Geschäftsstelle sind allen Anfragen nachgegangen und haben sich um schnelle Lösungen bemüht. Bewegt erzählt Imhof von den vielen Dankesschreiben. "Manchmal hatten diese Menschen das erste Mal das Gefühl, mit ihren individuellen Nöten und Sorgen ernstgenommen zu werden", berichtet er.

Zu Imhofs erfolgreichen Initiativen gehören das neue bayerische Landespflegegeld und die vielen Millionen für den Ausbau von Kurzzeitpflegeplätzen. Beides sieht er als wichtige Signale für die Wertschätzung der aufopferungsvollen Arbeit pflegender Angehöriger. "Das Bewusstsein für die Brisanz des Themas Pflege ist endlich in der Politik angekommen." Das ist auch nötig, denn Imhof sieht sehr viel Handlungsbedarf. Vor allem müssten die Angehörigen in ihrer belastenden Situation noch stärker unterstützt werden. Viel zu oft seien sie Bittsteller im Dschungel verschiedener Zuständigkeiten. Für den Ernstfall brauche es "Pflegelotsen". Die Beratung müsse deutlich ausgebaut werden: Überall in Bayern brauche es Pflegestützpunkte, in denen Betroffene vertrauensvoll, fachübergreifend und hochprofessionell beraten würden. Imhofs Ziel: Binnen drei Tagen müsse für akut Pflegebedürftige ein Platz gefunden sein.

Imhofs Ideen für die Unterstützung pflegender Angehöriger orientieren sich am System der Kinderbetreuung. Um Pflege und Beruf besser vereinbaren zu können, schlägt Imhof vor, die Tagespflege regional passgenau auszubauen. Dazu brauche es im Wohnumfeld der Betroffenen ausreichend Plätze, in denen Pflegebedürftige tagsüber betreut werden könnten.

Analog zu Erziehungsurlaub und Elterngeld wünscht sich Imhof eine gesetzlich garantierte Freistellung für pflegende Angehörige mit einer teilweisen Übernahme des in dieser Zeit wegfallenden Gehalts. Dazu gehöre ein anschließendes Rückkehrrecht in den Beruf. Imhof sieht dabei auch die Arbeitgeber in der Pflicht, die für pflegende Angehörige flexible Arbeitszeiten anbieten und neben Betriebskindergärten auch Tagespflegeplätze bereithalten sollten. Als letzten Baustein mahnt Imhof bessere Arbeitsbedingungen und die bessere Bezahlung der Pflegekräfte an. Es brauche einen allgemeingültigen Tarifvertrag, wobei sich die Entlohnung an Fachkräften in der Industrie orientieren könne, und mehr Pflegepersonal. Beides bedinge sich.

"Beim Personalbestand sind wir auf einem bedenklichen Level angekommen", stellt Imhof fest. Echte zuwendungsorientierte Pflege werde immer schwieriger, weshalb viele Pflegekräfte am Verzweifeln und am Ende ihrer Kräfte seien. "Wir brauchen bei den Arbeitsbedingungen Signale an die Beschäftigten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen", lautet Imhofs Appell. Er wisse, dass das alles teuer werde. "Aber ohne dieses Bündel an Maßnahmen bricht früher oder später sowohl die stationäre als auch die ambulante Pflege zusammen", warnt er.

"Fünf nach zwölf"

Auch bei seiner zweiten Aufgabe, dem Einsatz für die Belange von Patienten, sieht Imhof noch viel Arbeit. Zwar sei mit der Einführung des Patientenentschädigungsfonds zur finanziellen Abfederung ärztlicher Behandlungsfehler ein deutliches Zeichen gesetzt worden. Doch vom "Patienten auf Augenhöhe" gegenüber Ärzten und Krankenkassen sei man noch weit entfernt. Nötig sei mehr Transparenz im Umgang von Ärzten und Kliniken mit ihren Patienten, oft fehle es schlicht an der nötigen Kommunikation. Und zur Feststellung von Behandlungsfehlern müsse die Beweislast durch den Patienten zumindest reduziert werden.

Was sich für Imhof in den vergangenen Jahren als entscheidend herausgestellt habe, sei das offene Gespräch mit den Betroffenen auf Augenhöhe. Nur dadurch sei er der Wahrheit nahe gekommen, die da laute: "In der Pflege ist es nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf!"

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