Der Lebensstandard in Tschechien sinkt

Prag
06.12.2022 - 14:29 Uhr
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Obwohl die Löhne und Gehälter im Nachbarland steigen, können sich die Menschen immer weniger leisten. Schuld daran tragen die hohe Inflation und Putins Energiekrieg

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt

„Die Tschechen werden immer ärmer. Und das im Eiltempo.“ So begann am Dienstag ein analytischer Beitrag in der Prager Wirtschaftszeitung Hospodářské noviny. Er spiegelt das wider, was mehr oder weniger jeder Beschäftigte im Nachbarland seit längerem spürt. Zwar steigt der Durchschnittslohn in fast allen Branchen, liegt jetzt bei knapp 40-tausend Kronen (1.700 Euro), in der Hauptstadt Prag gar bei nahezu 50-tausend Kronen. Doch wie im Märchen vom Wettlauf von Hase und Igel ist eines immer schneller: die Inflation. Löhne und Gehälter wachsen nur auf dem Papier. Im täglichen Leben müssen sich die Menschen immer weiter einschränken.

Der Trend begann schon Ende vergangenen Jahres, als die Teuerung zwei Prozent der Einkommen schluckte. Die Auswirkungen von Putins Krieg gegen die Ukraine, vor allem die Verschärfung der ohnehin schon schweren Energiekrise, erhöhten die Preise dann so sehr, dass die Kaufkraft der tschechischen Löhne und Gehälter jetzt bereits zwei Quartale nacheinander real um zehn Prozent sank. Am stärksten verringerten sich die Realeinkommen bei den staatlichen Angestellten, vor allem in den Bereichen Kultur, Bildung, Öffentliche Verwaltung und im Gesundheits- und Sozialwesen.

Unglückliche Entwicklung zwei Jahre in Folge

Und da die Inflation nicht wie von Zauberhand verschwinden wird und die künftigen Lohnerhöhungen aufgrund der kommenden Rezession moderat ausfallen werden, müssen sich die Tschechen auf ein weiteres Jahr einstellen, in dem ihr Lebensstandard sinkt. Dass eine derart unglückliche Entwicklung zwei Jahre in Folge passiert ist, hat es nach der politischen Wende 1989 nur einmal gegeben. Doch die Gründe seinerzeit waren völlig andere.

Es handelte sich damals,1990/91, um die Folge der dramatischen Preisliberalisierung, die mit dem Wandel von der sozialistischen Planwirtschaft zur kapitalistischen Marktwirtschaft einherging. Damals erkannte die Mehrheit der Tschechen die Notwendigkeit des Wandels und glaubte, dass der Niedergang nur vorübergehend sei und der Kapitalismus, der ohne freie Preisbildung nun mal nicht auskomme, irgendwann den Lebensstandard heben werde. Daraus erwuchs die große Bereitschaft, den Gürtel enger zu schnallen.

Was die jetzige Entwicklung der Reallöhne angeht, ist Tschechien trauriger „Gewinner“ unter den 30 Mitgliedsländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD. „Der Rückgang betraf 29 von 30 OECD-Ländern, Tschechien schnitt am schlechtesten ab“, wie der Chefökonom der Investmentgesellschaft Cyrrus, Vít Hradil, gegenüber der Zeitung Lidové noviny betonte.

Keine Besserung in Sicht

Und nächstes Jahr dürfte sich die Lage nicht sonderlich verbessern. „Laut unserer Umfrage unter Unternehmen, die wir regelmäßig mit der Tschechischen Nationalbank durchführen, werden die Arbeitgeber versuchen, die Löhne im nächsten Jahr um durchschnittlich fünf Prozent zu erhöhen, um zumindest teilweise dazu beizutragen, die Auswirkungen der Inflation auf ihre Mitarbeiter abzumildern. Einige Unternehmen werden sich mehr leisten können, aber wir können nicht von einer signifikanten Erhöhung der Löhne auf breiter Front sprechen“, dämpft Dagmar Kužvartová vom Unternehmerverband Industrie und Verkehr anderslautende Hoffnungen.

Der größte Gewerkschaftsverband – der Tschechisch-Mährische Gewerkschaftsbund (ČMKOS) – möchte in in den Tarifverhandlungen solche Ergebnisse aushandeln, dass die Kaufkraft nicht weiter sinkt. „In diesem Jahr wuchsen nicht nur die Inflation, sondern auch die Unternehmensgewinne in einem beispiellosen Tempo. Daher ist diese Forderung völlig gerechtfertigt, natürlich unter Berücksichtigung der Situation des jeweiligen Unternehmens“, sagt der Gewerkschaftsvorsitzende Josef Středula.

Einen richtig „heißen Herbst“ hat es trotz einiger Demonstrationen in Tschechien nicht gegeben. Die Wut der Leute da richtete sich nicht gegen Putin und seine Energiewaffe, sondern gegen die Regierung, die die steigenden Energiekosten weder vollständig kompensiert noch kompensieren kann. Das ist einerseits gut, damit die Inflation nicht noch weiter angeheizt wird. Aber für die Leute ist es trotzdem schmerzhaft.

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