05.07.2018 - 16:02 Uhr
Deutschland & Welt

Libellen, Falter, Heuschrecken und Vögel verschwinden

Bayern erlebt gegenwärtig einen dramatischen Artenschwund. "Die Kulturlandschaft verliert ihre natürlichen Bewohner", erklärte Regierungsdirektor Peter Boye aus dem Umweltministerium im Umweltausschuss des Landtags. Zwar gebe es keine aktuelle Bestandsaufnahme über die gesamte Flora und Fauna im Freistaat, doch würden Einzeluntersuchungen ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Lage werfen.

Von 2003 bis 2016 ist in Bayern der Bestand an Libellen um 75 Prozent geschrumpft. Das geht aus einem aktuellen Bericht des Umweltministeriums hervor.
von Jürgen UmlauftProfil

Demnach seien von 2003 bis 2016 die Bestände der Libellen um 75 Prozent, der Tagfalter um 65 Prozent und der Heuschrecken um 56 Prozent zurückgegangen. Von den 210 in Bayern heimischen Vogelarten stünden 44 Prozent auf der Roten Liste, berichtete Boye. Besonders dramatisch seien die Einbrüche bei Feldvögeln und Wiesenbrütern wie Kiebitz, Rebhuhn, Lerche oder Braunkehlchen. Hier seien die Bestände zum Teil auf 15 Prozent der noch vor 30 Jahren registrierten Vorkommen eingebrochen.

Als Hauptursache nannte Boye den Strukturwandel in der Landwirtschaft. "50 Jahre Flurbereinigung haben ihre Spuren hinterlassen", sagte er. Es fehle an Blumenwiesen, zudem seien die Stickstoffeinträge aus Düngung und Autoabgasen zu hoch für eine artenreiche Flora. Eingesetzte "Insektenvertilgungsmittel" würden ihren Zweck erfüllen. Weiter nannte Boye den Flächenverbrauch und die stärkere künstliche Beleuchtung der Nächte. Als Gegenmaßnahmen der Staatsregierung verwies er auf das Biodiversitätsprogramm 2030, die Gründung des neuen Artenschutzzentrums in Augsburg sowie diverse Artenschutzprogramme. Zudem müssten laut Boye Schutzgebiete optimiert und weitere ökologische Maßnahmen in den Bereichen Landwirtschaft und Straßenbau ergriffen werden.

Der Ausschussvorsitzende Christian Magerl (Grüne) bezeichnete den Zustand der Artenvielfalt in Bayern als "desaströs". Er sprach von einem "flächendeckenden Phänomen". "Wir haben überall in Bayern gewaltige Bestandsrückgänge und das Schrumpfen auf kleine Restbestände", urteilte er. Das sei kein Problem der Umweltbehörden, sondern der Regierungsfraktion im Landtag, die für den Umwelt- und Naturschutz nicht die nötigen Mittel und Personalstellen zur Verfügung stelle. "Die CSU lässt den Naturschutz in Bayern an der ausgestreckten Hand verhungern", sagte Magerl. Indiz für fehlendes Personal sei unter anderem, dass 95 Prozent der Roten Liste veraltet seien, da die Daten aus der Zeit vor 2003 stammten. Es brauche in der Fläche mehr Personal zur Bestandsaufnahme, Beratung und Kontrolle. "Wir müssen die Anstrengungen gewaltig erhöhen, sonst kommen wir beim Artenschutz nicht voran", forderte Magerl.

SPD: "Schockierender Bericht"

SPD-Umweltsprecher Florian von Brunn sprach von einem "schockierenden Bericht". "Beim Artenschutz ist es in Bayern fünf nach zwölf, wir stehen vor einem Massenaussterben, das unsere Lebensgrundlagen gefährdet", sagte er. Ursache sei ein "Versagen der CSU-Umwelt- und Agrarpolitik" in den vergangenen Jahrzehnten. Er sei verärgert, dass auf die dramatischen Befunde wieder nur mit Symbolpolitik auf freiwilliger Basis geantwortet werde. Es brauche eine Kehrtwende und ein Sofortprogramm für Naturschutzmaßnahmen, die Reduzierung von Dünger- und Pestizideinsatz in der Landwirtschaft sowie ein Umsteuern in der Verkehrspolitik.

Benno Zierer (Freie Wähler) sah auch die Bürger in der Pflicht. Man müsse sich von der Wunschvorstellung einer "sauberen und ausgeräumten Landschaft" verabschieden, da diese kaum noch Lebensräume für Vögel und Insekten biete. Außerdem müssten die Bayern ihr Freizeitverhalten und ihre Mobilitätsansprüche überdenken. Eine differenzierte Debatte verlangte Otto Hünnerkopf (CSU). "Der Artenschwund ist ein weltweites Problem und nicht das Ergebnis von CSU-Politik", betonte er. Nötig sei eine Mischform aus ertragreichem Wirtschaften und ökologischer Rücksichtnahme. "Da haben wir noch viel zu tun", räumte Hünnerkopf ein.

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