06.10.2019 - 18:50 Uhr
Luhe-WildenauDeutschland & Welt

Manöver „Grantiger Löwe“: Bundeswehr übt den Ernstfall bei Luhe-Wildenau

Von Feldjägern abgesperrte Straßen, dröhnende Motoren, von Stahlketten zerwühlte Wiesen: Beim Manöver „Grantiger Löwe“ probt die Panzerbrigade 12 „Oberpfalz“ auch den Kampf über mittlere Gewässer. Bei Luhe-Wildenau legen Pioniere Brücken.

von Tobias Gräf Kontakt Profil

Die Provinz Ostoberpfalz wird angegriffen. Um den Vormarsch feindlicher Kräfte zu verlangsamen, wurde eine Brücke der A93 gesprengt. Im Auftrag der Nato kommt die Bundeswehr der bedrohten Region zur Hilfe. Damit deutsche Einheiten die Naab südlich Luhe-Wildenau überqueren können, müssen Behelfsbrücken errichtet werden – möglichst schnell, um dem Feind kein Ziel zu bieten.

Dieses fiktive Szenario ist Teil der Übung „Grantiger Löwe 2019“. Von Ende September bis 18. Oktober übt die Panzerbrigade 12 „Oberpfalz“ mit ihren sechs unterstellten Bataillonen drei Wochen lang das Herstellen und Aufrechterhalten ihrer Einsatzbereitschaft. Einer der Höhepunkte der Übung mit rund 1300 beteiligten Soldaten ist am Sonntag die Gewässerüberquerung im Naabtaal. Dazu sind Spezialkräfte des Panzerpionierbataillon 4 aus Bogen mit schwerem Gerät angerückt. Ihre Aufgabe: Unter möglichst realistischen Bedingungen zwei Brücken über die Naab legen, um eigenen Schützen- und Kampfpanzern die Gewässerüberquerung zu ermöglichen.

Während zunächst ein Infanterietrupp mit dem Schlauchboot den Fluss überquert, um das gegenüberliegende Ufer zu sichern, rückt unter lautem Motorengetöse der „Dachs“ an. Mit einer Baggerschaufel und einem Räumschild ausgestattet, entfernt der Pionierpanzer Gestrüpp der Uferböschung und hebt Kies aus der Gewässersohle aus. Damit planiert das Kettenfahrzeug den weichen Wiesenuntergrund. Nur so kann anschließend die Panzerschnellbrücke auf einem stabilen Untergrund sicher aufgesetzt werden.

„Dachs“ baggert Naab aus

Sobald der „Dachs“ seine Arbeit abgeschlossen hat, prescht der „Biber“ aus seiner Wartestellung im Wald heran. Der Name kommt nicht von ungefähr: Bei dem Kettenfahrzeug handelt es sich um einen Brückenlegepanzer, der auf seinem Fahrgestell aufmontiert eine knapp 10 Tonnen schwere Behelfsbrücke aus Stahl transportiert. Weil die Naab an dieser Stelle bis zu 15 Meter breit ist, müssen zwei Brücken überlappend aufgelegt werden.

Der „Biber“ rammt die Brückenelemente in den Naabgrund und die gegenüberliegende Böschung. So wird sichergestellt, dass der Übergang von der Strömung nicht abgetrieben wird. Weil die Soldaten unter Hochdruck arbeiten, dauert der ganze Vorgang nur circa 30 Minuten. Jetzt können Rad- und Schützenpanzer der Truppe in Schrittgeschwindigkeit den Fluss überqueren – und den fiktiven Angriff am jenseitigen Ufer fortsetzen.

„Leopard“ zu schwer

Das Problem: Für die über 60 Tonnen schweren Leopard-Kampfpanzer ist die Schnellbrücke nicht stabil genug. Weil sie nur circa 50 Tonnen trägt, errichten die Pioniere deshalb ein paar Meter flussaufwärts eine Faltfestbrücke. Deren Aufbau ist zwar mit knapp zwei Stunden deutlich zeitaufwändiger, dafür können über das Stahlgerüst jedoch auch bist zu 110 Tonnen Last transportiert werden – ausreichend für den „Leopard“, von dem die Brigade zwei Exemplare über den Fluss setzt.

„Die Gewässerüberquerung ist Teil der Führerausbildung in unserer Brigade“, erklärt Hauptmann Constanze Kumpf die Hintergründe. Laut der Presseoffizierin der Brigade ist die Naabüberquerung an der Stelle südlich von Luhe-Wildenau insgesamt drei Mal geübt worden – immer mit jeweils rund 120 Offizieren und Unteroffizieren als Zuschauer. Diese gehören zu den Teileinheiten der Panzerbrigade und nehmen an der Übung „Grantiger Löwe“ in Grafenwöhr teil.

40 Zentimeter Furchen

Für die Gewässerüberquerung jedoch verlassen sie den Übungsplatz, und schauen den Pionieren aus Bogen zu: „Auf der militärischen Lagekarte lässt sich eine Flussüberquerung leicht einzeichnen. Aber viele unserer jungen Soldaten wissen gar nicht, wie viel Aufwand dies in der Praxis bedeutet. Hier können sie den realen Zeitansatz erkennen“, erklärt Kumpf. Diese Erfahrung sei für die Führungskräfte von großem Wert.

Für die Übung haben die „12er“ an der Naab ein kleines Camp errichtet. Mehrere mit Tarnnetzen überworfene Zelte, mobile Toiletten und eine Feldküche gehören dazu. Auch in den Wiesenflächen entlang des Naabufers hat die Truppe sichtbare Spuren hinterlassen: Die Furchen der schweren Rad- und Kettenfahrzeuge im vom Regen aufgeweichten Boden sind bis zu 40 Zentimeter tief.

Oberst Björn Schulz über „Grantiger Löwe“:

„Wer nicht übt, gewinnt keinen Krieg“

„Grantiger Löwe 2019“, so heißt die Übung der Panzerbrigade 12 aus Cham, die noch bis 18. Oktober läuft. Rund 1300 Soldaten aus sechs Bataillonen und 250 Fahrzeuge – darunter auch vier Kampfpanzer Leopard, mehrere Schützenpanzer Puma sowie Pionier- und Radpanzer sind beteiligt. Doch warum überhaupt der ganze Aufwand? Oberpfalz-Medien hat nachgefragt.

„Wer nicht ausbildet und nicht übt, der wird in einem Krieg nicht bestehen können“, erklärt Björn Schulz die Notwendigkeit von „Grantiger Löwe“. Der Oberst ist seit April Kommandeur der „12er“ und sagt: „Zu üben, ist völlig normal. In der Vergangenheit haben wir eher zu wenig trainiert.“ Zweck des Manövers sei laut Schulz, das Zusammenwirken der unterschiedlichen Fähigkeiten der Brigade „zu professionalisieren. Gerade weil der Brückenschlag eine spezielle Fähigkeit ist, die nur wenige Einheiten beherrschen, ist es wichtig, dass möglichst viele Soldaten die Möglichkeit bekommen, das mit eigenen Augen zu sehen. Sie müssen ein Bild dazu im Kopf haben.“ Nur so wüssten sie später im realen Einsatz, welchen Aufwand ein solches Manöver erfordert – und würden sich genau überlegen, wann ein Befehl dazu gerechtfertigt ist.

Doch nicht jedem gefällt, dass die Truppe mit schwerstem Gerät die Wiesen beidseits des Naabufers durchpflügt. Warum kann dies nicht im Truppenübungsplatz Grafenwöhr gemacht werden? „Ein Übungsplatz ist immer ein künstliches Areal. Wir müssen aber lernen, uns im realen Gelände zu bewegen“, begründet der Generalstabsoffizier. Außerdem sei in Grafenwöhr kein Fluss vorhanden – die Gewässerüberquerung könne nur auf öffentlichem Grund trainiert werden. Auch Umweltschützer beruhigt Schulz: „Der ökologische Schaden ist minimal. Nach der Übung wird hier von uns wieder alles in Ordnung gebracht.“ Zudem sei der Grundbesitzer durch die Bundeswehr finanziell entschädigt worden.

Die vieldiskutierten Materialprobleme der Bundeswehr sind auch in Cham nicht unbekannt. Der Weg zur Vollausstattung ist noch „ein langer Weg“, gibt Schulz zu. „Insgesamt haben wir nicht das Gerät, das wir gerne hätten. Aber es reicht aus, um Übungen durchzuführen.“ Gerade beim neuen Schützenpanzer „Puma“ sei die Einsatzbereitschaft noch „verbesserungswürdig“.

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