10.11.2020 - 17:51 Uhr
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Ungebetene Pandemie-Besucher: Wenn der Vodafone-Vertreter klingelt

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Herbst 2020: Deutschland, Bayern und gerade auch die nördliche Oberpfalz kämpfen mit der Covid-19-Pandemie. "Klinken putzen" sollte in dieser Lage kein Geschäftsmodell sein. Für Vodafone scheint das nicht zu gelten.

Haustürgeschäfte sind immer heikel - in der Pandemie mit weit reichenden Kontaktbeschränkungen sollten sie allerdings erst recht tabu sein.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Es ist der 20. Oktober, die Sieben-Tage-Inzidenz für "Corona" liegt im Landkreis Neustadt bereits bei 64,5 und wird acht Tage später mit 175,7 Platz 6 in ganz Bayern erreichen. Als es vormittags klingelt, denkt man an den Paketdienst oder den Postboten. Stattdessen stehen zwei Herren von Vodafone vor der Tür. Man müsse den Kabelanschluss prüfen, heißt es. Beide betreten die Wohnung, aber nur einer trägt Mund-Nasen-Schutz. Der Wortführer, welcher laut Visitenkarte "Teamleiter" und autorisierter Vertriebspartner von Vodafone Kabel Deutschland ist, verzichtet darauf und erklärt das auch nicht näher. Nachdem er den Anfang der 2000er Jahre in der Mietwohnung angebrachten Antennenanschluss in Augenschein genommen hat, ist die "Prüfung" auch schon zu Ende. Stattdessen entwickelt sich ein Verkaufsgespräch.

Und der Vertreter aus Nürnberg geht gleich in die Vollen: "Ihr Ort wird als letzter in ganz Bayern ans Breitbandnetz angeschlossen", sagt er und bekräftigt auf zweifelnde Nachfrage, "doch, das ist so." Im Folgenden stellt er die Vorzüge des Vodafone-Netzes mit Glasfaseranschluss im Haus gegenüber dem der Telekom mit Kupferleitung im Haus dar und weist auf attraktive Angebote hin. Nach etwa zehn Minuten verlassen die beiden Männer die Wohnung wieder - ohne Vertragsabschluss. Einen Tag später kehren sie zurück und klingeln bei den Mietern, die sie noch nicht erreicht haben. Auch ein Werbe-Aushang im Treppenhaus wird angebracht.

Pikant: Erst eine Woche zuvor, am 13. Oktober, hat die Verbraucherzentrale Bayern in München eine Pressemitteilung veröffentlicht, weil "derzeit vermehrt Beschwerden über die Vodafone GmbH beziehungsweise die Vodafone Kabel Deutschland GmbH" bei ihr eingingen. Darin heißt es weiter: "Vodafone-Mitarbeiter würden Verbrauchern während ihrer Hausbesuche unbemerkt Verträge unterschieben. Die Masche läuft stets ähnlich: Ein Vodafone-Mitarbeiter gibt vor, den Internetanschluss eines Haushalts überprüfen zu müssen. So verschafft er sich Zutritt zur ausgewählten Wohnung. Im weiteren Verlauf rät der Berater dringend zu einem neuen Anschluss. Obwohl kein Vertragsabschluss erfolgt, erhält der Verbraucher in der Folge einen Anruf. Darin werden ihm Informationen über die angebliche Bestellung mitgeteilt."

Auf den konkreten Besuch angesprochen, reagiert Vodafone-Pressesprecher Volker Petendorf mit einer ausführlichen Mail. "Haustürgeschäfte sind traditionelle Vertriebswege von Energieversorgern, Telekommunikations-Unternehmen sowie Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen und von vielen weiteren seriösen Branchen. Auch im Auftrag von Vodafone sind an jedem Tag überall in Deutschland externe Vertriebspartner von Tür zu Tür unterwegs. Sie wenden sich vornehmlich an potenzielle Neukunden und an solche Haushalte, die bereits an das Kabelglasfasernetz von Vodafone angeschlossen sind, dieses aber noch nicht oder nur zum Teil (...) nutzen" heißt es darin unter anderem.

Genau darüber habe auch der "selbständige Außendienstmitarbeiter" informiert. Er habe eine Sichtprüfung des Vodafone-Kabelanschlusses inklusive Multimediadose vorgenommen und dann auf die enormen Vorteile des Breitband-Internets via Vodafone-Kabelglasfaser hingewiesen, vor allem auch im Vergleich zu der alten DSL-Kupferleitung der Telekom via TAE-Dose. "Der selbständige Vertreter legt Wert auf die Feststellung, dass zum Zeitpunkt seines Einsatzes in Ihrer Straße keine Verpflichtung zum Tragen eines Mund- und Nasenschutzes bestand. Jedenfalls habe er trotz intensiver Suche keine Verordnung der Gemeinde und des Landkreises gefunden, die einen solchen Mund- und Nasenschutz in einer bestimmten Straße oder auf einem bestimmten Platz des Ortes vorschreiben würde."

Er habe, heißt es weiter, darauf hingewiesen, dass er aus gesundheitlichen Gründen keinen Mund- und Nasenschutz tragen könne, aber den Mindestabstand sicher wahren werde. Diesen Abstand habe er jederzeit eingehalten. Der Pressesprecher nennt sogar den medizinischen Grund, weshalb der "selbständige Vertreter" keinen Mund-Nasen-Schutz tragen könne. Das macht die Sache aber nicht besser, im Gegenteil: Mit dieser Vorerkrankung wäre der Vertriebsmitarbeiter bei einer Infektion mit Covid-19 nämlich selbst erheblich gefährdet.

Dass der Landkreis Neustadt/WN kein explizites Verbot von Haustürgeschäften und auch keine Anordnung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes verhängt hat, bestätigt Pressesprecherin Claudia Prößl auf Nachfrage. Sie sagt aber auch: "Momentan sollte jeder unnötige Kontakt vermieden werden. Haustürgeschäfte könnte man auch durch Aktivitäten im Internet ersetzen." Noch fragwürdiger erscheint die Geschäftspraxis von Vodafone vor dem Hintergrund der aktuellen Corona-Daten: Demnach ist die Zahl der Infizierten in der Gemeinde binnen einer Woche um 15 Personen gestiegen. Auch in der Vorwoche wurden 9 Gemeindebürger positiv getestet.

Tatjana Halm, Rechtsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern, hat Erfahrung mit den Methoden von Unternehmen, die Haustürgeschäfte als Vertriebsmodell nutzen. "Das betrifft nicht nur Vodafone", sagt sie, "der Wettbewerb ist insgesamt hart". Es sei gängige Praxis, dass Vertreter sich "mit fadenscheinigen Begründungen Zutritt zur Wohnung verschaffen". Häufig würden Kunden dann etwas unterschreiben, wobei nicht immer klar sei, wofür genau sie ihre Unterschrift leisten. Unternehmen wie Vodafone hätten ihren Vertrieb längst "outgesourced" - deshalb sei so ausdrücklich die Rede von "externen" beziehungsweise "selbständigen" Vertretern: "Man hat den Eindruck, bei Problemen wird dann der Vertreter vorgeschoben", sagt die Juristin.

Bei der Verbraucherzentrale gingen immer wieder Beschwerden ein, die sich zeitweise auch häuften - "das scheint vom jeweiligen Außendienstler oder Shop abzuhängen". Auch Halm sieht es kritisch, wenn zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf Haustürgeschäfte nicht verzichtet wird: "Man weiß ja zum Beispiel nicht, wer gerade in Quarantäne ist oder wer da gerade klingelt."

Tipps für Verbraucher:

Die Verbraucherzentrale Bayern empfiehlt, niemanden in die Wohnung zu lassen, es sei denn, der Verbraucher hat selbst einen Termin vereinbart. Auf keinen Fall sollten Unterschriften getätigt werden. Erhalten Verbraucher Informationen zu einem neu abgeschlossenen Vertrag, ist es ratsam zuerst zu prüfen, ob dieser tatsächlich abgeschlossen wurde. Im Zweifel kann dem Vertragsschluss widersprochen werden. Vorsorglich haben Verbraucher die Möglichkeit, innerhalb von 14 Tagen einen Widerruf zu erklären.

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