21.06.2018 - 20:34 Uhr
MantelDeutschland & Welt

AfD schwer zu fassen

Wie radikal ist die AfD? Wer sie zum Nazi-Haufen stempelt, macht es sich zu einfach. Aber ein Blick auf den Kreisverband Weiden zeigt auch, die AfD ist längst nicht nur eine etwas konservativere Partei.

Roland Magerl (stehend) und die Weidener AfD-Führung beim Vortrag in Parkstein.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Eine Partei, das sind ihre Mitglieder. In der AfD ist da etwa Roland Magerl aus Mantel. Der Mann ist Kreisvorsitzender für Tirschenreuth, Neustadt/WN und Weiden. Weil er die Landtagsliste der Oberpfalz anführt, wird er wohl bald im Maximilianeum sitzen. Mit dem, was Magerl sagt, scheint er dort hinzupassen. Der 45-jährige gelernte Elektroniker ist kein Außenseiter oder Abgehängter. Die AfD vertrete, was viele denken, aber in Politik und Medien nicht mehr vorkomme.

Die AfD Weiden ist auch Hans Reichl. Magerls Schwiegervater hat keinen Posten in der Partei. Aber wenn er beim AfD-Stammtisch in Parkstein das Wort ergreift, hören die Gäste aufmerksamer zu als bei Magerl. Wenn Reichl ein Bild von Claudia Roth im Badeanzug an die Wand wirft, und die Grünen-Politikerin "Fette Kröte" und "mieses Stück Scheiße" nennt, klatscht der Saal. Magerl wirkt währenddessen eher gelangweilt. Er kennt den Vortrag, zu stören scheint ihn der Inhalt nicht.

Keine Feindseligkeit

Zwei Tage vorher hat der Abgeordnete in spe beim Gespräch in der Küche seines Einfamilienhauses in Mantel erzählt, dass ein guter Freund und Arbeitskollege bei den Grünen aktiv ist. Sogar als man an Wahlkampfständen in Weidens Fußgängerzone nebeneinander für die eigene Partei warb, habe es keine Feindseligkeit gegeben. Magerl sagt, die AfD sei vorerst nicht für eine Koalition bereit, aber das könne sich ändern. Schon jetzt sei die Partei auf dem Weg aus der Ecke. "Vor drei Jahren waren wir die rechtsradikale AfD, dann die rechts-populistische. Heute sind wir nur mehr AfD."

Beim Schwiegervater kommt Annäherung nicht vor. Der 59-Jährige präsentiert den etwa 50 Gästen beim Stammtisch in einer Parksteiner Wirtschaft ein klares Feindbild: alle, die nicht seiner Welterklärung folgen. Politik und Medien haben sich darin verschworen, um die Deutschen zu täuschen und zu betrügen.

Volks-IQ

Reichl geht es nicht um den Willen der schweigenden Mehrheit, er will der unwissenden Mehrheit erklären, was wahr ist. Klimawandel? "Die größte Lüge, die uns je aufgetischt wurde", Rundfunkgebühr? "Aus Gewissensgründen gekündigt". Immer aggressiver wird der Ton. Gegner nennt Reichl "Kreaturen und Würmer". Die Zuhörern erfahren von einem sogenannten Volks-IQ. In der Türkei liege der bei 85, in Afrika bei 67 Punkten. Magerl verzieht keine Miene.

Zwei Tage vorher hatte der Kreisvorsitzende noch betont, wie genau die AfD ihre Mitglieder prüft. Schon eine frühere NPD-Mitgliedschaft sei Ausschlusskriterium. In seiner Freizeit setzt sich Magerl als Rettungssanitäter und Führungskraft beim Roten Kreuz ein, 200 bis 250 Stunden leiste er ehrenamtlich pro Jahr, meist in der Nachtschicht im Sanka. Beruflich ist Magerl Betriebsratsvorsitzender bei einem großen Maschinenbauer im Landkreis Neustadt. Erst vor ein paar Monaten wurde er als Stimmenkönig wiedergewählt.

Ich habe manchmal Schwierigkeiten, mir selbst zu erklären, wie das zusammenpasst. Aber es ist so.

Horst Ott, Erster Vevollmächtigter der IG Metall Amberg

Von der Gewerkschaft gibt es Lob für seine Arbeit. Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Amberg, Horst Ott, sagt, den Politiker Magerl lehne er ab, vom Betriebsrat halte er sehr viel. "Ich habe manchmal Schwierigkeiten, mir selbst zu erklären, wie das zusammenpasst. Aber es ist so."

Früher schien es besser zu passen. Magerls politische Heimat war die SPD. Mit den Hartz-IV-Reformen im Jahr 2005 kamen die Zweifel beim zweifachen Familienvater, mit der Euro-Rettung 2013 der Bruch. Magerl verließ die SPD, trat "ziemlich nahtlos" der AfD bei. Flüchtlingskrise gab es noch keine. Auch heute ist Migration nicht sein Hauptthema. Magerl spricht sich für den Verbleib Özils und Gündogans im Nationalteam aus, trotz des Erdogan-Fotos. Gut habe er das Bild nicht gefunden, "aber jeder langt mal daneben".

Am liebsten Gewerkschaftsthemen

Lieber spricht Magerl über klassische Gewerkschafts-Themen, befristete Verträge, Leiharbeit. Wie er sich damit durchsetzen will, obwohl in der AfD Wirtschaftsliberale wie Weidel und Böhringer das Sagen haben, lässt Magerl offen. Die Gäste beim AfD-Stammtisch stellen die Frage nicht. Überhaupt scheint das Interesse an den Themen der realen Welt begrenzt.

Dem Schwiegervater folgen die Besucher aufmerksamer in die virtuelle Welt. Im Internet findet Reichl seine "Wahrheit". "Zehn Minuten" habe er benötigt, um die "Lüge vom Klimawandel" zu entlarven. Dass ein Altenpfleger so nebenbei die Arbeit von Tausenden Wissenschaftlern widerlegt - niemand scheint das zu wundern. Auch Magerl nicht.

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Kommentare

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A. Schmigoner

Lohnenswert für die AfD wäre dieser Tage ein Blick über den Atlantik, zu den Erfindern der Klimaskepsis. Im Jahr 1997 erschien in der "New York Times" ein Text über die Erderwärmung. "Wissenschaftler können nicht mit Sicherheit vorhersagen, ob Temperaturen steigen, wie stark und wo Veränderungen stattfinden", hieß es darin. Man wisse immer noch nicht, welche Rolle vom Menschen verursachte Treibhausgase bei der Erwärmung des Planeten spielen könnten.“ Hinter dem Artikel steckte der ExxonMobil Konzern, - es handelte sich um eine getarnte, bezahlte Anzeige. Die New Yorker Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Falschangaben zum Klimawandel gegen den Ölmulti ExxonMobil. Für mich das interessanteste Detail: Der Hauptvorwurf der Staatsanwaltschaft ist nicht die Gefährdung des Weltklimas wider besseren Wissens, sondern die Täuschung der Anleger, diese nicht ausreichend über die finanziellen Risiken des Klimawandels, beziehungsweise der dadurch nötig gewordenen Begrenzung fossiler Brennstoffe, informiert zu haben. Jetzt gab es den Nobelpreis für die Forschungen zu den finanziellen Auswirkungen des Klimawandels. Klimaleugner erhalten keine wissenschaftliche Auszeichnung, höchstens den Preis "Dinosaurier des Jahres".

08.10.2018
Hubert Senf

Nachdem mein erster längerer Kommentar gelöscht wurde, (Das Warum blieb man schuldig) hier nur ein kurzer Kommentar in Bezug auf diesen Satz:
Klimawandel? "Die größte Lüge, die uns je aufgetischt wurde"

Der Autor referenziert hier auf "Klimawandel durch den Menschen weiß doch mittlerweile (durch 1000maliges Wiederholen) jedes Kind. Wer etwas anderes sagt, macht sich lächerlich, wie eben der AfD Mann...

Hier empfehle ich dem geneigten Leser mal über die Verwendung des Begriffs Klimaleugner zu recherchieren. (er wird zur diffamierung verwendet).

"Die Stigmatisierung von Skeptikern dient den Profitinteressen der Konzerne." schreibt beispielsweise Doris Schultz

28.07.2018
Hilde Lindner-Hausner

Unfassbar!
Danke onetz für die Berichterstattung. Obgleich der Inhalt abscheulich ist.
Die gegen Claudia Roth ausgesprochenen nicht hinnehmbaren Beleidigungen gehen an die Menschenwürde. Niemand darf so gegen Irgendwen vorgehen - ich bin entrüstet und protestiere!

Danke, dass Sie der Öffentlichkeit von der Wirklichkeit dieser AfD-Versammlung, berichten und deren wahres Gesicht zeigen. Der Inhalt bleibt von derSeite der Stammtischgäste ja unwidersprochen. Da gibt es keinen Widerruf oder eine Entschuldigung auch keine Ausreden von Seiten der Teilnehmer. Eher stellt es sich so dar, als stimme man mit dem was dort geäußert und gezeigt wurde überein. Wäre das nicht so, wäre das schon in der Versammlung unterbunden worden.

Wer hier nicht einschreitet akzeptiert das Geäußerte so. Es zeigt die Gesinnung all derer, die dem nicht schon vor Ort Einhalt geboten hatten.

Obwohl es geteilte Meinungen gibt, ob einer solchen Veranstaltung so viel Aufmerksamkeit gewidmet werden soll, darf sowas nicht übersehen werden. Im Gegenteil, es muss genau hingeschaut werden, und bedarf auch der Berichterstattung.

Auch wenn der Bezirksdirektkandidat für die Landtagswahl sich auf seine Sachthemen zurückzieht. Es zeigt seine Gesinnung, wenn er das zulässt, was geäußert, gezeigt wurde. Ist es nicht so, wer nichts sagt, stimmt zu, oder?

Auch die Wahl seiner Gäste lässt auf seine Gesinnung schließen.
Zwei Beispiele: Kaltenbrunn Nov. 2016 Wiebke Muhsal, Lappersdorf Juni 2018
Björn Höcke – beide vom rechten Flügel – Initiator bzw. Erstunterzeichner - (der Flügel https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Fl%C3%Bcgel, Rechter AfD-Flügel „Kyffhäuser-Treffen“ in Burgscheidungen von Protesten begleitet https://www.mz-web.de)

Die Frage, ob sich Herr Reichl mit seinen „Äußerungen“ einen Gefallen im Hinblick auf eine gute vertrauenserweckende Werbung für seine Pflegeeinrichtung in Kaltenbrunn getan hat bleibt dahingestellt.

26.06.2018
Dr. Jürgen Spielhofen

Wieder einer von den vielen tendenziösen Artikeln die über die AfD geschrieben wurden. - Diese Wirklichkeitsferne: nicht zu fassen!

25.06.2018
Gerald Meißner

Wer solche erniedrigenden Ausdrücke gegenüber Andersdenkenden verwendet (man mag Fr. Roth jetzt mögen oder nicht), der lässt sehr viele Rückschlüsse auf sein eigenes Ich zu, seine Wesensart. Was auch immer zu solch einer Einstellung geführt hat: So kommt man nicht auf die Welt. Vielleicht sollte man den ein oder anderen mit der gleichen Einstellung mit einem Hotel- oder Wellnessgutschein nach Ungarn oder Österreich locken und anschließend bei Herrn Seehofer anrufen, dass er die Grenze schließt.

22.06.2018
Maria Estl

Dass man die SPD wegen der Hartz-IV Gesetzgebung verlässt bzw. verlassen hat, kann ich nachvollziehen. Das haben ab 2005 viele engagierte Gewerkschafter getan, völlig zu Recht. Damals wurde die WASG gegründet, die „Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit“, die sich später mit der PDS zur LINKEN zusammenschloss. Eine Partei mit ganz neuer Ausrichtung war entstanden, eine echte Alternative. Wie man sich aber als enttäuschter SPDler der AfD anschließen kann, ist und bleibt mir unverständlich. Die AfD ist keine Alternative für echte Demokraten, da hätte Roland Magerl besser in der SPD bleiben und mit der Basis für eine sozialere Politik kämpfen sollen.
Völlig inakzeptabel aber sind die Ausdrücke, die Hans Reichl für Claudia Roth findet. Ich will sie gar nicht in den Mund nehmen. Man muss Claudia Roth nicht mögen, aber mit solchen Ausdrücken qualifiziert sich jeder, der Roth damit bezeichnet, selbst ab.

22.06.2018
Ali Zant

Hr. Magerl soz. als Nationaler Sozialist? Die neoliberal Positionierte afD wird sich für seine sozialen Themen nicht interessieren. Sie sind leider in der falschen Partei Hr. Magerl. Eine Partei die Volksverhetzung betreibt ist ,abgesehen davon, sowieso nicht wählbar.

21.06.2018