19.11.2020 - 17:37 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

Marianne Koch zu Corona: In unserem Körper tobt eine Schlacht

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Wenn die Ärztin Dr. Marianne Koch über das Immunsystem schreibt, fühlt Sie sich ein wenig als Kriegsberichterstatterin. Ein Gespräch über Angreifer und Abwehr.

Die Ärztin, Moderatorin und Schauspielerin Marianne Koch.
von Redaktion PolitikProfil

Von Andrea Herdegen

ONETZ: Frau Koch, die Corona-Pandemie macht vielen Menschen Angst. Mit fast 90 sind Sie Teil einer Höchstrisiko-Gruppe. Wie schützen Sie sich?

Marianne Koch: So lange es noch keine Impfung gibt, kann man sich nur schützen, wenn man sich strikt an die Regeln hält: außerhalb der eigenen Wohnung Mund-und-Nasen-Schutz; beim Einkaufen Mindestabstand zu anderen Leuten; persönliche Kontakte, selbst mit Freunden und Verwandten, drastisch reduzieren. Sehr traurig, aber es gibt derzeit noch keine andere Möglichkeit. Gottlob haben wir noch das gute alte Telefon.

ONETZ: Halten Sie die strengen Maßnahmen der Regierung für angemessen?

Marianne Koch: Ja, unbedingt. Es wäre furchtbar, wenn unser Gesundheitssystem die Zahl der Schwer-Erkrankten nicht mehr optimal behandeln könnte. Es tut mir so leid, vor allem für die Künstler und für die vielen Wirte, die sich brav um optimale Hygienemaßnahmen bemüht haben. Das Tückische an dieser Krankheit ist ja, dass jemand, der sich angesteckt hat, bereits sehr infektiös ist, obwohl er selbst noch keinerlei Symptome hat.

ONETZ: Ihr neues Buch kam genau zur rechten Zeit und wurde zum Bestseller. Sollten sich die Menschen – auch abgesehen von Corona – grundsätzlich mehr für ihr Immunsystem interessieren?

Marianne Koch: Die meisten wissen, wie das Herz oder die Lunge funktionieren, vom Immunsystem wissen die Leute sehr wenig. Die Medizin hat dieses Wunderwerk allerdings erst in den letzten Jahren so richtig erforscht. Und wenn man sich einmal aufmacht zu einer Entdeckungsreise in diese faszinierende Welt der vielgestaltigen Zellen, der Botenstoffe, der Kämpfe gegen Feinde von außen und gegen Unordnung im Inneren des Körpers, dann begreift man auch, was man tun muss, damit dieses System stark bleibt.

ONETZ: Was ist das Mindeste, was jeder für seine körpereigene Abwehr tun sollte?

Marianne Koch: Ernährung mit möglichst wenig Industrieprodukten, regelmäßige körperliche Aktivität, genügend Schlaf, nicht rauchen, Alkohol nur in Maßen, kein Dauerstress.

ONETZ: „Unser erstaunliches Immunsystem“ liest sich wie ein Gesundheits-Thriller. Martialische Kapitelüberschriften unterstreichen den Eindruck. Haben Sie sich beim Schreiben ein wenig gefühlt wie eine Kriegsberichterstatterin?

Marianne Koch: Wenn man weiß, wie das System funktioniert, dann fallen einem automatisch kriegerische Begriffe ein. Stellen Sie sich vor: Einer Gruppe von Bakterien oder Viren ist es gelungen, im Rachen durch die Barriere der Schleimhautzellen ins Innere zu dringen. Dort geraten sie sofort in die Greifarme der Immunzellen, die dort auf Patrouille sind. Es beginnt ein Hauen und Stechen zwischen den Eindringlingen und herbeigerufenen Killerzellen, spezielle Waffen wie Antikörper werden von den Lymphozyten in rasender Geschwindigkeit gebildet, Entzündungsstoffe lösen Fieber, Gliederschmerzen und Krankheitsgefühl aus. Wenn es sich bei den Angreifern um normale Erkältungsviren handelt, ist die Schlacht, die in unserem Körper tobt, nach sechs bis acht Tagen entschieden. Bei bösartigeren Erregern dauert der Kampf länger – und es kann auch einmal um Leben und Tod gehen. „Kriegsberichterstatterin“ ist übrigens ein lustiger, aber sehr passender Ausdruck.

ONETZ: Warum sind frische Zutaten im Essen so wichtig für unsere körpereigene Abwehr?

Marianne Koch: Industrienahrung enthält jede Menge Schadstoffe – Konservierungsmittel, Geschmacksverstärker, künstliche Farben, künstliche Aromen, Verdicker – ein richtiger Chemiecocktail. Dazu noch viel – meist minderwertiges – Fett, viel Salz, viel Zucker. Wer, glauben Sie, schafft diese chemischen Substanzen wieder aus dem Körper? Richtig, unser Immunsystem. Damit ist es gut beschäftigt und hat keine Kapazitäten frei für wichtigere Dinge. Eine Ernährung mit viel frischem Gemüse, Salaten, Obst, Joghurt, Käse, Fisch, Vollkornprodukten und nicht zuviel Fleisch liefert all die Mineralstoffe und Vitamine, die das System benötigt; dazu noch jede Menge sekundärer Pflanzenstoffe, die die Aufnahme der Vitamine in die Zellen fördern.

ONETZ: In Ihrem Buch heißt es, auch positive Gedanken können das Immunsystem stärken. Wie stark beeinflusst unsere Psyche unsere Abwehrkraft?

Marianne Koch: Erstaunlich stark. Die relativ neue Wissenschaft der Psycho-Neuro-Immunologie hat uns erklärt – und in vielen Studien bewiesen –, dass sich das Zentrum im Gehirn, in dem die seelischen Befindlichkeiten abgebildet werden, und das Zentrum des vegetativen Nervensystems, wo Herzschlag, Atmung und eben auch die Immunreaktionen gesteuert werden, gegenseitig stark beeinflussen. So sind Menschen im Dauerstress viel anfälliger für Krankheiten. Dagegen liebt unser Immunsystem Optimismus und gute Nachrichten.

ONETZ: Sie kommen auch auf die Irrtümer unseres Immunsystems zu sprechen. Welche sind da am meisten verbreitet?

Marianne Koch: Zum einen die Allergien, bei denen das Immunsystem irrtümlich Dinge für gefährlich hält, die in Wirklichkeit für uns harmlos sind, wie Gräserpollen oder Tierhaare. Und dann gibt es noch eine große Zahl von Autoimmunkrankheiten, zum Beispiel das entzündliche Rheuma oder Multiple Sklerose, eine Krankheit der Hirnzellen. Dabei passiert etwas, das eigentlich nicht eintreten sollte: Die Immunzellen greifen die Zellen des eigenen Körpers an. Die Medizin kann dann nur helfen, indem sie das Immunsystem zumindest teilweise unterdrückt.

ONETZ: Durch den Kampf gegen das Coronavirus sind andere Bedrohungen in den Hintergrund geraten: Klimawandel, Artensterben, Ressourcenvergeudung. Hat die Menschheit überhaupt noch eine Zukunft?

Marianne Koch: Gute Frage. Ich bin aber doch optimistisch und denke, dass wir die Chance haben, die Corona-Pandemie im nächsten Jahr besiegen zu können. Und dass dann diese unendlich wichtigen Themen wieder die ganze Aufmerksamkeit und das intensive Engagement der Menschen, vor allem der jungen, bekommen werden.

Ernährungstipps zur Stärkung des Immunsystems

Neusorg

ONETZ: In den 1950er- und 1960er-Jahren waren Sie eine der beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands mit einer beginnenden internationalen Karriere. Sie sind dann aber ins Medizin-Studium zurückgekehrt. Haben Sie je mit dieser Entscheidung gehadert?

Marianne Koch: Im Gegenteil. Ich wusste die ganzen Jahre meiner Filmzeit, dass ich wieder zu meinem eigentlichen Beruf, der Medizin, zurückkehren würde. Ich habe höchstens bedauert, dass ich es nicht schon ein paar Jahre früher tat.

Zur Person:

Die Ärztin und Autorin Marianne Koch

Dr. med. Marianne Koch, am 19. August 1931 in München geboren, gab ihre Filmkarriere für die Tätigkeit als Internistin auf. Zwischen 1950 und 1970 spielte Koch in rund siebzig Filmen, darunter internationale Produktionen wie "Das unischtbare Netz" mit Gregory Peck und "Für eine Handvoll Dollar" an der Seite von Clint Eastwood. Neben ihrer Arbeit als Ärztin war sie journalistisch tätig, etwa als TV- und Rundfunk-Moderatorin sowie als populärwissenschaftliche Autorin. Sie lebt in Tutzing am Starnberger See.

Dr. Marianne Koch: „Unser erstaunliches Immunsystem: Wie es uns schützt, wie es uns heilt – und wie wir es jeden Tag stärken können“, gebunden, 208 Seiten, dtv, 20 Euro

Marianne Koch: „Unser erstaunliches Immunsystem.“ dtv, 20 Euro
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.