18.10.2019 - 14:40 Uhr
MitterteichDeutschland & Welt

Mit 93 auf der Buchmesse

Einst hieß Annelee Woodstrom schlicht Anneliese Sölch. Das blonde, deutsche Mädchen war der Traum der "Amis" in der Nachkriegszeit. Ein solcher wurde dann auch Annelees Ehemann. Wie sie sich verliebten, das steht in ihrem Buch.

Autorin Annelee Woodstrom und der Übersetzer ihres Buches, Reiner Summer, kontrollieren ein letztes Mal die beiden Versionen. Nun muss alles seine Richtigkeit haben, denn die deutsche Version ist gedruckt und am 18. und 19. Oktober gehen die beiden damit auf die Frankfurter Buchmesse.
von Ulla Britta BaumerProfil

Bei Reiner und Pamela Summer ist Sonntagnachmittagskaffee angesagt. Der Tisch ist fein gedeckt, selbst gebackener Rotweinkuchen duftet. Am Tisch sitzt dem Englischlehrer eine kleine, alte Dame gegenüber. Sehr gepflegt mit rotlackierten Fingernägeln und modernem Haarschnitt sieht man Anneliese Sölch ihr biblisches Alter von 93 Jahren nicht an. Anneliese Sölch ist auch nicht mehr die, die sie einmal war. Heute nennt sie sich „Annelee Woodstorm“ mit Wohnort Minnesota in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Dorthin ist die blonde Deutsche, Anneliese, im zarten Jungmädchenalter von 19 Jahren nach dem Krieg ausgewandert, wegen eines „Amis“. Sie hat sich diesen „Ami“, in dem sie sich im Nachkriegsjahr 1945 in Mitterteich verliebt hat, eingebildet. Wenige Monate, nachdem Kenny zurück in die Staaten musste, ist sie ihm nachgereist und hat ihn geheiratet. Reiner Summer ist mit 45 Jahren zu jung für solche Geschichten. Jetzt weiß er alles, was in Mitterteich im Nachkriegsjahr geschah. Das hat er der ihm bis vor kurzem noch unbekannten Annelee Woodstrom alias Anneliese Sölch von der gleichnamigen Bäckerei Sölch zu verdanken. Summer hat Woodstroms im Jahr 2003 erschienenes Buch „Wachild“ übersetzt.

„Es war bei der Premiere von Jedermann im Kettelerhaus Tirschenreuth“, erzählt Summer, warum es ihn getroffen hat die Memoiren eines Nachkriegsmädels ins Deutsche zu übersetzen. Er sei mit Susanne Müller, der Großnichte von Annelee Woodstorm, ins Gespräch gekommen. Susanne Müller habe ihn gefragt, ob er es sich zutrauen würde, das Buch ihrer amerikanischen Großtante zu übersetzen. „Da habe ich zugesagt. Das hat mich wirklich gereizt“, so Summer. Nun mangelt es den Englisch- und Deutschlehrer an der Realschule im Stiftland in Waldsassen gewiss nicht an Sprachkenntnissen für eine solche Aufgabe. Dennoch ist es etwas anderes, einen Tatsachenroman zu übersetzen.

Im Herbst 2017 machte sich Summer ans Werk. Annelee Woodstorm hat er bisher nicht kennengelernt und das sollte lange so bleiben. Bald jedoch kannte er sie und ihre Geschichte, als sei sie seine eigene. Derart vertiefte sich Summer ins Übersetzen. „Was wir besprechen mussten, lief über Telefonate und per E-Mail ab“, erzählt Summer, wie die Fernbeziehung zur netten, alten Dame sich intensivierte. Nach Probeübersetzungen einiger Kapitel der Originalversion des Buches „Kriegskind – Meine Jugend im Hitlerdeutschland. Aber muss es denn ein Ami sein?“ war Annelee Woodstrom einverstanden. Summers Abende gestalteten sich sieben Tage die Woche am Schreibtisch mit Übersetzen, während seine Frau Pamela ihm den Rücken freihielt. „Es war mehr Arbeit als gedacht. Vor allem als der Zeitdruck kam“, erzählt Summer. Hatte er zuerst „alle Zeit der Welt“, hieß es Weihnachten 2018 plötzlich, ob er bis Oktober 2019 fertig sei. Annelee Woodstrom sei zur Buchmesse nach Frankfurt eingeladen, wo sie an einem eigenen Stand aus ihrem Buch vorlesen könne. Vermittelt durch ihren Sohn Roy hat es die kleine Dame tatsächlich auf Anhieb in die Buchmesse geschafft. Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein und Reiner Summer legte einen Zahn zu. Zumal er als Zusatzaufgabe das Layout, das Cover und die Suche nach einer Druckerei übernehmen sollte. Mit Henriette Aichinger aus Leipzig fand er eine Designerin für ein modernes Cover.

Annelee Woodstrom, die an besagtem Sonntag nun endlich persönlich an Summers Tisch sitzt, schwärmt von Reiners (die beiden sind beim freundschaftlichen Du angekommen) Arbeit. Er habe es bestens verstanden, die Emotionen der Nachkriegsgeneration aus ihren Zeilen ins Deutsche zu übertragen. „Du hast Gefühle rein gebracht“, lobt die Autorin ihren Übersetzer. Summer schmunzelt, es liegt sein Herzblut in dieser Arbeit. „Je mehr ich mich in die Geschichte von Anneliese vertiefte, umso mehr fühlte ich mich, als sei ich selbst dabei gewesen“, sagt er. Summer hat sich durch 232 Originalseiten geackert. 277 Seiten in deutscher Version sind entstanden.

Die Mehrseiten sind einer umfangreiche Bebilderung in der Deutschausgabe gewidmet. Nach getaner Arbeit schauen Annelee Woodstrom und Reiner Summer vor stolz und ein wenig müde von der Arbeit auf die beiden nebeneinander liegenden Bücher. Die Aufregung ist nicht vorbei, denn die Einladung zu einem öffentlichen Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse gleicht einem Ritterschlag. Summer wird die alte Dame begleiten und auf der Buchmesse die Moderation übernehmen. Und der Englischlehrer, der auch Theater spielt, hat bereits weitere Visionen. „Wenn das ein Hollywoodfilm wird, will ich auch eine Rolle“, sagt er schmunzelnd zu Annelee Woodstrom alias Anneliese Sölch.

Annelee Woodstrom ist eine sehr aufgeweckte, alte Dame, die mit ihrer Geschichte an die Nachkriegszeit erinnern möchte. Sie freut sich sehr auf ihren Auftritt auf der Buchmesse in Frankfurt, wo sie auch von ihrem Sohn Roy Woodstrom und dessen Frau Linda begleitet wird.
Info:

Hintergrund

Anneliese Sölch war erst 20 Jahre alt, als sie 1947 in die USA auswanderte. Sie sprach nur fünf Wörter Englisch, ihr Freund Kenny, den sie im April 1947 heiratete, sprach kein Wort Deutsch. 71 Jahre schon lebt das blonde, deutsche Mädchen, das sich nicht als einzige in einen „Ami“ verliebt hat in der Nachkriegszeit, in Minnesota.

Über 50 Jahre lang war sie mit dem Mann verheiratet, den sie 1945 in Mitterteich kennenlernte. Annelee Woodstrom, wie sie seither heißt, hat nichts vergessen aus diesen Jahren der Entbehrungen, Ängste und Sorgen, als die Amerikaner das Stiftland besetzten. 17 dieser für die Oberpfälzer nahezu unheimlichen Soldaten aus Amerika wurden nahe ihrem Elternhaus einquartiert. Einer davon war Kenny.

Annelee Woodstrom erzählt, dass ihre Mutter sie und ihre ebenso blonde Schwester versteckt hat aus Angst, die Amis könnten die Töchter entdecken. Ihr Bruder Max habe sie verraten – für Kaugummi, Kekse, Cola, Schokolade und Zigaretten. Das waren die Belohnungen der Amis an die „folgsamen“ Deutschen, die sich bis heute ins Gedächtnis der ausgehungerten Nachkriegsgeneration gebrannt haben. Den Mädchen ist nichts passiert, Kenny hat auf sie aufgepasst.

Annelee Woodstrom erzählt auch von ihrem Onkel Pepp, der eine große Rolle in ihrem Buch spielt. Er habe ihr den „Ami“ ausreden wollen, sei ihr deshalb richtig böse gewesen. Ihm, dem Bäcker, habe sie die Stirn geboten immer wieder, als er andere als die eigene Familie bevorzugte bei der Brotausgabe. Weil der Tauschhandel alles bestimmte. Kenny sei ihr im Gefangenenlager begegnet, wo er ihr beim Verteilen von Essen half, sagt sie. Heute steht, wo nach Kriegsende 1945 deutsche Gefangene schrecklich hungerten, das Mitterteicher Sportheim. Sie und ihre Schwester habe den Häftlingen Brei gebracht. „Wir haben Essenreste mit Wasser zu einem Brei gemischt. Mehr hatten wir nicht“, erzählt Annelee Woodstrom. Und sie erzählt vom Erhängten, der an einem Baum am Marktplatz im Wind schaukelte. Sie habe sich geweigert, daran vorbeizugehen.

Als ihr Mann gestorben sei im Jahr 1998 habe sie sich entschieden, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Der gebürtigen Mitterteicherin, die ihren Traumberuf „Lehrerin“ Jahre später in ihrer Wahlheimat Amerika verwirklichte, ist es wichtig, der amerikanischen Jugend die Zeit nahezubringen, als deren Großväter in Europa den Zweite Weltkrieg mit beendet haben. Diese Kinder wüssten nichts mehr von all dem, sagt sie.

Annelee Woodstrom liest in Schulen aus ihrem Buch vor und hält Vorträge. In Mitterteich stellt sie ihre Deutschversion am 21. Oktober im Mehrgenerationenhaus vor. Ihren Auftritt auf der Buchmesse hat sie am 18. und 19. Oktober. Annelee und Kenny Woodstrom lebten in Ada in Minnestota und bekam zwei Kinder, Roy und Sandra. 1990 gewann Annelee Woodstrom den Northlight Award in der Kategorie „Essay“ für einen Auszug aus ihren Memoiren.

Mitterteich im Jahr 1935 ist nur eines der Motive im Buch.
Info:

Service

Das Buch „Kriegskind. Meine Jugend im Hitlerdeutschland. Aber muss es denn ein Ami sein?“ ist in einer Auflage von 3000 Exemplaren in der englischen Originalversion in Minnesota erschienen. Von der deutschen Übersetzung gibt es 1000 Stück. Es ist großformatig und hat 277 Seiten. Erhältlich ist es über die ISBN-Nummer 9 783000 635380 oder bei der Stadt Mitterteich, im Buchhandel sowie im Internet für 14,90 Euro.

Für die deutsche Version (li.) hat sich Reiner Summer ein modernes Cover ausgesucht, das sehr ansprechend die Themaik in vielerlei Hinsicht andeutet. Die Originalversion ist 2003 in Amerika erschienen.
Die Bäckerei Sölch gibt es heute immer noch in Mitterteich. Heute betreibt sie der Großneffe von Annelee Woodstrom, Stefan Sölch.
Anneliese (re. hinten) mit ihrer Familie, bevor ihr Vater (re. vorne) in den Krieg mussste.
Anneliese und ihre Schwester Resi (v. li.)
Annelieses Ehemann Kenny als Soldat, wie er in Deutschland war.
Hochzeitsfoto von Annelee und Kenny Woodstrom. im April 1947-
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