08.11.2018 - 14:25 Uhr
MitterteichDeutschland & Welt

Grenzenloses Auto der Zukunft

Das Auto der Zukunft wird eine halbe Stunde östlich von Waldsassen entwickelt. 200 Millionen Euro investiert BMW in ein Zentrum für autonome E-Mobilität. Einige Ingenieure könnten schon bald in Grenznähe wohnen.

Bürgermeister Roland Grillmeier sieht die Chancen an der bayerisch-böhmischen-Grenze.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ein erster Schritt zur Wirtschaftsregion "böhmische Pfalz": Es ist weit mehr als die fixe Idee von zwei Bürgermeistern, die auf den High-Tech-Zug nach Sokolov aufspringen wollen. Tatsächlich ließ der bayerische Automobilkonzern eigens eine Studie in Auftrag geben, die eruiert, wo gehobenes Wohnen auf Oberpfälzer Seite möglich ist. "Wenn sich nur 10 bis 20 Familien bei uns niederlassen wollen, müssten wir im Moment passen", erklärt Waldsassens Rathauschef Bernd Sommer. "Wir müssen schon jetzt handeln."

Nur so könne man zum Start der Anlage "Anfang des kommenden Jahrzehnts", wie BMW-Sprecherin Saskia Essbauer mitteilt, Baugebiete und Eigentumswohnungen in petto halten. "Grundstücke an der Pfaffenreuther Straße bei der ehemaligen Brauerei sind vorhanden" sagt Sommer, "wir können die Vorplanungen in Angriff nehmen." Sobald das Signal aus München ertöne, sei man "in 12 Monaten soweit". Das gleiche gelte für benötigte Kindergartenplätze: "Auch hier gelten die 12 Monate."

Sommer ist sich sicher, dass das Wohnangebot für das gehobene Techniker-Klientel attraktiv ist: "Wir haben eine gute Infrastruktur, kulturelle Angebote, Einkaufsmöglichkeiten und je nach Planungsvariante mit rund 2500 Euro pro Quadratmeter im Vergleich mit Großstädten günstige Preise." Eine halbe Stunde Fahrtzeit wird einen Münchener kaum abschrecken. "Wir entwickeln die Baugebiete ohnehin", hat der Bürgermeister auch einen Plan B. "Wenn niemand von BMW kommt, dauert's halt etwas länger."

So wird die Teststrecke in Sokolov aussehen.

Mitterteich zieht nach

Auch Roland Grillmeier ist elektrisiert von den Chancen, die die E-Mobilität Mitterteich bescheren könnte. Der CSU-Bürgermeister ist ebenfalls fleißig am Sondieren, wo sich seine Zoigl-Stadt weiterentwickeln lässt. "Wir haben bewusst neue Bauplätze ausgewiesen", sagt der Landratskandidat der CSU, "nicht wegen BMW allein, auch in Eger sind neue Ansiedlungen geplant." Noch seien 50 Bauplätze zu haben, 30 an der B15, und 20 in Pleußen.

Natürlich hätte der Unternehmensstandort erst einmal Heimvorteil, zumal man auch in Tschechien nicht schlafe: "Die Stadt Cheb etwa entwickelt gerade ein sehr ansehnliches Wohnprojekt", lobt Grillmeier, "geplant sind 120 Einzel- oder Doppelhäuser mit einer kubistischen Anmutung." Dennoch, verstecken muss sich Mitterteich, das zusammen mit Cheb ein grenzübergreifendes Oberzentrum forcieren möchte, nicht: "In puncto Lebensqualität dürften wir bei Ingenieuren, die aus ganz Europa kommen könnten, die Nase vorne haben." Dazu komme mit der dualen Ausbildung im Handwerk, der Berufsschule Wiesau und der OTH eine ausgezeichnete Grundlage für den Fachkräftenachwuchs.

Die Region habe aus dem schmerzhaften Strukturwandel gelernt, findet Sommer. Man dürfe sich nicht wie einst auf nur eine Branche verlassen. "Wir müssen uns gedanklich auf die E-Mobilität und das automatisierte Fahren einstellen." An dem Leuchtturmprojekt hingen weitere technische Innovationen, mit der die Region punkten könne: "Man muss sich von zentralen Serverstationen lösen", sagt Sommer, "das ist eine Chance für dezentrale Lösungen, weil die Datenmengen sonst nicht zu bewältigen sind."

Man könne erstmals mit der Region Karlsbad zusammen einen Entwicklungsprozess für eine neue Technologie anstoßen. "Das ist ein kleiner Lottotreffer auch für uns", verdeutlicht der Waldsassener Rathauschef, "stellen Sie sich vor, Apple hätte vor 30 Jahren einen Standort gesucht, und man hätte sich nicht darum bemüht - man hätte sich später in den Hintern gebissen."

Autonomer BMW auf Goldener Straße:

Da war doch mal was: Ein deutscher Kaiser mit Luxemburger Vater und tschechischer Mutter entwickelt den Handel zwischen Prag und Nürnberg durch den Ausbau einer Handelsstraße. Goldene Straße nennen wir sie heute, weil sie zum Wohlstand der an ihr liegenden Städte beitrug. Neuböhmen nannte Kaiser Karl IV,. die neu erworbenen Gebiete zwischen Waidhaus und Sulzbach zur Sicherung des Warenaustausches.

Es ist ein Zeichen von Weitsicht, wenn heute Oberpfälzer Bürgermeister nicht darüber jammern, dass BMW eine Standortentscheidung zugunsten von Sokolov getroffen hat, sondern sich überlegen: Wie können wir das auch für uns nutzen? In einer Ära nationalistischer Abgrenzung und aufkeimender Handelskriege ein vernünftiges Signal. Ein Innovationszentrum dieser Größe ist tatsächlich auch eine Chance für den Hochschul-und Mittelstand-Standort nördliche Oberpfalz.

Sokolovs Bürgermeister Jan Picka im Interview: „Restrukturierung eines Kohlereviers“

Sokolovs Bürgermeister Jan Picka.

Für Jan Picka ist die Investition in die Region ein Glücksfall. Sokolovs sozialdemokratischer Bürgermeister antwortete deshalb sogar aus dem Urlaub auf unsere Anfrage.

ONETZ: Herr Bürgermeister, BMW baut in Sokolov am Gelände eines Bergwerkunternehmens ein neues Testgelände für autonomes Fahren – eine Chance für den Strukturwandel in Ihrer Region?

Jan Picka: Für die Stadt ist dieses Projekt extrem wichtig. Wir profitieren durch attraktive neue Arbeitsplätze, wir rechnen mit positiven Effekten auf alle Lebensbereiche, von den Schulen angefangen über das gesamte soziale Lebens bis zu den allgemeinen Wirtschaftsindikatoren der Region. Gut ausgebildete junge Menschen können künftig nach ihrem Hochschul-Abschluss zu uns zurückkehren.

ONETZ: Welche Kriterien haben Ihrer Meinung nach die Entscheidung von BMW beeinflusst? Was haben Sie zu bieten, was die 80 Mitbewerber nicht hatten?

Ich glaube, dass sich BMW in Sokolov strategisch positioniert. Zudem dürfte es sicher eine Rolle gespielt haben, dass man nur mit einem Eigentümer, der Sokolovská uhelná, verhandeln musste – bei Großprojekten sind ja nicht selten mehrere Grundstücksbesitzer tangiert. Positiv ist auch, dass man ein ehemaliges Kohlerevier restrukturiert, anstatt wertvolles Ackerland zu verbrauchen. Und nicht zuletzt glaube ich auch, dass die konstruktive Begleitung durch die Gemeinden und Städte, die an die zukünftige Teststrecke angrenzen, eine Rolle gespielt hat.

ONETZ: Wie viel kommt der Region von den 200 Millionen Euro Investitionskosten zugute?

Das ist natürlich eine große Summe für die Region. Ich denke, dass viele unserer Unternehmen nicht nur am Bau selbst, sondern auch an späteren Betriebsinvestitionen, Erweiterungen oder Sanierungen beteiligt werden. Auch das wird das wirtschaftliche Niveau unserer Region anheben.

ONETZ: Können Sie den Fachkräftebedarf decken oder kommen in großem Umfang auch ausländische Arbeitskräfte zum Einsatz?

Zu Beginn wird BMW mit qualifizierten Spezialisten aus Deutschland oder anderen Standorten in der Tschechischen Republik beginnen. Aber ich bin davon überzeugt, dass nach und nach Experten aus unserer Region nachziehen werden. Schon jetzt gibt es technische Hochschulen, die geeignete Fachleute ausbilden.

ONETZ: Wie würden sie die Wohnsituation in und um Sokolov beschreiben – Bürgermeister in der Oberpfalz sind mit BMW in Kontakt und bieten sich als grenznahe Wohnorte an?

Ich bin ich überzeugt, dass wir auch dafür gute Lösungen finden. Der Grundstückseigentümer Sokolov Kohle stellt Land für den Bau von Häusern zur Verfügung, die zusätzlich dem Wohnungsmarkt zugute kommen. Daneben gibt es Kapazitäten in umliegenden Städten wie Brezová, Loket/Elbogen oder Chodov. Auch die Kurstadt Karlovy Vary/Karlsbad ist nur 20 Kilometer entfernt.

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