31.05.2018 - 18:06 Uhr
MitterteichDeutschland & Welt

Wenn die Kasse knausert

Ludwig Scharnagl und die AOK - eine schwierige Beziehung. Der Mitterteicher streitet mit der Krankenkasse um ihm zustehende Leistungen. Und für den Rentner geht es um noch mehr.

Ludwig Scharnagl will nicht klein beigeben.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

(wüw) Der Kontakt zu seiner Krankenkasse ist für Ludwig Scharnagl das beste Blutdruckmittel: Wenn es um die AOK geht, muss sich der Mitterteicher aufregen. Längst geht es dem 64-Jährigen nicht mehr nur ums Geld. Der Betonbauer im Ruhestand ist überzeugt: Kassen kalkulieren damit, dass Mitglieder auf Leistungen verzichten, wenn man sie ihnen nur lange genug vorenthält. "Es geht um kranke Menschen, denen fehlt oft die Kraft, sich mit ihrer Kasse zu streiten", sagt Scharnagl.

Er dagegen hat Kraft und auch Zeit genug. "Ich wäre auf das Geld nicht eimal angewiesen, meine Rente ist recht gut", erklärt er "Das Geld" sind rund 1000 Euro. Es geht um Stromkosten für therapeutische Geräte. Seine Frau Ursula Scharnagl leidet an COPD. Wegen dieser "Raucherlunge" ist sie 24 Stunden am Tag auf ein Sauerstoffgerät angewiesen. Die Stromkosten betragen rund 750 Euro pro Jahr. Ludwig Scharnagl benötigt wegen einer Schlafapnoe ein Gerät. Dafür fallen rund 80 Euro im Jahr an.

Dass die Kasse dafür aufkommen muss, ist unbestritten. Gesagt hat es den Scharnagls dennoch niemand. "Wenn wir nicht bei der Kur einen Vortrag über Patientenrechte besucht hätten, wüssten wir es nicht." Schon das ärgert ihn. "Es sollte Pflicht sein, Mitglieder über ihre Ansprüche zu informieren." Noch wichtiger wäre, dass Kassen die Leistungen dann auch bezahlen. Das will die AOK bislang nur zum Teil. 249 Euro überwies sie zunächst für Ursula. Als Scharnagl nachhakte, gab es eine Nachbesserung auf insgesamt 522 Euro. Wie die Beträge berechnet werden, wollte die AOK nicht erklären. Erst als der DGB-Rechtsschutz den Fall übernahm, rückte die AOK heraus: 21 Cent pro Kilowattstunde setzt die Versicherung an. Der "jeweils günstigsten regionale Stromanbieter" sei dafür die Messlatte, erklärt die AOK auf Oberpfalz-Medien-Nachfrage.

Nur Lockangebote

"Diesen Stromanbieter möchte ich sehen", sagt Scharnagl, der sich genau mit den Anbietern auseinandergesetzt hat. Bei seriösen Angeboten müsse man mindestens mit 27 Cent rechnen. Bei günstigeren handele es sich praktisch immer um Lockangebote: Der Strompreis ist im ersten Jahr günstig und steigt dann. Oft handle es sich um kleinere Anbieter, von denen man häufiger hört, dass sie Insolvenz anmelden, meist zum Schaden ihrer Kunden. "Ich finde es unverschämt, dass man von kranken Menschen erwartet, ständig den Strommarkt zu beobachten und mit zweifelhaften Anbietern Verträge abschließen, nur damit die Kasse ein paar Euro spart." Aus seiner Sicht ist zudem längst geklärt, dass Patienten eben dies nicht müssen. Das Bundessozialgericht hat 1997 entschieden, dass Kassen die tatsächlichen Kosten tragen müssen. Scharnagl geht trotz dieses Grundsatzurteils davon aus, dass auch sein Fall vor Gericht entschieden wird. "Man muss sich nicht wundern, dass unsere Gerichte überlastet sind."

Auch Bernd Steinkirchner wundert sich nicht, als er von den Fall hört. Der Geschäftsführer des VdK im Landkreis Schwandorf beobachtet gerade in jüngeren Jahren, dass Patienten stärker um ihr Recht kämpfen müssen. "Das betrifft nicht nur Krankenkassen", sagt der Experte. Alle Beteiligten müssen sehen, wo sie bleiben. Darauf zu spekulieren, dass sich Kunden durch eine Ablehnung entmutigen lassen, lohne sich - nicht nur für Krankenkassen. Dass Patienten immer häufiger mit Widerstand zu kämpfen haben, zeigt auch die Zahl der Widersprüche gegen Kassenentscheidungen. Von 2010 bis 2015 stieg der Wert von rund 208 000 auf über 256 000. Ein Plus von rund 23 Prozent. Die AOK ließ entsprechende Anfragen unbeantwortet.

Wechsel ausgeschlossen

Bei Ludwig Scharnagl hilft der Kasse das Stillhalten nicht. Er möchte Betroffene über ihre Rechte informieren und Politiker bewegen, diese "Systemfehler" anzugehen. Deshalb hat er sich an beinahe alle Landes- und Bundespolitiker der Region gewandt, bisher mit überschaubarem Erfolg. "Das sind doch die Themen, die die Menschen der AfD in die Arme treibt", wundert sich der Rentner über die Zurückhaltung. Der Mann macht sich Gedanken - nur an etwas scheinbar nahe liegendes denkt er nicht: den Wechsel zu einer besseren Kasse. "Das ist doch, was die AOK will", sagt Scharnagl. "Als wir gesund waren und Beiträge bezahlt haben, waren wir der AOK recht. Jetzt muss sie auch mit uns leben, wenn wir krank sind und Geld kosten."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Franz Wölfl

"Man muss sich nicht wundern, dass unsere Gerichte überlastet sind." Wegen 310 Euro durch die Instanzen, obwohl man "auf das Geld nicht angewiesen ist". Früher nannte man das einen Prozesshansl.

01.06.2018