19.06.2020 - 18:53 Uhr
MoosbachDeutschland & Welt

Unfalldrama mit Happy End: Erster Wildkatzen-Nachweis im Kreis Neustadt/WN

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Die Anspannung ist Tierarzt Dr. Hubert Reindl aus Moosbach anzusehen. Nach über drei Monaten darf er einen seiner Patienten zurück in die Wildnis entlassen. Zurück in die Wildnis? Die Rede ist von Wildkatzenkater "Kuder".

Dass es Wildkatzen in der nordöstlichen Oberpfalz gibt, haben Experten schon lange vermutet, Wildkatzenkater "Kuder" ist der Beweis.
von Katrin Pasieka-Zapf Kontakt Profil

Kuder kommt frei: Nach drei Monaten darf die verletzte Wildkatze zurück in die Natur

Die letzten Monate werden Tierarzt Dr. Hubert Reindl und seine Mitarbeiter nicht so schnell vergessen. Wer hätte gedacht, dass es sich bei einem Notfallpatienten nicht um eine Hauskatze, sondern um einen waschechten Wildkatzenkater handelt? Nach über drei Monaten wurde der „Kuder“ nun in die Freiheit entlassen. Die gerettete Wildkatze sorgt für Wirbel und viel Interesse, denn es handelt sich um den ersten Nachweis einer Wildkatze im Landkreis Neustadt an der Waldnaab.

So gut die Geschichte endet, so schlecht stand es um den grau-cremegelben Kater, als Spaziergänger ihn Mitte März an der Bundesstraße 22 fanden. Beim Zusammenprall mit einem Auto verletzte er sich so schwer, dass er sich nur noch an den Straßenrand schleppen konnte. Wildkatzen sind extrem scheu und meiden den Kontakt mit Menschen. Das mussten auch die „Ersthelfer“ feststellen. Eine zufällig vorbeifahrende Polizeistreife regelte den Verkehr an der stark befahrenen Straße, während die Tierarzthelferinnen den Kater mühsam einfingen. Trotz Verletzung wollte der das Weite suchen.

Hüfte mit sechs Schrauben fixiert

Dass ihm das nicht gelang, war ein Glücksfall für „Kuder“. Denn so kam er zu Hubert Reindl. Der ist seit 26 Jahren Tierarzt in Moosbach. Als der Kater in seiner Praxis im Gewerbegebiet von Moosbach „eingeliefert“ wird, führt er Untersuchungen durch und macht Röntgenbilder. „Schnell stand fest, dass wir operieren müssen“ erzählt Reindl. Ohne den Eingriff hätte es das wohl rund einjährige Tier nicht geschafft. Durch den harten Aufprall war das Becken zertrümmert. Mit einer Platte und sechs Schrauben wurde die Dammbeinsäule fixiert. „Die Operation lief gut und nicht anders wie bei einer Hauskatze“, sagt er und schmunzelt. „Katze ist eben Katze.“

Und tatsächlich: Während der Operation dachten alle beteiligten auch noch, dass sie eine Hauskatze behandeln. Um deren Besitzer zu finden, wurden Bilder im Internet hochgeladen. Eine leise Vermutung, dass es sich bei seinem Patienten um eine Wildkatze handeln könnte, hatte der langjährige Jäger bereits. Durch den Aufruf wurden auch Förster Stefan Bösl und Ingeborg Rossmann von der Unteren Naturschutzbehörde aufmerksam. Der buschige Schwanz mit seinen schwarzen Ringen, der helle Kehlfleck, das getigerte Fell und das wilde, scheue Wesen, ließen die Experten sicher sein: Das ist eine Wildkatze. Nicht irgendeine, sondern „die erste nachgewiesene Wildkatze im Landkreis“, berichtet Rossmann stolz. Um wirklich absolute Gewissheit zu erlangen, läuft aber noch eine Analyse der Haare des Tieres.

Kainzbachtal als neue Heimat

Nach Monaten der Genesung und zahlreichen Mäusen ist der „Kuder“ nun wieder so fit, dass er in den Wald zurück kann. „Es freut mich sehr, dass er wieder raus darf, er gehört einfach nicht in einen Käfig“, sagt Reindl erleichtert. Wildkatzen werden niemals zahm, auch wenn sie mit einer Flasche aufgezogen werden bleiben sie scheu und lassen sich nicht anfassen. Für den großen Tag sind auch Bösl und Rossmann nach Moosbach gekommen.

Von dem Trubel um seine Person genervt, faucht der Kater aus der Zwingerecke. Mit einem Blasrohr betäubt Reindl den Kater. Zehn Minuten später legt ihn Reindl in den Transportkäfig. Jetzt muss es schnell gehen. Das neue Leben des Katers soll im Kainzbachtal, einem Wald bei Tännesberg beginnen.

Besorgt ist der Tierarzt, als er den Käfig aus dem Auto hebt. Der „Kuder“ ist bereits munter und ziemlich aufgeregt. „Zu viel Aufregung kann für Katzen auch tödlich sein“, erklärt Reindl.

Eine Träne zum Abschied

Auf einer kleinen Lichtung soll die Auswilderung stattfinden. „Ein Mischwald bietet optimale Bedingungen für viele Wildtiere“, erklärt Bösl, während Reindl den Käfig behutsam auf dem Waldboden abstellt. Dann der Moment, auf den alle die letzten Tage hingefiebert haben: Während „Kuder“ laut faucht, öffnet der Tierarzt vorsichtig den Käfigdeckel. Alle Beteiligten halten den Atem an, es wird still im Wald. Wider allen Erwartungen sprintet die Wildkatze nicht sofort los, sondern bleibt im Käfig sitzen. Reindl nähert sich und kippt die Box auf die Seite und dann, sprintet „Kuder“ los. Zwanzig Meter geradeaus, dann nach rechts in den Wald. Die Erleichterung ist allen Beteiligten anzusehen.

Zum Abschied läuft die Wildkatze noch einmal über den Weg und präsentiert sich ein letztes Mal, bevor sie im grünen Dickicht verschwindet. „Ich bin zu Tränen gerührt“, sagt Reindl und wischt sich über die Augen. Wildkatzen sind relativ standorttreu. Bleibt zu hoffen, dass „Kuder“ im Tännesberger Wald eine Partnerin findet – laufen kann er ja jetzt wieder.

Info:

Die Wildkatze in Bayern

Nach und nach erobert die Europäische Wildkatze (lat. „Felis silvestris“) ihre alten Lebensräume in Bayern zurück. Bei der Wildkatze handelt es sich aber nicht um verwilderte Hauskatzen. Während unsere heutigen Katzen von den afrikanischen Falbkatzen abstammen, ist die Wildkatze eine eigenständige Tierart. Die Verwandtschaft zu unseren Katzen ist aber sehr eng.

Die Wildkatze kommt vor allem in Nordbayern in geeigneten Wäldern vor. Dafür „geeigneter“ sind laut Förster Stefan Bösl auch die Wälder in der Oberpfalz. Ein naturnaher Wald bietet optimale Voraussetzungen für Wildtiere jeglicher Art. Totholz, Biotopräume und Altholzinseln tragen zu einer großen Biodiversität bei.

Auskunft über die Verbreitung des auch als Wildkatze bekannten Tieres gibt der Bund Naturschutz. Die aktuellen Zahlen machen Hoffnung. Geschätzt 700 Wildkatzen leben derzeit in Bayern. Ein guter Wert, wenn man bedenkt, dass die Wildkatze in Deutschland so gut wie ausgerottet war. Auch in weiten Teilen Europas machten die Menschen erbittert Jagd auf den harmlosen Mäusejäger.

Zudem werden potenzielle Lebensräume regelmäßig ermittelt. Unsere heimischen Wälder könnten demnach zum Lebensraum dieser Wildtiere werden und stehen bereits jetzt als „Streifgebiet“ fest. Um den sehr scheuen Tieren auf die Schliche zu kommen, stellen Naturschützer Baldrianpfosten im Wald auf. Wildkatzen lieben den Duft dieser Pflanze und reiben sich an den Pfählen. Zurück bleiben Haare, die genetisch überprüft und archiviert werden.

Von der Hauskatze lässt sich die Wildkatze durch langes Kopfhaar, einer fleischfarbenen Nase und einen sehr buschigen Schwanz, der über 50 Prozent der Körperlänge ausmacht, unterscheiden. Jäger bezeichnen männliche Luchse und Wildkatzen als „Kuder“. Daher stammt auch der Spitzname der Moosbacher Wildkatze

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