Moosbach
05.03.2019 - 20:06 Uhr

Der Wolf: Zwischen "Freiheit" und Problemfall

CSU, Freie Wähler und FDP stellen den Schutzstatus des Wolfs in Frage. Rinderzüchterin Erika Sauer und FDP-Abgeordneter Christoph Skutella erklären, weshalb das richtig ist – und nicht das Ende für den Wolf in Bayern bedeuten muss.

Der Wolf (Symbolbild) sei bei den Bürgern im Landkreis noch kein großes Thema. Das kann sich bald ändern. Bild: picture alliance/Alexander Heinl/dpa
Der Wolf (Symbolbild) sei bei den Bürgern im Landkreis noch kein großes Thema. Das kann sich bald ändern.

Vergangene Woche war Erika Sauer im Landwirtschaftsausschuss des Landtags bei der Diskussion um den "Wolf in Bayern", heute kritisiert sie den Auftritt von SPD und Grünen dort - aber auch die Berichterstattung mancher Medien. "Wir wollen nicht den Wolf ausrotten, wir wollen Rechtssicherheit", sagt die Mosbacher Rinderzüchterin und Landesvorsitzende des Fleischrinderverbands. Sie stört der Versuch, Nähe zwischen Wolfskritikern und AfD zu konstruieren.

Vor allem einer der beiden AfD-Vertreter im Ausschuss habe "nur Blödsinn" erzählt, pauschalen Abschuss gefordert. "Wir haben gar nichts gegen Wölfe, so lange sie sich verhalten, wie es uns ihre Verteidiger immer versprechen", sagt Sauer. Die Erfahrung zeige aber, dass nicht alle Wölfe scheu sind, den Menschen und dessen Nutztiere meiden. Hier beginnt die Kritik an Grünen und SPD. Ihnen wirft sie den überzogen romantischen Blick des Städters auf das Problem vor: "Eine Abgeordnete der Grünen hat ernsthaft vorgebracht, der Wolf sei doch das Symbol für Freiheit, das man bitte nicht abschießen darf."

Verständnis hat Christoph Skutella. Der Weidener sitzt für die FDP im Ausschuss. Und auch er sagt, man müsse sich über "Bestandsmanagement beim Wolf" Gedanken machen. Konkret könnte das bedeuten, der Wolf wird künftig vom Jagdrecht erfasst. Bedingung wäre, dass der Schutzstatus des Wolfs auf europäischer Ebene in der sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie um eine Stufe abgestuft wird. "Er wäre dann immer noch ein geschütztes Tier." Einen entsprechenden Antrag hat die FDP im Bundestag eingebracht.

Sauer geht es um jene Wölfe, die Weidetiere als Beute entdeckt haben. Auch Grüne- und SPD-Abgeordnete geben zu, dass man gegen diese Räuber etwas tun muss. "Aber sie haben riesige Schwierigkeiten, Konsequenzen zu benennen", sagt Sauer. Es sei bezeichnend, "dass von 'Entnahme' gesprochen wird, wenn 'Abschuss' gemeint ist". Sauer wünscht sich klare Ansagen: "Was muss ein Wolf tun, um zum Problem zu werden, so dass man ihn auch abschießen darf?"

Im Stich gelassen fühlt sich Sauer auch vom bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU). Es warte zu lange, bis es handelt. Auch in anderer Hinsicht spiele das LfU Probleme herunter: Seit 2013 weist die LfU-Statistik lediglich 21 Wolfsrisse unter Nutztieren in Bayern aus. "Aber schon wenn neben dem Wolf ein anderes Tier wie ein Fuchs vom Kadaver gefressen hat, gilt es nicht mehr als Wolfsriss." Dabei beginnen die Probleme nicht erst beim Riss. Schon die Anwesenheit eines Wolfs in der Umgebung, verstöre Weidetiere. "Es ist nicht schön, mit einem total nervösen Stier umgehen zu müssen."

Angst vor Konsequenzen

Erika Sauer Bild: ck
Erika Sauer

Sauer und Skutella wissen, dass die Lage in Bayern noch entspannt ist. Beide kennen aber auch Zahlen aus Niedersachsen oder Brandenburg. "Die sind zehn Jahre voraus", sagt Sauer. Sie sei eng mit Tierhaltern dort vernetzt. Fast wöchentlich erfahre sie von Zwischenfällen. Auch Skutella glaubt, dass Bayern bald nachzieht. "Wölfe vermehren sich um 30 Prozent pro Jahr." Alle drei Jahre verdoppelt sich demnach die Population.

Sauer wünscht sich klare Vorgaben, bevor brandenburgische Verhältnisse herrschen: "Ein Wolf wird zum Problem, wenn er den Herdenschutz überwindet." Aktuell kann es Monate dauern, bis es Konsequenzen gibt. Zeit, in der die Tiere immer wieder Weiden angehen. "Selbst wenn wir einen Wolf dort erwischen, dürfen wir ihn nicht verletzen", sagt Sauer. Der Aktionsplan Wolf empfehle in dieser Lage "rufen und klatschen". Sauer ärgert das: "Grüne und SPD wollen die bäuerliche Landwirtschaft, andererseits wollen sie Auflagen, die vor allem kleine Höfe gar nicht einhalten können." Bayern könnte von Fehlern anderer lernen, schiebt sie nach. "Aber viele wollen die Fehler lieber selbst machen."

Christoph Skutella Bild: Bild (Munich Sedcard).
Christoph Skutella

1000 Wölfe und 1600 tote Nutztiere

58 Rudel, 2 Paare, 4 territoriale Einzeltiere: So sieht die Bilanz der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) im Jahr 2018 aus. Außerdem sollen 212 Welpen zur Welt gekommen sein. Insgesamt sollen mehr als 1000 Wölfe frei in Deutschland leben.

2017 wies diese Statistik noch 73 Rudel aus. Allerdings ist die DBBW streng: Das Paar, das 2017 im Bayerischen Wald zum ersten Mal seit mehr als 100 Jahren in Bayern Nachwuchs zur Welt brachte, taucht in der Statistik 2018 nicht auf. Der Grund: Es gab keinen Nachweis, dass die Tiere immer noch im hinteren Bayerischen Wald leben. Die meisten Rudel gibt es in Niedersachsen (20) und Brandenburg (17). Für Bayern weist der DBBW das Paar auf dem Übungsplatz Grafenwöhr und das sechs-Tiere-Rudel im Veldensteiner Forst aus.

Mit der Zunahme der Bestände seit 2000 stieg auch die Zahl der Nutztierrisse. 2017 waren es laut DBBW deutschlandweit mehr als 1600 Risse. Pro Übergriff seien 3,6 Tiere gerissen worden, heißt es auf der DBBW-Homepage. Für 2018 gibt es dort noch keine Zahlen. Zu 85,9 Prozent fallen den Wölfen Schafe oder Ziegen zum Opfer, zu 4,8 Prozent Rinder. Zu 9 Prozent erbeuten die Räuber Gatterwild. Wildtiere, die in Gehegen gehalten werden.

Die gestiegenen Fallzahlen haben den Wolf auch in der Bundespolitik zum Thema werden lassen. Umweltministerin Svenja Schulze stellte Pläne vor, den Abschuss zu erleichtern, wenn sie für Landwirte zum Problem werden. Künftig soll der Abschuss erlaubt sein, wenn Wölfe „ernsten“ landwirtschaftlichen Schaden anrichten, etwa, weil sie Schafe reißen. Bisher ist im Naturschutzgesetz von „erheblichen“ Schäden die Rede, was nach Darstellung des Umweltministeriums „existenzbedrohend“ meint.

„Das sind Wölfe, die mehrfach die vorgeschriebenen Schutzzäune überwinden. Diese dürfen künftig entnommen werden“, sagte ein Sprecher der Ministerin. Zudem soll das Füttern der Tiere ausdrücklich verboten werden. Jäger und Viehhalter forderten dagegen, den Wolf aus bestimmten Gebieten fernzuhalten und seine Zahl in anderen Regionen zu beschränken. Aber auch Naturschützer wünschen sich mehr Schutz von Nutztieren. Wölfe sind in Deutschland streng geschützt. Bisher gab es wenige Abschussgenehmigungen für auffällige Tiere.

Der Deutsche Jagdverband forderte ein umfassendes Konzept. Nötig seien „Ausschlussgebiete“ etwa in Städten, in denen Ansiedlung und Fortpflanzung nicht toleriert werden dürften. Naturparke oder Truppenübungsplätze kämen als Wolfsschutzgebiete infrage. Der Großteil Deutschlands wären „Managementzonen“, für die die Länder akzeptable Bestände festlegen müssten.

 
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