Mord zählt nun mal zu den schwersten Straftaten überhaupt

Ein Mann soll seine Großmutter ermordet haben und steht deshalb in Köln vor Gericht. In der Berichterstattung ist von einem "jungen Deutschen" die Rede. Die Nennung der Nationalität verursacht bei einem Leser "Kopfschütteln".

Der Angeklagte hält sich auf dem Weg in den Gerichtsaal einen Aktenordner vor das Gesicht. Dem 22-Jährigen wird der Mord an seiner Oma vorgeworfen. Er soll die 79-Jährige im Juli in Köln getötet haben, weil diese seinen Lebensstil kritisiert und ihn als „faulen Hund“ bezeichnet haben soll.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Der Prozess gegen einen 22-Jährigen findet vor dem Kölner Landgericht statt. Der Anklage zufolge, so hieß es in der von uns veröffentlichen Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa), nahm der Mann seine 79 Jahre alte Großmutter "nach einem Streit von hinten in den Schwitzkasten und würgte sie bis zur Bewusstlosigkeit. Dann soll er ein Küchenmesser geholt und ihr die 20 Zentimeter lange Klinge acht Mal in die Brust gestochen haben. Die Frau verblutete. Nach der Tat flüchtete der junge Deutsche laut Anklage mit rund 14 000 Euro, die er aus der Kommode gestohlen haben soll."

Leser ist irritiert

Daraufhin meldete sich Thomas K. per Mail zu Wort: "Oft genug haben Sie Ihren Lesern (...) ausführlich erklärt, wann die Nennung der Nationalität eines Täters keine Relevanz für die Berichterstattung hat und ergo nicht erwähnt wird. Und jetzt das: (...) im Artikel ,Mann soll Großmutter ermordet haben' dieser Fauxpas: ,Nach der Tat flüchtete der junge Deutsche laut Anklage ...' ,Der junge Deutsche': Welche Relevanz hat hier die Nationalität des Täters? Bitte klären Sie mich auf. Sie widersprechen meiner Meinung nach Ihren eigenen Grundsätzen. Kopfschütteln."

Meiner Antwort an Thomas K. schickte ich folgenden wichtigen Satz voraus: "Wir widersprechen unseren eigenen Grundsätzen nicht." Ich verwies auf Ziffer 12 (Diskriminierungen) des Pressekodex, in der es wörtlich heißt: "Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden." Richtlinie 12.1 (Berichterstattung über Straftaten, gültig seit 22. März 2017) besagt: "In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse."

In den Praxisleitsätzen des Presserats zur Richtlinie 12.1. ist dazu festgehalten: Für ein begründetes öffentliches Interesse an der Nennung der Zugehörigkeit von Tätern oder Tatverdächtigen zu einer Gruppe oder Minderheit kann sprechen, wenn unter anderem folgender Sachverhalt gegeben ist: "Es liegt eine besonders schwere oder in ihrer Art oder Dimension außergewöhnliche Straftat vor." Als Beispiele nennt der Presserat Terrorismus, organisierte Kriminalität, Mord, Folter und außerdem den Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund im Jahr 2017.

Es besteht öffentliches Interesse

Der Artikel unter der Überschrift "Mann soll Großmutter ermordet haben" erfüllt also zwei Voraussetzungen: Es besteht begründetes öffentliches Interesse an der Tat, es handelt sich um eine besonders schwere Straftat. Insofern ist es statthaft, von einem jungen Deutschen zu schreiben.

Ein weiterer Fall, der in dieser Woche auf meinem Schreibtisch landete: eine Polizeimeldung ("Schlägerei ruft Polizei auf den Plan") in der Weidener Lokalausgabe. Es ging um einen Streit zwischen sechs jungen Männern vor dem Haupteingang des neuen Einkaufszentrums NOC. Sie prügelten aufeinander ein, nach der Auseinandersetzung, die die Polizei beendete, benötigte keiner der Beteiligten ärztliche Hilfe. Nun müssen sich die Herrschaften, deren Nationalitäten in der Meldung nicht erwähnt wurden, wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

"Päpstlicher als der Papst"

Leser Ralph S. gefiel die Berichterstattung nicht. Er schrieb an mich: "Ich war selbst Zeuge. Der neue Tag wird päpstlicher als der Papst. Dass nur ja keiner ausländerfeindlich wird. Der NT als moralische Instanz. Zum Lachen. Jeder, der abends ins NOC geht, weiß doch, dass das junge Asylbewerber waren, die verordneterweise nichts tun dürfen außer rumzustehen. Nur der NT glaubt, den Leser täuschen zu müssen mit Halbwahrheiten. Selbst das Fernsehen ist mittlerweile ehrlicher. Sorry, so verliert man Leser. (...) Ich bin aber kein AfDler, traditionell SPD. Aber bitte keine Manipulationen, auch wenn der Presserat sonst was erzählt. Ich höre viel rum, und jeder ist sauer über so was von Verlogenheit. Man muss noch nennen dürfen, was an Integration schief läuft. Wenn die nur rumhängen, kommen sie natürlich auf dumme Gedanken."

Schnell entsteht ein Vorurteil

Dazu lässt sich festhalten: Die Schlägerei erfüllte keine der vom Presserat formulierten Voraussetzungen für eine Nennung der Nationalitäten der Beteiligten. Ein begründetes öffentliches Interesse ist für mich nicht zu erkennen. Die Nationalität spielt auch für das Verständnis des Geschehens vor dem NOC keine Rolle. Eine Notwendigkeit, die Herkunft zu nennen, ist daher nicht ersichtlich. Es war zudem eine Schlägerei unter vielen, mit denen es Polizeibeamte immer wieder zu tun bekommen.

Anmerken möchte ich: Unter den sechs Beteiligten waren auch ein Deutscher und ein in Deutschland geborener junger Mann. Das sagte mir Weidens Polizeisprecher Mario Schieder auf Nachfrage. Das Recherche-Ergebnis teilte ich Ralph S. mit, der es so kommentierte: "Man sieht tatsächlich mal wieder, wie schnell man Vorurteilen zum Opfer fällt. Man denkt bei Bärtigen sofort an junge Syrer, dabei ist Vollbartschmuck mittlerweile eine gängige Modeerscheinung."

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