"Es braucht dringend ein Anziehen der Konjunktur und eine höhere Nachfrage", ordnete der Präsident des bayerischen Handwerkstages (HWT), Franz Xaver Peteranderl, die aktuelle Lage ein. Über alle Gewerke hinweg bewerten derzeit 81 Prozent der gut 210.000 bayerischen Handwerksbetriebe ihre Situation als gut oder zufriedenstellend, etwas weniger als im Vorjahreszeitraum. Allerdings werden die Lücken in den Auftragsbüchern größer. Im Durchschnitt sind die Betriebe noch für 9,2 Wochen ausgebucht, eine halbe Woche weniger als vor einem Jahr. Hochgerechnet auf das Jahresende werden nach Einschätzung Peteranderls die Umsätze nach Abzug der Preissteigerung real auf Vorjahresniveau stagnieren.
Im Bereich der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz schätzen derzeit nur 78 Prozent der Handwerksbetriebe ihre Geschäftslage als gut oder befriedigend ein, deutlich weniger als vor einem Jahr. Die Umsätze im oberfränkischen Handwerk sind im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent gesunken, so stark wie sonst nirgends in Bayern. Der Auftragsbestand liegt mit 9,8 Wochen weiter über dem Landesdurchschnitt, aber um fast zwei Wochen unter Vorjahr. Für die kommenden Monate rechnen 82 Prozent der Betriebe mit gleichen oder besseren Geschäften.
Demographie schlägt durch
Mit einem Minus von einem Prozent rechnet Peteranderl bei der Beschäftigung. Aktuell arbeiten rund 943.500 Menschen im bayerischen Handwerk. Der Rückgang sei vor allem demographisch bedingt. "Es gehen mehr Menschen in den Ruhestand als neu ausgebildete nachkommen oder aus dem Ausland ersetzt werden können", sagte Peteranderl. Nach Auskunft des HWT-Hauptgeschäftsführers Frank Hüpers wurden heuer bislang mit 15.500 2,4 Prozent mehr Lehrverträge abgeschlossen als im Vorjahr. "Das ist erfreulich, aber nicht ausreichend", betonte er. Aktuell meldeten die bayerischen Arbeitsagenturen 37.100 offene Stellen im Handwerk bei nur 18.000 entsprechend qualifizierten Arbeitssuchenden.
Vor diesem Hintergrund betonte Hüpers, dass die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland "aus unserer Sicht unverzichtbar" sei. Dazu müssten allerdings die Rahmenbedingungen weiter verbessert werden. Es brauche eine "echte Willkommenskultur", die schnellere Erteilung von Aufenthaltserlaubnissen, die raschere Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen und vor allem mehr Hilfe bei Wohnungssuche und Integration. Nur so könnten ausländische Fachkräfte auch langfristig gehalten werden.
Lob für Söder
Zum von der Bundesregierung angedachten befristeten Steuerrabatt für ausländische Fachkräfte äußerte sich Peteranderl skeptisch. Dieser führe zur Ungleichbehandlung mit bereits in den Betrieben tätigen Mitarbeitern. "Wir sollten vermeiden, Unfrieden in den Belegschaften zu stiften", sagte er. Besser sei eine Steuerreform, die alle entlaste und mehr Bereitschaft für Überstunden wecke. Denn insgesamt müsse das Volumen der geleisteten Arbeitsstunden je Beschäftigtem wieder steigen. Laut Peteranderl ist die Kopfzahl der Beschäftigten in den vergangenen Jahren um 18 Prozent gestiegen, die der geleisteten Stunden aber nur um zwei Prozent. Auch diese Lücke müsse zur Bewältigung des Fachkräftemangels geschlossen werden.
Positiv äußerten sich die Handwerksspitzen zum von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) angekündigten Entbürokratisierungspaket. Dieses sei ein "insgesamt wuchtiger Aufschlag", sagte Hüpers. Es brauche aber an manchen Stellen noch "gewisse Nachjustierungen". Konkret nannte er die geplanten Vereinfachungen im Vergaberecht. Aus Sicht des Handwerks schränke eine deutliche Anhebung des Mindestauftragswert für eine Vergabe ohne Ausschreibung den Wettbewerb ein, weil so leistungswillige Betriebe gar nicht von dem Auftrag erführen.













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