München
Update 27.04.2026 - 15:22 Uhr

Dieter Reiter verabschiedet sich - Was bleibt?

Reiter richtet noch einmal das Wort an seine Stadt - zum Abschied. Was bleibt in Erinnerung von dem Mann, der München zwölf Jahre lang regierte?

„Es war mir eine große Ehre, zwölf Jahre lang Ihr Oberbürgermeister zu sein“, schreibt Dieter Reiter an die Münchnerinnen und Münchner. Es ist ein Abschiedsbrief an die Bürger der Stadt, die der SPD-Politiker seit 2014 regierte. „Alles Gute für Sie – bleiben Sie unserer Heimatstadt verbunden, ich werde es auch immer sein.“

Reiter dankt für „Miteinander“

Reiter spricht ein Lob aus: „München hat Zusammenhalt gezeigt, hat angepackt und ist seinen Weg gegangen – verlässlich, solidarisch und mit einem klaren Blick nach vorn.“ Mit Blick auf die künftigen Herausforderungen sagt er: „München hat dafür die Kraft. Weil diese Stadt von Menschen wie Ihnen getragen wird, die Verantwortung übernehmen, die sich einbringen und die füreinander da sind. Für dieses Miteinander danke ich Ihnen herzlich!“

Er wolle sich „selbstverständlich“ nach seiner Wahlniederlage „in geeigneter Form verabschieden“, hatte der 67-Jährige angekündigt und wählt dafür nun keinen öffentlichen Auftritt, sondern ein Schreiben, das die Stadt München veröffentlicht - und das keinerlei Rückkanal für Reaktionen bietet. Seine Social-Media-Kanäle sind ebenfalls seit Wochen deaktiviert. 

Erst krankgeschrieben, dann freigenommen

Nach dem Abend seiner überraschenden und überraschend deutlichen Wahlniederlage gegen seinen 35 Jahre alten Herausforderer Dominik Krause (Grüne) am 22. März war Reiter gewissermaßen abgetaucht, nach eigenen Angaben wegen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Einige Wochen lang war er krankgeschrieben. Inzwischen hat er sich freigenommen, um sich weiter zu erholen. 

In seiner Amtszeit, die am 1. Mai endet, wird er sich damit wohl nicht mehr öffentlich zeigen - erst am 11. Mai wieder. Dann will er seinem Nachfolger Krause persönlich die Amtskette umhängen. 

Glückliche Hand und bezahlbare Mieten

Krause und der neuen Stadtregierung wünscht der langjährige Kommunalpolitiker eine „glückliche Hand“, „und vor allem Entscheidungen, die München für Sie alle lebenswert und bezahlbar halten“. Insbesondere das Wohnen müsse bezahlbar bleiben. „Mieten dürfen nicht darüber entscheiden, ob man in dieser Stadt bleiben kann oder nicht.“ Ein Thema, das auch Krause am Herzen liegt. 

FC-Bayern-Affäre im Stadtrat - ohne Reiter

Reiter wird, wie ein Sprecher der Stadt mitteilte, an diesem Mittwoch auch nicht an der letzten Sitzung des derzeit noch amtierenden Stadtrates teilnehmen, in der es auch um ihn geht. Auf der Tagesordnung steht - in nicht-öffentlicher Sitzung - seine Tätigkeit für den FC Bayern, die vor der Kommunalwahl Schlagzeilen machte und ihn womöglich die sicher geglaubte dritte Amtszeit kostete.

Reiter hatte München weitgehend souverän und skandalfrei durch zwölf teils turbulente Jahre lang gesteuert, inklusive Flüchtlingskrise, Corona-Pandemie und immer klammer werdenden kommunaler Kassen. 

In Krisenzeiten wie nach dem OEZ-Anschlag 2016 oder nach dem tödlichen, islamistischen Terroranschlag am Stiglmaierplatz mit zwei Toten im vergangenen Jahr fand er stets die richtigen Worte - und beim Anzapfen auf dem Oktoberfest, der seiner Ansicht nach „wichtigsten Aufgabe“ eines Münchner Oberbürgermeisters, enttäuschte er nie. Zwei souveräne Schläge waren es in den vergangenen Jahren immer. In seinem allerletzten Jahr hätte er es mit einem Schlag versuchen wollen, hatte er einmal gesagt. Dazu kommt es nun aber nicht mehr. 

Nachdem Reiter sich auch sonst keinen großen Fauxpas hatte zuschulden kommen lassen in mehr als einer Dekade, machte er auf den letzten Metern Fehler, die man bei einem solchen Polit-Profi so nicht erwartet hätte: Nicht nur, dass er sich die Tätigkeit für seinen Herzensverein jahrelang nicht hatte genehmigen lassen, er behandelte Kritiker in einer Art und Weise, die nicht wenigen arrogant erschien.

Schließlich musste er zu Kreuze kriechen, gab seine Ämter ab, spendete die 90.000 Euro, die er bis dahin bei den Bayern verdient hatte, an gemeinnützige Zwecke - und versprach komplette Transparenz bei der Aufarbeitung. 

„Fast nicht ganz bei Sinnen“

„Ich war da tatsächlich fast nicht ganz bei Sinnen“, hatte er der Wochenzeitung „Die Zeit“ kurz vor der Stichwahl gesagt, als er noch versuchte, zu retten, was zu retten ist. „Ich war da völlig schiefgewickelt.“ Damals betonte er auch: „Ich hätte ans Rednerpult gehen müssen und sagen, was Sache ist. Das ist mir beileibe nicht gelungen.“ Und diese Gelegenheit lässt er nun erneut verstreichen. 

Damit läuft er Gefahr, dass vor allem das in Erinnerung bleibt, was er wohl am liebsten selbst schnell vergessen würde: seine schwierigen letzten Wochen im Amt - und sein unrühmlicher Abgang, das Ende der SPD-Herrschaft im Münchner Rathaus nach Jahrzehnten. 

Am Ende ist es darum womöglich ein Bild, das von seiner Amtszeit in Erinnerung bleiben dürfte: der Abend der Wahlniederlage, Dieter Reiters Schatten, der auf den Wahlslogan „Team SPD“ fällt - und aus dem Schriftzug „Tear SPD“ macht - Träne.

© dpa-infocom, dpa:260427-930-998964/2

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