Die bayerischen Kommunen halten das von CSU und Freien Wählern in ihrem Koalitionsvertrag festgeschriebene Ziel von 180 000 zusätzlichen Kinderbetreuungsplätzen bis 2028 für unrealistisch. Hauptgrund ist der schon jetzt in Kitas und Betreuungseinrichtungen herrschende Fachkräftemangel, der zu zeitweisen Schließungen und Einschränkungen bei den Angeboten führt. Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi fehlen in den bayerischen Kitas bereits rund 10 000 Erzieherinnen und Erzieher. Beim Bayerischen Gemeindetag heißt es, vor diesem Hintergrund könnten die für den weiteren Ausbau nötigen Fachkräfte "in absehbarer Zeit nicht gewonnen werden". "Wir können uns die Leute ja nicht schnitzen", erklärte Verbandspräsident Uwe Brandl (CSU) auf Anfrage. Die Staatsregierung will 50 000 Plätze für Kinder unter sechs Jahren sowie 130 000 zur Gewährleistung des Rechtsanspruchs auf Ganztag für Grundschüler ab 2026 schaffen.
Auch beim Bayerischen Städtetag ist man mehr als skeptisch. "Den Kita-Ausbau und den Rechtsanspruch auf Ganztag werden wir nicht hinbekommen. Nicht weil wir es nicht wollen, sondern weil uns das Personal dafür fehlen wird", berichtete der Vorsitzende Markus Pannermayr (CSU) vor einer Woche. Problem ist laut Brandl nicht nur eine nicht ausreichende Bewerberzahl, sondern auch der Trend zur Teilzeitbeschäftigung. Als Hauptgrund für diesen nennen Beschäftigtenvertreter die steigende Arbeitsbelastung in den Kitas. "Das System Kita und seine Beschäftigten sind am Limit", warnte Linda Dubiel von Verdi.
Von Stress bis Burn-Out
Die Augsburger Allgemeine veröffentlichte kürzlich eine – allerdings nicht repräsentative – Umfrage unter 2000 Erzieherinnen, in der mehr als die Hälfte der Befragten angab, unter Stress und Überlastung im Beruf zu leiden. 20 Prozent verwiesen auf gesundheitliche Folgen bis hin zum Burn-out. Viele Betroffene gäben deshalb den Beruf auf, was die Personalnot noch vergrößere. Auch die direkten Folgen des Mangels zeigt die Umfrage auf. Demnach kann nur die Hälfte der Erzieherinnen noch pädagogisch arbeiten, die Regel sei dann eine "Verwahrung" der Kinder. Ein Fünftel der Befragten gab zudem an, zeitweise oder längerfristig allein eine Gruppe betreuen zu müssen. Eine umfassende Aufsicht oder das Eingehen auf individuelle Bedürfnisse der Kinder sei dann nicht mehr möglich.
Verdi fordert deshalb derzeit in wöchentlichen bundesweiten Mahnwachen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen an Kitas. Die "Abwärtsspirale" müsse durchbrochen werden. Aktuell führe der erforderliche Ausbau der Betreuungsplätze dazu, dass sich das vorhandene Personal auf mehr Einrichtungen verteile. Dadurch werde die Personaldecke in den einzelnen Kitas immer dünner, die Verlässlichkeit des Angebots fragiler, beschreibt Dubiel die derzeitige Entwicklung. Zur Lösung des Problems hat der Deutsche Kita-Verband in dieser Woche ein Forderungspaket an die Politik gerichtet. Kernpunkte sind bezahlte Ausbildungswege, attraktive Arbeitsbedingungen, bundesweit einheitliche Anerkennung von Qualifikationen sowie die Anwerbung und rasche Anerkennung von Fachkräften aus dem Ausland.
Hoffnung Quereinsteiger
In Bayern sind für den Betrieb und das Personal in den Einrichtungen zur Kinderbetreuung die Kommunen zuständig. Sie erhalten dafür vom Freistaat finanzielle Unterstützung. Nach Einschätzung des Gemeindetags ist diese aber angesichts der Herausforderungen und Ausbauziele mit einem erhöhten Raumbedarf "unzureichend". Es brauche gerade mit Blick auf den Rechtsanspruch auf Ganztag ganzheitliche Ansätze. Schulen müssten bei der Betreuung mehr Verantwortung übernehmen und auch in der Ferienzeit ihre Angebote ausweiten, heißt es aus dem Verband. "Es muss jede finanzielle Anstrengung unternommen werden, die Gemeinden zu unterstützen und für die Kinder die besten Grundsteine zu legen", formuliert Präsident Brandl. Sehr optimistisch ist man da beim Gemeindetag aber nicht. Auf die Frage, ob man im Notfall auch größere Kita-Gruppen und Abstriche bei der Qualität der Kinderbetreuung mittragen würde, lautet die Antwort eines Sprechers: "Ja, wahrscheinlich wird es genau darauf hinauslaufen."
"Bayerns Familien können auf eine verlässliche Kinderbetreuung vertrauen", hält dem die zuständige Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) entgegen. Um den stetig wachsenden Bedarf an qualifiziertem pädagogischen Personal und an Betreuungsplätzen zu sichern, handle die Staatsregierung entschlossen. Die für die Personalgewinnung zuständigen Kommunen würden "massiv unterstützt", die dafür vorgesehenen Mittel im kommunalen Finanzausgleich seien zuletzt immer wieder erhöht worden. So seien die Ausbildungskapazitäten erweitert worden, außerdem würden verstärkt pädagogisch geschulte Teamkräfte sowie Verwaltungskräfte zur Unterstützung des Fachpersonals eingesetzt. Man setze auch auf Quer- und Neueinsteiger sowie die rasche Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen. Änderungen am Betreuungsschlüssel oder den Qualitätsstandards seien aktuell nicht geplant.













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