12.02.2019 - 16:44 Uhr
NabburgDeutschland & Welt

Wortstürme durch Hirn und Raum

Zwischen Clown und Anarchist: Arnulf Rating begeistert mit seinem Politkabarett im Nabburger Schmidt-Haus

Mit dem schmeichelnden Satz: „An der Publikumszahl gemessen ist Nabburg im Vergleich zur Hauptstadt Berlin eine Kulturhauptstadt“ komplimentiert der scharfzüngige Kabarettprofi seine Zuhörer nach Hause.
von Redaktion ONETZProfil

Außen an der Hauswand hat der umtriebige Bauschätzer Karl Schmidt 1930 sein Lebensmotto "Carpe diem" in den Putz gekratzt. Drinnen, hinter der Fassade, an der Stirn-Seite des Nabburger Kleinkunstbühnenraums im Schmidt-Haus kratzt der Politkabarettist Arnulf Rating an den gegenwärtigen Gesellschaftszuständen.

Bei seiner solistischen Performance außerhalb der ZDF-"Anstalt" fasst er heikle heiße Themen an, erfasst ihren Hinter- und Widersinn und versucht sie den Zuhörern auf die ihm eigene anarchistische Art kabarettistisch nahezubringen. Einem "Tornado" gleich, so lautet auch das Motto des Abends, fegen an diesem Abend in Nabburg wirbelnde Wortstürme durch Hirn und Raum.

Angebliche Verspätung

Ein Zweimetermann mit einem Stahlkoffer zwängt sich durch die dicht besetzten Reihen. Seine angebliche Verspätung begründet er mit der Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn. Die bekannten Probleme seien von den "abgehalfterten Politikern" gemacht, die die Bahn aus den Gleisen reformieren.

Beim Auskleiden legt er nach, dass er auch noch nichts essen konnte, wegen des Speisewagenausfalls. Sobald der Hut an der Garderobe hängt, kommt der ungeschminkte Clown mit den weit abstehenden Haaren, die der Frisur von Kim Jong-un ähnelten - nur eben umgekehrt - zum Vorschein. Rating setzt sich hin, packt ein gebratenes Hähnchen aus und bespricht mit vollem Mund das nächste Thema: Massentierhaltung. Eigentlich sei vegetarisch, streng genommen sogar vegan. Aber er habe hier auf die Schnelle nichts gefunden. Weiter geht es mit der "giftgrünen Berliner Woche" und vegetarischer Fleischerei, schädlichem Glyphosat, dessen Ergebnisse man bei "Bauer sucht Frau" ansehen könne. Später dekliniert er die austauschbaren Glieder der Lebensmittelketten durch und landet am "Endlager aller Verbraucherträume: in Tonne und Urne". Für die Fahrt dorthin habe jeder Deutsche einen "Müllführerschein". Der Schwenk von der Schiene aufs Wasser zur Kreuzfahrt-Flotte auf dem MS "Mumienschlepper" erntet die erwarteten lauten Lachreaktionen.

Spitze Kommentare

Aus dem Koffer zieht der kabarettistische Clown in roten Lackschuhen gedruckte Titel-Botschaften und hält sie dem Publikum vor. Da fegt der erste anarchistische Wirbelsturm durch die Gedankengänge. Er entblättert seriöse und weniger solche Presseprodukte mit schnellem, angefeuchtetem Finger und spitzen, treffenden Kommentaren. Dabei kreiert er auch seinen Running Gag des Abends, die Reminiszenz an die Lokalzeitung "Der Neue Tag". Die "unglaublich dicke Fachzeitschrift" als Kulturgut der Menschen in der Region könne dem Kabarettisten als "Fachblatt" dienen.

Die erste große Zeitungsschelte ist der Aufhänger für die folgenden Themen, die Ratings Sprach- und Sprech-Tornado durcheinanderwirbelt. Sie geraten in den Sezierstrudel im ursprünglichen Wortsinn: umdrehen, wenden. Er kippt die Sätze um, um ihre Bedeutung in ein, zwei Wörtern neu auf die richtigen Beine, nicht nur Füße, zu stellen. Seine aberwitzigen Pointen fallen dabei gelegentlich sehr bösartig aus, schlagen ein bis an die Schmerzgrenze, sehr selten verlassen sie die geschmacklich gute Scherzgrenze ((sic!)). Eine politische Kabarett-Kracher-Batterie entlädt sich im ersten Teil.

Der kabarettistische Wirbelwind prophezeit der Bundeskanzlerin Angela Merkl aus dem "vollkommen unterfremdeten Mecklenburg-Vorpolen" mit ihrer "Palliativpolitik" den Niedergang. Denn Polen sei offen, seit sich die geöffnete Mauer als "tragende Wand" herausgestellt hat. Und dann gäbe es die Probleme mit dem Nahen Osten - ja sicher auch mit dem nahen.

Fazit und der Versuch einer Antwort auf die Unmenge von offenen Fragen: "Was soll ich Ihnen sagen? Sie googeln doch eh alles." Die zugegebene Szene der Krankenschwester mit den langen kupfernen Zöpfen versucht zu korrigieren, was der Spott-Tornado zwei Stunden lang als krank diagnostiziert hat: "Geben Sie nicht so viel drauf. Möglicherweise hat der Rating vergessen seine Tabletten zu schlucken."

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