19.07.2019 - 17:48 Uhr

Nah am grünen Volk

Von der CSU lernen, heißt siegen lernen. Die Grünen haben schnell begriffen: Langfristiger Erfolg hat nur, wer in der Fläche präsent ist. Jetzt blasen die bayerischen Ökos zum Sturm auf die Rathäuser.

Grünes Duo beim Redaktionsgespräch: Fraktionsvorsitzender Ludwig Hartmann und schulpolitische Sprecherin Anna Toman. Bild: jrh
Grünes Duo beim Redaktionsgespräch: Fraktionsvorsitzender Ludwig Hartmann und schulpolitische Sprecherin Anna Toman.

Eine Revolution wollen der sachliche Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag und deren schulpolitische Sprecherin aus Bärnau freilich nicht ausrufen. Im Redaktionsgespräch skizzieren Ludwig Hartmann und Anna Toman einen unaufgeregten Weg zu mehr Einfluss: "Bei den derzeitigen Umfragewerten werden wir in jedem Gemeinderat mit zwei, drei Leuten vertreten sein", freut sich Hartmann, der mit einem Münchener Direktmandat im Maximilianeum sitzt.

Grüner Sepp vor Ort

"Wenn jeder sieht, da ist der Sepp dabei, den kenn ich", erklärt der Landsberger Kommunikationsdesigner, "dann verlieren die Leute die Angst, wir könnten ihnen Unmögliches abverlangen wollen." Trotz abnehmender Parteienbindung und rasanten Stimmungsumschwüngen rechnen die Grünen damit, so ihren Höhenflug zu festigen: "Es ist jetzt anders, als beim Auf und Ab nach Fukushima", verweist Hartmann auf den seit geraumer Zeit verteidigten zweiten Platz im Parteiengefüge. Auch einen Einbruch nach einer Regierungsbeteiligung, hält er nicht für zwangsläufig: "Man muss unpopuläre Entscheidungen gut erklären."

Inhaltlich schwimmen die Grünen sowieso mit der aktuellen Strömung - vom erfolgreichen Volksbegehren Artenvielfalt über die Freitagsdemos der Schüler bis zum Lob des einflussreichen Bloggers Rezo: Die Grünen sind die Partei der Stunde und der nächsten Generation.

Um da nicht abzuheben, fokussieren sich die Pragmatiker erst recht auf die Mühen der Ebene. Dass der Fraktionsvorsitzende seinen Schwerpunkt ausgerechnet beim ländlichen Raum, Leib- und Magenthema der CSU, setzt, ist kein Zufall. Und die Grünen mühen sich redlich, gerade auch mit ihren ärgsten Gegnern auf einen grünen Zweig zu kommen: "So viele Gespräche mit dem Bauernverband gab's noch nie", betont Hartmann, der Söders Versöhnungsgesetz lobt: "Es wäre fatal gewesen, wenn es zu einem monatelangen Streit zwischen Naturschützern und Bauernverband gekommen wäre."

  • Die Landwirte will Hartmann nicht nur mit seinem 24-stündigen Praktikum überzeugen, das er bei einem Milchviehbetrieb absolvierte, sondern mit dem Einsatz für mehr Wertschätzung in der Gesellschaft: "Ich habe noch keinen Bauern getroffen, der gerne sein Land vergiftet oder seine Tiere schlecht behandelt." Die Landwirte seien über Jahrzehnte von der Politik des Wachsens oder Weichens in eine Sackgasse getrieben worden. "Die Politik muss dafür sorgen, dass regionale Bioprodukte eine faire Chance bekommen." Etwa durch entsprechenden Einkauf staatlicher Stellen für Kantinen von Kitas, Schulen und Behörden oder das Verbot extremer Dumpingpreise.
  • Schulpolitisch wollen die Grünen mit flexiblen Lösungen und mehr Durchlässigkeit für mehr Chancengleichheit sorgen: "In der vierten Klasse über die Zukunftschancen der Kinder zu entscheiden, wird der individuellen Entwicklung nicht gerecht", kritisiert Toman. Auch Mittel- und Berufsschulen, die immense Herausforderungen von der Digitalisierung bis zur Integration leisten müssten, will sie stärken: "Es wird zu viel übers Gymnasium diskutiert, das in Bayern schon sehr gut ist."
  • Flexible Lösungen fordert Hartmann auch für die Daseinsfürsorge im ländlichen Raum: "Die Staatsregierung sollte die Nutzung von Leerständen als Gemeindezentren fördern, wo der Sparkassen-Berater für eine Stunde seinen Laptop aufstellen, der Hausarzt eine mobile Sprechstunde abhalten kann."
  • Unbürokratische Wege möchten die Grünen auch beim Öffentlichen Nahverkehr beschreiten: "Der Anrufbus Baxi ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Nachfrage wächst, wenn ein gutes Angebot geschaffen wird", fordert Toman langfristige Finanzsicherheit für das Tirschenreuther Modellprojekt. "Inzwischen wurde es auf die Landkreise Neustadt, Schwandorf und Cham ausgedehnt." Je einfacher die Nutzung, desto erfolgreicher könnten Bus und Bahn konkurrieren: "Wir brauchen einen Bayerntarif", fordert Hartmann, "im Zeitalter des Smartphones muss es möglich sein, die jeweiligen Teilstrecken anschließend kalkulatorisch aufzuteilen."
 
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