"Ein Film für die Ohren"

Ein als „Tatort“-Kommissar als begnadeter Vorleser, eine Textcollage als Vorlage für Kriminalfälle der 1920er Jahre, drei schräge Musiker – und eine Fliege: Udo Wachtveitl inszenierte ein „Mörderisches Bayern“.

Udo Wachtveitl als grandioser Sprecher und Hans Kriss als Erzähler begeisterten mit ihrem Programm "Mörderisches Bayern".
von Redaktion ONETZProfil

Abwechselnd strahlten die Scheinwerfer auf die jeweiligen Akteure auf der Bühne, die nur mit zwei Tischen und den Musikinstrumenten ausgestattet war. Auf einem nahm Hans Kriss Platz, der als Erzähler die von Autor Robert Hültner selbst zusammengestellten besten Szenen aus dessen drei preisgekrönten Romanen „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“, „Walching“ und „Die Godin“ miteinander verband. Am anderen Tisch saß Udo Wachtveitl, diesmal nicht als Kommissar Franz Leitmayr und mit völlig anderer Dramaturgie als in seinen Fernsehfilmen, wo „nach 88 Minuten der Täter ermittelt wird“, sondern mit einem „Film für die Ohren“, bei dem man nicht mitraten kann und auch mehr Morde passieren.

Mit angenehmer, hinsichtlich Artikulation, Betonung, Tempo, Lautstärke und Tonhöhe geschulter Stimme, mit va-riierender Mimik und beeindruckender, facettenreicher Sprechkunst, bei der er in verschiedene Rollen die oft in Mundart geschriebenen wörtlichen Reden der Textvorlage umsetzte, offenbarte er ein weiteres seiner Talente, wofür ihm natürlich seine Schauspielausbildung zugute kam. So gab er jeder Person ihren eigenen Charakter, sei es eine keifende junge Frau, ein grantiger Bauer, ein schöntuerischer Verwalter, eine schrullige alte Blinde, ein zwielichtiger, die Menge in seiner Rede mitreißender preußischer Baron oder ein obrigkeitstreuer Wachtmeister. Zugleich ließ Wachtveitl mit der Darstellung der unterschiedlichen Mordfälle das ländliche und städtische Milieu und die Stimmung bei aufkeimender Saat des Nationalsozialismus lebendig werden. Seine Art „Leseinszenierung“ geriet so zu einem „Lese-Erlebnis“.

Inhaltlich wurde in den Episoden des fast zweistündigen Krimiabends um den bayerischen Inspektor Paul Kajetan, der mit Humor und Instinkt in der gar nicht so guten alten Zeit zwischen den beiden Weltkriegen im „revolu-tionären Oberbayern“ ermittelt, in dem die Leute „an Kommunion denken, wenn sie Kommunismus hören“, nicht alles erzählt.

Dem Publikum sollte Raum für ihre Phantasie gelassen und Appetit auf das Lesen der Romane gemacht werden. Im Kino sah Kajetan einmal, wie in einem falsch eingelegten, deshalb rückwärts laufenden Film sich ein zerbrochener Spiegel wieder zusammensetzte. Genauso sollten die Zuhörer die Ereignisse mosaikartig zu einer Einheit ergänzen.

Der erste Teil der spannungsgeladenen Geschichte spielt im Frühjahr 1919 in den armseligen Hütten der Unteren Au in München. Dort brennt ein Haus nieder. Der verdächtige Journalist Meiniger wird tot aufgefunden. Kajetan beginnt mit höchst gefährlichen Recherchen, denn der Mann war offenbar Hintermännern auf der Spur, die für das Attentat auf Ministerpräsident Kurt Eisner verantwortlich sind. Im Dorf Hallberg greift der Verwalter Gassner, der „Schnallenchauffeur“ des Barons, der in dessen Auftrag den Bauern Riemer zum Hofverkauf überreden will, zu drastischen Mitteln.

Im Fall der erschlagenen jungen Sannerl wird der Pflegevater verhaftet. Kajetan landet nach einer Schlägerei selbst im Gefängnis und wird dort verprügelt: „Für an Haftbefehl langts net, für a boar Fotzn ollaweil“. Aus dem Polizeidienst entlassen, ermittelt er auf eigene Faust den angeblichen Selbstmord an der Prostituierten Mia, in die er sich vor kurzem verliebt hatte. Dazwischen gibt es auch bildhafte, poetische Schilderungen, etwa bei der Beschreibung der Dürre im Hitzesommer, des Auffindens einer Leiche, eines aufziehenden Gewitters oder einer Liebesszene. Das alles geht bei gespannter Stille im Saal vor sich, gelegentlich von leisem Kichern oder auch Lachern bei humorvollen Szenen unterbrochen, am Ende aber mit starkem Beifall bedacht.

Für musikalisches Kopfkino sorgten Perkussionist Erwin Rehling, Andreas Koll, der das alles komponierte, mit geheimnisvollen Akkordeonklängen, und der sizilianische Posaunist Sebi Tramontana, der als „Meister der Töne“ sein Instrument schwatzen, plaudern, brüllen, zischeln ließ. Ihre außergewöhnliche Musik unterlegte den Text, rahmte ihn ein, wurde zum gleichberechtigten Protagonisten und heimlichen Star. Läutende Kuhglocken führten von der Stadt aufs Land, Soldaten marschierten, ein Gewittersturm zieht auf, die Liebesbeziehung wird im verwirrten Walzerrhythmus verdeutlicht.

Und dann war da noch die Geschichte mit der Fliege. Die Musiker summten deren Geräusch im Rahmen der Schilderung des heißen Sommers und Wachtveitl imitierte, wie er sie fing, als sich tatsächlich ein solches Insekt auf seinem Textblatt niederließ. Spontan reagierte er: „Ja, wer hat denn dich bestellt? So eine Requisite hatten wir noch nie!“ Darauf hob die Fliege wieder ab, unter dem Gelächter und dem Beifall der Anwesenden. Statt einer Zugabe beratschlagt sich Wachtveitl am Ende kurz mit seinen Kollegen, um den Zuhörern eine Kritik zurückzuliefern: „Erstens waren viele Leute da, zweitens war es sehr schön und drittens hat die Fliege einen Sonderapplaus verdient.“ Und den bekam sie und natürlich auch die Darsteller für ihre fesselnden Darbietungen.

Am Ende gabe es langen Schlussapplaus für das Ensemble.
Akkordeonist Andreas Koll und Posaunist Sebi Tramontana.
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