No Farmer, no Future: Nitrat-Belastung geht uns alle an

Eine Woche vor Eröffnung der Grünen Woche in Berlin laufen die Vorbereitungen für die Protestrituale auf Hochtouren: Landwirte und Landwirtschaftskritiker, Klima-, Tier-, Umwelt-, sowie Verbraucherschützer, Politiker und Funktionäre liefern sich eine Straßenschlacht plakativer Sprüche: "Wir haben es satt" gegen "No Farmer, no Future".

Ein kleiner Junge steht bei einer Protestaktion von Bauern gegen das Agrarpaket der Bundesregierung vor Kinder-Treckern.
von Jürgen Herda Kontakt Profil
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Oberflächlich betrachtet protestieren die Bauern gegen die neue Düngeverordnung. Ihre Opponenten haben da ein leichtes Spiel: Unbelehrbare Landwirte wollten weiter Gülle ausbringen und das Grundwasser ruinieren, behaupten sie. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Auch deswegen, weil Landwirte über Jahrzehnte in puncto Düngermengen schlecht beraten und in eine Wachstumsspirale getrieben wurden.

Die Forderung von "Land schafft Verbindung - das Original" (LsVO), die Bundesregierung müsse die neue Düngeverordnung aussetzen, ist naiv. Berlin muss auf die Strafandrohungen aus Brüssel reagieren. Der Ansatz der Freien Wähler, mit einer Verdoppelung der Messstellen erst einmal für eine solide Faktenbasis zu sorgen, ist ein erster Schritt zur Versachlichung der Debatte: Falsche Standorte und Nitrateinträge aus städtischen Abwässern bringen zu Unrecht verdächtigte Landwirte verständlicherweise auf die Barrikaden.

Schal wie Industrie-Fraß

Dort, wo auch verbesserte Messstellen in den roten Gebieten zum selben Ergebnis kommen, müssen die Bauern ihr Düngeverhalten auf den Prüfstand stellen. Richtig ist aber auch: Tierwohl, Insekten- und Grundwasserschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Solange die Mehrheit der Verbraucher lieber zur Billigware greift, für deren Herstellung Erntehelfer ausgebeutet, Grundwasser verseucht und die Tausende Kilometer transportiert wird, anstatt zu hochwertigen Oberpfälzer Lebensmitteln, bleibt die Kritik schal wie Industrie-Fraß.

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A. Schmigoner

Bayern droht jetzt mit „Nein“ zur Düngeverordnung im Bundesrat und möchte das Gesetz zu Fall bringen. Ein Gesetz, das die CSU-Abgeordneten im Bundestag mit beschlossen haben.
Kurz vor dem Ende der Anhörungsfrist der Länder zur neuen Düngeverordnung stellen Bauernvertreter und CSU die dem Entwurf zugrundegelegten Bodenmesswerte infrage. „Es wird angezweifelt, dass aufgrund der Zahl der Messstellen und auch ihrer Lage wirklich ein objektives Bild erreicht wird“, sagte CSU-Landtagsfraktionschef Thomas Kreuzer am Montag zum Auftakt der viertägigen Fraktionsklausur im oberbayerischen Kloster Seeon. Man merkt, es stehen in Bayern wieder Wahlen an.
Angeblich liegen die hohen Meßergebnisse an falschen Meßstellen und undichten Kanälen, so ein gerne verwendetes Argument des Bauernverbandes. Die Wissenschaft hegt da so ihre Zweifel, da die zunehmende Nitratbelastung des Grundwassers seit den 1980-er Jahren von den Wasserwerken thematisiert, aber von der Politik kleingeredet wird.
Bereits 2004 berichtete Onetz: „Wegen Bodenverunreinigung muss sich derzeit ein Landwirt aus dem Altlandkreis Vohenstrauß vor Richter Johann Mirl verantworten. Der 37-Jährige soll im Herbst 2003 auf seinen in einem Wasserschutzgebiet mit Brunnen liegenden Äckern enorme Mengen stickstoffhaltiger Düngemittel verteilt haben, Das führte zu einer mindestens zweieinhalb Meter tief reichenden Nitratbelastung, die das Zehnfache des Normalen überstieg.“
Von den Wasserversorgern wurde die zunehmende Nitratbelastung des Grundwassers langfristig und flächendeckend dokumentiert. Manche Brunnen mussten inzwischen geschlossen werden, -zu viel Nitrat. Die Nitratmesswerte widersprechen den Angaben des Bauernverbandes und lassen vielmehr Rückschlüsse auf eine intensive landwirtschaftliche Überdüngung und auf das Ausbringen von „Importgülle“ schließen. Also ein Ablenkungsmanöver des BBV, der die nun verteufelte Agrarpolitik, die auf reine Flächenförderung, Überproduktion, billig und Export setzt, stets mitgetragen hat. Der Kommentar von Jürgen Herda empfiehlt hochwertige Lebensmittel aus der Oberpfalz. Gibt es in der Oberpfalz nicht auch riesige Geflügelmastanlagen, Großschlachtereien (Ponnath, Wolf etc.), mit Billigarbeitern? Lebendtransporte von Rindern um den halben Erdball, nitratverseuchte Wassergewinnungsanlagen und Milchhöfe, die Milch aus der CR importieren und ihre Produkte weltweit exportieren? Oder sind wir eine Insel der Glückseligen? Welche Rolle spielt die immer weiter fortschreitende Industriealisierung der Landwirtschaft und die diese Entwicklung begünstigende Förderpolitik, die wiederum von DBV und BBV bis heute mitgetragen wird?
Die Reportage der Reihe „Die Story“ vom 29. April 2019 der ARD: „Gekaufte Agrarpolitik – wie Industrie und Agrarlobby durchregieren“ zeigt Verbindungen auf, die die Entscheidungsträger der Agrarpolitik untereinander pflegen. „Es ist ein dichtes Geflecht aus Politikern, Agrarkonzern-Managern, Bankern und Verbandsfunktionären, das in Brüssel und Berlin maßgeblich mitbestimmt, wie Landwirte arbeiten und was bei Verbrauchern auf dem Teller landet. (…) Viele, die als Interessensvertreter ihres Berufsstandes und in Parlamenten unterwegs sind, hängen eng mit Düngemittelfirmen, Molkereien, Landtechnikherstellern oder Banken zusammen. Die Landwirtschaftspolitik in Brüssel und Berlin ist durchsetzt von Abgeordneten, die auch Lobbyisten sind.“ Wie die Süddeutsche Zeitung aus der zugrunde liegenden Studie zitiert, sei das ein wesentlicher Grund dafür, weshalb Umwelt und Natur, Tierwohl, Gewässer- und Klimaschutz bei politischen Entscheidungen häufig auf der Strecke blieben. "Ambitionierte Bemühungen" um Reformen in der Agrar- und Umweltpolitik, sowie eine bessere landwirtschaftliche Praxis würden "systematisch von Interessenvertretern verhindert oder deutlich verwässert", heißt es. Von "Hinweisen auf eine koordinierte und strategisch orientierte Einflussnahme auf Prozesse der Meinungs- und Willensbildung, sowie von politischen Entscheidungsprozessen" wird berichtet.

20.01.2020