30.12.2019 - 14:54 Uhr
NürnbergDeutschland & Welt

Handkes "Kaspar" im Staatstheater Nürnberg

Jan Philipp Gloger inszeniert in Nürnberg Peter Handkes Schauerspiel „Kaspar“. Der Zuschauer gerät an seine Grenzen.

Wer bin ICH eigentlich und was macht mich aus?: Janning Kahnert, Felix Mühlen und Maximilian Pulst gelingt in Nürnberg der Spagat zwischen bitterböser Zeitdiagnose und hochvergnüglichem Sprach-Spiel.
von Günter KuschProfil

Da steht er nun, und weiß nicht weiter. Statt Sätze zu formen, fehlen ihm die Worte. Stummheit statt Stilbildung. Am Ende des Stücks "Kaspar", das derzeit am Staatstheater Nürnberg zu sehen ist, steht der Autor Peter Handke rat- und sprachlos vor dem Publikum. Die Idee, den umstrittenen Literatur-Nobelpreisträger in seinem eigenen Werk auftreten zu lassen, ist natürlich eine Reaktion auf dessen umstrittene Haltung zu Serbien. Regisseur Jan Philipp Gloger lässt Handke sogar von drei Personen verkörpern. Sein kritischer Ansatz wird klar, als ein Autogrammjäger den Bühnen-Handke löchert: "Wie kann jemand, der so genau über Macht und Sprache nachdenkt, solche Sachen sagen?"

Als der Schauspielchef Handkes frühes Schauspiel "Kaspar" für diese Spielzeit ins Programm aufnahm, war die Nobelpreisverleihung mit ihren Folgen noch nicht im Blick. Gloger hatte das Werk bereits vor sechs Jahren in Mainz produziert und musste nun - aufgrund der aktuellen Debatte - völlig neue Akzente setzen. Zu seinem roten Faden, eine Art "Reise durch die deutsche Geschichte" zu präsentieren, passt die Aktualisierung hervorragend. Und das Publikum darf sich an einer Aufführung erfreuen, die mit einer Menge Humor und kritischem Biss zugleich aufwartet.

Der echte Kaspar Hauser tauchte übrigens 1828 in Nürnberg auf, unverständliche Worte stammelnd und für Aufsehen sorgend. Doch Handke geht es nicht um die Geschichte des Eigenbrötlers. Er will nicht zeigen, wie es wirklich war, sondern "was möglich sei mit jemandem". Statt historische Wahrheit zu präsentieren, demonstriert der Autor, wie jemand durch Sprechen zum Sprechen gebracht, also domestiziert wird. Der geheimnisvolle Findling wird bei ihm zum Modell für einen Zivilisierungsprozess, der letztlich die Identität des Menschen zerstört.

Die Macht der Manipulation durch Sprache - die drei Schauspieler demonstrieren diese Form von "Sprechfolterung" mit ganzem Körpereinsatz. Janning Kahnert und Maximilian Prust als klinikreine Folterknechte zerren Felix Mühlen in der Rolle des "Kaspar" erbarmungslos ins Scheinwerferlicht. Er soll reden, aber er lallt: "Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist". Immer wieder spricht er diesen Satz, während er gnadenlos von seinen Einsagern gegen eine metallene Wand der Emotionslosigkeit geschleudert wird.

Die groteske Verschiedenheit von armer Kreatur und anerzogener Bürgerlichkeit wird verstärkt durch ein Wohnzimmer im Biedermeier-Look, das Bühnenbildnerin Judith Oswald mit großer Sorgfalt ausgestattet hat. In diesem Raum entladen sich, sprachgewaltig, Themen wie "Macht" und "Verletzung" oder "Flucht" und "Bedürftigkeit". Nicht sprechen können als Ohnmacht, das Unvermögen einer Gesellschaft, mit dem Fremden umzugehen? Schon diese wenigen Andeutungen zeigen: Wer sich diesem "Kaspar" in Nürnberg widmet, gerät an Grenzen des Mitdenkenkönnens, die aber durchaus Spaß machen.

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