13.03.2019 - 14:20 Uhr
NürnbergDeutschland & Welt

Das Leben zu Protokoll geben

Frederick Kaufmann übernimmt die Stelle des Polizeioberwachtmeisters von Randhausen, nahe der tschechischen Grenze. Es ist eine Frage der Zeit, bis hier etwas passiert. Das Stück "Am Rand" von Philipp Löhle feierte in Nürnberg Premiere.

Es hilft doch nichts: wenn der Frieden bedroht ist, muss man aufrüsten - oder ist alles nur Phantasie? Im Bild (v.li.n.re.): Michael Hochstrasser (Fabian Martenbach), Tjark Bernau (Protokollant B).
von Günter KuschProfil

Ich trau dem Frieden nicht. Das sagen Eltern, deren Nachwuchs seit einer Stunde im Kinderzimmer spielt, ohne sich die Köpfe einzuschlagen. Oder Politiker, die sich gegenseitig ermahnen, deutlich aufzurüsten. Aber auch in dem kleinen Ort Randhausen, nahe der tschechischen Grenze, liegt etwas Bedrohliches in der Luft. Wie rasch aus Eintracht Zwietracht werden kann, verdeutlicht das neue Stück "Am Rand", das im Nürnberger Staatstheater eine bejubelte Premiere feierte.

Dem Frieden traue ich nicht, meint auch Frederick Kaufmann, der die lange unbesetzte Stelle des Polizeioberwachtmeisters in der oberpfälzischen Wildnis übernimmt. Fahrräder werden nicht abgesperrt. Pakete landen vor unverschlossenen Haustüren. Man tauscht Werkzeuge oder Essen, ohne sich mit Verträgen abzusichern. Selbst Kaufmann gelingt es, in Wohnungen einzudringen und - natürlich nur zur Warnung - daraus Gegenstände zu entwenden. Eindringlich sät er das Misstrauen: Gebt Acht und setzt dem Bösen Grenzen!

Kein Wunder, dass die Bürger irgendwann dem Frieden nicht mehr trauen. Fabian Martenbach errichtet einen Maschendrahtzaun, andere gründen eine Bürgerwehr, zwei Mädchen (fantastisch gespielt von Madita Herzog und Fanny Stahl) ziehen immer wieder in den Wald, um auf Rehen zu reiten oder einen behaarten Troll zu streicheln. Ist das jetzt reine Phantasie oder eben doch Kindesmissbrauch? Auch bei den Zuschauern wachsen Argwohn und Zweifel.

Gut, dass während der zweistündigen Grenzauslotung das ausufernde Geschehen mit Kassettenrecordern protokolliert wird. Pius Maria Cüppers und Tjark Bernau erledigen das gewissenhaft und mit einer herrlichen Portion Selbstironie. Die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler (Stephanie Leue, Maximilian Pulst, Raphael Rubino, Michael Hochstrasser und Adeline Schebesch) schlüpfen dazu - rasant und chamäleonesk - in 17 verschiedene Rollen. Wie sie den Wechsel der Personen und Situationen zeitgenau auf den Punkt bringen, das ist ganz großes Theater!

Hausautor Philipp Löhle trifft mit der Nürnberger Uraufführung "Am Rand (Ein Protokoll)" den Nerv der Zeit. Die Atmosphäre, die er in den Kammerspielen entfaltet - auch dank der 150 Lichtstimmungen, die Tobias Krauß zaubert und dem mitunter düster-dumpfen Bühnenbild von Franziska Bornkamm - macht den Zuschauer zu Voyeuren ihrer selbst. Die Ängste und darauf folgenden Grenzziehungen sind uns bekannt.

Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger inszeniert das listig angelegte Lebens- und Leidensprotokoll mit zwei möglichen Ausgängen. Entweder es herrscht Krieg aller gegen alle - oder der Weltfrieden. Utopie oder Realität? Vielleicht sollten wir dem Frieden einfach mehr zutrauen?

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