16.05.2019 - 16:20 Uhr
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"Ich mache keine Szene, ich stelle fest"

Im Einakter „Herzliches Beileid“ geht es um Kunst, Körper und Geld – und um den Tod, der im völlig falschen Moment anklopft. Premiere hatte das Stück im Staatstheater Nürnberg. Und die hatte es in sich.

"Herzliches Beileid" im Staatstheater Nürnberg: Lustvoll zerfetzt man sich in immer absurderen Anwürfen, Hohlformeln und Floskeln, bis jeder Sinn aus dem längst ritualisierten Kampf entwichen ist. Im Bild (von links): Thomas Nunner (Lucien) und Ulrike Arnold (Yvonne).
von Günter KuschProfil

Dabei hätten die beiden hervorragend zusammengepasst. Georges Feydeaus Komödie "Herzliches Beileid" und Samuel Becketts Drama "Glückliche Tage". Zwei Autoren, die sich immer wieder gekonnt den Irrungen und Wirrungen ihrer Protagonisten widmeten. Doch Becketts Erben machten Dieter Dorns Doppelungs-Idee einen Strich durch die Rechnung. Statt sich auf einen Streit um die Rechte einzulassen, konzentrierte sich der Regisseur auf Feydau. "Herzliches Beileid" muss man ihm dennoch nicht wünschen, wie sich bei der Premiere im Nürnberger Staatstheater zeigte.

So richtig scheinen die beiden nicht zusammenzupassen. Sobald Lucien, von Beruf Buchhalter, und seine Gemahlin Yvonne aufeinandertreffen, fliegen die Fetzen. Oder besser gesagt die Federn. Denn aus eben diesen scheint die stets wütende Gattin nicht herauszukommen. So gönnt sie es ihrem Mann auch nicht, dass er bis spät in die Puppen die Puppen tanzen lässt. Als Sonnenkönig verkleidet jagt der Hobbymaler bei festlichen Empfängen und Bällen dem Glück nach, das seiner Kunst eher nicht vergönnt ist.

Dem Autor Feydeau passte diese Story ganz gut ins Konzept. Mit leichter Feder und schwarzer Humor-Tinte zeichnete er bitterböse Bilder einer durch Untreue und Unwahrheit bedrohten Beziehung. Dieter Dorn, einst Lehrer des Nürnberger Schauspielchefs Jan Philipp Gloger, nimmt diese Bilder gekonnt auf und zaubert daraus 70 unterhaltsame Minuten. Federleicht, wie gesagt, an mancher Stelle dem Absurden und Grotesken nahe, aber witzig und kurzweilig.

Auf seinen Beckett will er dann doch nicht ganz verzichten: Das Eingangsbild, die schlafende Gattin, im Bett thronend und von schmeidigem Samt umgeben, erinnert natürlich an Becketts Winnie, die in einem Sandhaufen feststeckt. Beide haben im eigentlichen Sinne keinen Spielraum mehr und trösten sich fortan über das Gefangensein und ihre ausweglose Lage hinweg.

Dass bei diesem Stück letztlich alles passt, liegt an den Schauspielern, die geschickt alle darstellerischen Register ziehen. Ulrike Arnold als missgünstige, überdrehte und provozierende Hausherrin Yvonne lenkt die Geschicke aller Beteiligten. Thomas Nunner als Lucien weiß nach vielen Ehejahren damit umzugehen. Indem er weinerlich seinen schmerzenden Magen streichelt, erweckt er bei seiner Gattin fürsorgliche Momente. Und wenn die Türglocke wieder erbarmungslos schrillt, verschwinden beide, in ihrer Angst vereint, unter der Bettdecke. Die zwei Dienstboten, Süheyla Ünlü und Yascha Finn Nolting haben es da nicht leicht, mit dieser geballten Schauspielkunst gleichzuziehen.

Warum am Ende der Tod zur falschen Zeit an die Tür klopft und weshalb das zum Totlachen ist, wird an dieser Stelle nicht verraten. Ein Lob für das ansprechende Bühnenbild von Peter Nitzsche soll aber nicht fehlen. Dass er den Ehekrieg in eine Pappschachtel verlegt, zeigt zweierlei: Beziehungen sind brüchig. Und: Selbst wenn die Streitereien zwischen Yvonne und Lucien nicht von Pappe sind, passen die beiden trotzdem ganz gut zusammen.

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